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Apples September-Event Das iPhone ist nicht mehr Apples Superstar

Das iPhone kam auf Apples September-Keynote dieses Jahr höchstens am Rande vor
Das iPhone kam auf Apples September-Keynote dieses Jahr höchstens am Rande vor
© Apple / PR
Normalerweise zeigt Apple im September das neue iPhone. Diesmal hatte der Konzern aber genügend andere Produkte im Gepäck. Und zeigte so: Man ist nicht mehr auf das iPhone als Star angewiesen.

Es ist für Apple der wichtigste Abend des Jahres: Im September lädt der Konzern ins Steve Jobs Theatre auf seinem Campus - und zeigt der Welt die neuen iPhones. Doch dieses Jahr war alles anders. Durch die Coronakrise verzögerten sich die neuen iPhones, warnte Apple schon im Sommer seine Investoren. Das Event fand, wie im Sommer die Hausmesse WWDC, nur virtuell statt. Doch Apple nutzte die Gelegenheit. Und zeigte, dass auch seine anderen Produkte als Stars taugen.

Der neue Star am Handgelenk

Zuerst war da der große Überflieger des Konzerns: die Apple Watch. War sie zu Anfang noch ein Nischenprodukt, hat sie sich in den letzten Jahren längst zu einem der großen Verkaufsschlager aus Cupertino entwickelt. So war zu erwarten, dass Apple mit der Series 6 den neuen, schicken Nachfolger vorstellte. Mit der neuen Apple Watch SE legte man dann aber noch ein überraschendes Extra nach.

Die Series 6 ist keine Revolution. Ihre neuen Features wie die Messung des Blutsauerstoffes, ein helleres Display und eine schnellere Ladezeit sind zwar eine klare Weiterentwicklung, eine Revolution stellen sie nicht dar. Dieser Platz gebührt der neuen Apple Watch SE. Mit einem Preis ab 292 Euro ist sie so günstig, wie noch keine Apple Watch zum Start. Trotzdem ist sie nur teilweise abgespeckt, verspricht Apple. Mit Ausnahme der EKG- und der Blutsauerstoffmessung bringt sie sämtliche Fitness-Funktionen mit. Auch das mit der Series 4 eingeführte größere Display ist vorhanden. Ein starkes Paket.

Besonders clever ist, dass Apple eine neue Methode einführte, noch gleich zwei weitere potentiellen Kundengruppen als Käufer für die Apple Watch gewinnen zu können: Kinder oder Senioren. Die Familienkonfiguration genannte Funktion erlaubt es nun, eine Apple Watch einzurichten, ohne dafür ein eigenes iPhone zu benötigen. Trotzdem lassen sich die Anruf-Funktion, SMS oder Schutzmaßnahmen wie das automatische Rufen eines Arztes nach einem Sturz nutzen. Das vergrößert die mögliche Zielgruppe erheblich.

Ein Abo für alle

Ein weiteres wichtiges Wachstumsfeld für Apple ist seit einigen Jahren die Service-Sparte. Sie soll Apple von der Abhängigkeit vom iPhone lösen, so das erklärte Ziel. Die Sparte bekam auf dem Event gleich zwei große Neuerungen. Mit einem eigenen Fitness-Dienst will Apple die zahlreichen Sportfans unter den Apple-Watch-Käufern abholen. Für 10 Dollar im Monat bekommen sie Zugriff auf Unmengen eigens entwickelter Fitness-Programme, von Yoga bis Core-Workout. Auf dem iPhone oder dem Apple TV lassen sich die Übungen vorführen, dabei wird die ganze Zeit die Fitnessmessung der Apple Watch eingeblendet. Am Ende gibt es eine ausführliche Auswertung. Das bindet Kunden. Schade: Es wird zunächst nicht in Deutschland verfügbar sein.

Und auch Apples zweite Ankündigung bei den Services ist ausgesprochen attraktiv. Mit "Apple One" bundelt der Konzern alle seine Dienste in ein einziges Paket. Für 15 Euro im Monat bekommt man nun Zugriff auf Apple Music, den Streaming-Dienst Apple TV+, die Spieleflatrate Apple Arcade und 50 GB Cloudspeicher. Im 5 Euro teureren Familienabo darf man das Angebot mit bis zu vier Personen teilen, der Speicher erweitert sich auf 200 GB. 

In anderen Ländern gibt es zudem noch ein Premium-Angebot, dass zusätzlich den Zeitschriften-Dienst Apple News+ und das Fitness-Programm enthält. Dafür werden dann 30 Dollar als Familienabo fällig.

