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Interview

wirverbindeneuch.de: "Hallo, hier ist Heidi": Fremde telefonieren miteinander, um gegen die Einsamkeit anzukämpfen

Durch die Coronahilfe-Website wirverbindeneuch.de werden Menschen miteinander telefonisch verbunden, die in Zeiten der sozialen Distanzierung nach Kontakten suchen. Der stern hat mit dem Gründer, Fabio Porta, gesprochen und selbst ein Telefonat geführt.

Eine Frau mit kurzen Haaren telefoniert. Daneben ein Bild von Fabio Porta

Fabio Porta (r.) hat die Website wirverbindeneuch.de gegründet. Dort werden Menschen telefonisch zusammengebracht, die in der Krise nach sozialen Kontakten suchen.

Getty Images

"Hallo, hier ist Heidi. Wollen wir uns siezen oder duzen?" Heidi ist eine Unbekannte, wir haben noch nie voneinander gehört, uns gesehen oder miteinander gesprochen. Doch jetzt sitzen wir hier, am Dienstagnachmittag und telefonieren. 40 Minuten. Einmal von Hamburg nach Bayern und wieder zurück. Zusammengebracht hat uns aber nicht das Schicksal, sondern die Website wirverbindeneuch.de.

Dort werden Menschen, die sich in der sozialen Isolation nach Kontakt sehnen, verbunden. Auf der Website muss man nur wenige Angaben zu sich machen: Vorname, Uhrzeit der Verfügbarkeit, E-Mail-Adresse und, wenn man will, die eigene Nummer. Der Gründer der Seite, Fabio Porta, stellt dann Kontakte zu Menschen mit dem gleichen Verfügbarkeits-Zeitfenster her. "Ich wünsche mir, dass sich so viele Menschen wie möglich austauschen. Dass sie sich trauen und keine Scheu haben, angerufen zu werden oder anzurufen. Dass man sich so die Zeit schöner gestaltet, vor allem, wenn man einsam ist. Wenn man Gefahr läuft, in eine Abwärtsspirale zu rutschen, kann man hier jemanden finden, mit dem man seine Sorgen teilt." 

Andere Hotlines, etwa die Telefonseelsorge, sind oft überlastet 

Die Idee zu wirverbindeneuch.de kam Porta beim Einkaufen. "Ich kenne viele Seiten für Einkaufs- oder Nachbarschaftshilfen. Am gleichen Tag habe ich in einem Artikel gelesen, dass die Hotlines der Telefonseelsorgen überlastet sind, weil so viele Menschen, die Angst haben oder alleine sind, dort anrufen", sagt er. "Ich dachte: Wenn die gegenseitige Unterstützung beim Einkaufen funktioniert, warum nicht auch beim Telefonieren? Ich habe sofort die Website gestartet – aus meinem Bauchgefühl heraus, es war ganz spontan." Mittlerweile unterstützen zum Beispiel die Münchner Freiwilligen das Projekt. 

Porta arbeitet als Redakteur, wohnt in Bayern und ist auf Jobsuche. Er hatte vielversprechende Angebote in Aussicht. Doch, wie bei vielen anderen Unternehmen auch, werden momentan keine neuen Mitarbeiter eingestellt. "Das erschwert meine Situation im Moment, aber ich bewahre die Ruhe. Diese Umstände haben nichts mit mir persönlich zu tun, es ist eine allgemeine Ausnahmelage. Ich würde jedem raten, nicht in Panik zu verfallen. Panik und Angst sind das Letzte, was in dieser Situation hilft", sagt Porta. 

"Das oberste Ziel ist, dass es jetzt, in der Krise, hilft"

Seine Berufserfahrung war ihm für die Umsetzung seiner Idee von Nutzen. Porta kennt sich gut mit Websites, Inhalten und dem Verfassen von Texten aus. "Mir ging das relativ leicht von der Hand." Wirverbindeneuch.de baute er allein auf. Der Kontakt mit Freunden und seiner Familie sind Portas Anker. "Ich führe sehr viele Videotelefonate, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich habe zwei kleine Nichten, mit denen spiele ich Spiele über Facetime", erzählt er. Das möchte er auch anderen ermöglichen. "Das oberste Ziel ist, dass es jetzt, in der Krise, hilft."

"Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen erkennen, dass sie auch anderen helfen können. Man spürt es gerade in der Gesellschaft, dass so viele Leute fähig sind zu helfen und sich solidarisch zu zeigen. In jedem Menschen steckt etwas Gutes. Die Fähigkeit, dieses Gute herauszulassen, beweisen ganz viele momentan. Das geht im Alltag manchmal verloren. Jetzt hat jeder die Chance, das Gute in sich wiederzuerwecken." Bei wirverbindeneuch.de kann jeder mitmachen. Porta bietet an, statt des Telefons zum Beispiel Skype zu nutzen. So können auch Menschen, die im Ausland leben, kostenfrei telefonieren. 

"Alter, Nachname und Geschlecht sind in Zeiten einer Krise unwichtig"

Porta kann sich vorstellen, die Website später, wenn die Krise überwunden ist, weiterzubetreiben. Denn auch ohne Corona-Krise fühlen sich viele Menschen einsam.

Wer vermutet, dass sich eher ältere Menschen bei wirverbindeneuch.de anmelden, liegt wahrscheinlich falsch. Das Formular auf der Website erfasst kaum Daten. Die Angaben zum Geschlecht und zum Alter hat Porta absichtlich ausgelassen. "Alter, Nachname und Geschlecht sind in Zeiten einer Krise unwichtig. Der soziale Austausch steht im Vordergrund, die Website ist an jeden gerichtet." 

Das ist auch das Spannende an dem Konzept: Je weniger Informationen man vorher über sein Gegenüber hat, desto unvoreingenommener ist man.

Coronavirus: Andrea De Luna von "Dein Topf" in Hamburg

Wenn Sie weitere Beispiele von Solidarität in Zeiten der Coronavirus-Krise kennen, senden Sie uns gerne eine E-Mail mit einer kurzen Beschreibung des Projekts samt Ort und Ansprechpartner an coronahilfe@stern.de.

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