Für Apple ist Apple One eine clevere Erweiterung. Viele Kunden nutzen nur einen oder zwei der Dienste, zahlen also entsprechend weniger. Durch den geringen Aufpreis dürften sich aber viele dazu bewegen lassen, die anderen Dienste trotzdem mitzunehmen. Gleichzeitig bindet jeder weitere Dienst den Kunden weiter an Apples Ökosystem. 

Ein Angriff auf das eigene Spitzenmodell

Zu guter Letzt kam Apple zu seinen überraschenden Hauptattraktionen: Den Einsteiger- und Mittelklasse-iPads. Mit dem iPad 8 und dem iPad Air 4 brachte Apple seine letzten beiden Tablet-Modelle für dieses Jahr auf Stand.

Beim iPad 8 sind die Neuerungen überschaubar: Der aus dem iPhone Xs bekannte A12-Prozessor macht es 40 Prozent schneller, bei der Grafik verdoppelt sich die Leistung im Vergleich zum Vorgänger. Sonst bleibt die Technik weitgehend die alte. Mehr brauchte es aber auch nicht. Die Konkurrenz im Einsteigerbereich ist schwach. Mit einem durch die Mehrwertsteuersenkung minimal geringeren Preis von 370 Euro ist das neue iPad 8 immer noch ein sehr gutes Angebot.

Beim iPad Air lehnt sich Apple schon deutlich weiter aus dem Fenster. Nicht nur ist es nach einem überarbeiteten Design mit schmalerem Rand und größerem Display deutlich näher an das iPad Pro gerückt. Apple wagte beim Air 4 sogar etwas bisher Ungekanntes - und verbaute erstmals einen komplett neu entwickelten Prozessor nicht zuerst im iPhone. Als erstes Gerät überhaupt bekommt das iPad Air 4 den A14-Chip spendiert. Der ist als erster Chip überhaupt im 5-Nanomilimeter-Verfahren gebaut worden, bringt so unglaubliche 11,8 Milliarden Transistoren auf einem winzigen Chip unter. Das sorgt nicht nur für einen Performance-Sprung - Apple verspricht 40 Prozent mehr Leistung im Vergleich zum Vorgängermodell -, sondern senkt dabei auch noch den Stromverbrauch. 

Der Großteil der Rechenleistung soll aber nicht in klassische Berechnungen fließen. Der sogenannte Bionic-Chip soll deutlich mehr Leistung beim Maschinenlernen bringen, KI-unterstützte Apps also noch schneller befeuern können. Den Geschwindigkeits-Vergleich zum deutlich teureren iPad Pro vermeidet Apple übrigens.

Viel Leistung fürs Geld

Das wird seine Gründe haben. Mit einem Preis ab 630 Euro kostet das iPad Air ganze 250 Euro weniger als das günstigste Edelmodell. Dabei steht es dem in nicht vielen Punkten nach. Das flache Design mit schmalem Rand erlaubt nun ein mit 10,9 Zoll nur noch minimal kleineres Display, das zudem auch die einstigen Luxusfeatures wie einen erweiterten Farbraum, Truetone und eine Laminierung bietet. Die Gesichtserkennung FaceID fehlt zwar, dafür hat Apple mit einem Fingerabdruckscanner im Einschaltknopf aber einen eleganten Ersatz gefunden. Die Idee gab es vorher nur bei manchen Smartphone-Herstellern wie Sony.

Wegen des überarbeiteten Rahmens und dem Einsatz von USB-C statt des altbekannten Lightning-Anschlusses ist das iPad Air nun auch in der Lage, den überarbeiteten Bedienstift Apple Pencil der zweiten Generation sowie die bisher dem iPad Pro vorbehaltene Schwebetastatur zu benutzen.

Obwohl einige Funktionen dem Pro vorbehalten bleiben, etwa die Dreifachkamera und der für Tiefenmessung zuständige LIDAR-Sensor, rückt das Air für die meisten Einsatzzwecke so nah an das Spitzenmodell, dass sich das teurere Gerät für die meisten Kunden kaum noch lohnen wird. Man darf gespannt sein, wie Apple die Kluft im nächsten Jahr wieder etwas erweitert.

Aus dem Schatten getreten

Mit den fünf Neuvorstellungen ist Apple eines beeindruckend gelungen: Gerade weil man den traditionellen Star des September-Events, das neue iPhone, diesmal aussetzen ließ, konnte der Konzern zeigen, dass die absolute Abhängigkeit von seinem Starprodukt langsam aber sicher sinkt. Mit der Watch, der wachsenden Service-Sparte und den neuen iPads konnte Apple die Produkte glänzen lassen, die sonst vom Licht des iPhone überstrahlt werden. Dass sie durchaus ihren eigenen Platz im Spotlight verdienen, hat Apple heute beeindruckend beweisen können.


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