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Ebay-Chefin Meg Whitman: "Ja, ich bin Milliardärin"

Bald zehn Jahre an der Spitze des Internet-Auktionshauses Ebay haben Meg Whitman reich gemacht - aber ausruhen kann sie nicht: Das Interesse an Versteigerungen lässt nach, Verkäufe zum Festpreis werden immer wichtiger.

Frau Whitman, wir möchten eine Waschmaschine verkaufen. Warum sollten wir das bei Ebay machen?

Ebay ist der größte Marktplatz in Deutschland. Wenn Sie Ihre Waschmaschine online verkaufen wollen, haben Sie dort einfach deshalb die besten Chancen auf einen guten Preis, weil Sie die meisten Kaufinteressenten treffen.

Aber erst muss man sich anmelden, dann abwarten, bis die Auktion zu Ende ist, und dann womöglich noch eine schwere Waschmaschine durch ganz Deutschland schicken. Da gibt man doch lieber eine Online-Kleinanzeige mit Festpreis auf, die sich nur an Käufer am Wohnort richtet.

Sicher, das können Sie auch machen. Sie riskieren aber einen niedrigeren Preis. Und ich würde Ihnen dann natürlich Ebays Ableger Kijiji ans Herz legen - der macht genau so etwas.

Wenn Sie das schon selbst anbieten, fragt man sich, ob Auktionen ihren Reiz verloren haben. Als wir in Hamburg nach Waschmaschinen gesucht haben, gab es nur neue Geräte zum Festpreis. Alle Auktionen für gebrauchte Maschinen dümpelten bei einem Euro. Ist Ebay ein Auslaufmodell?

Überhaupt nicht. In Deutschland ist das Verhältnis von Angeboten zu tatsächlichen Verkäufen im weltweiten Vergleich sogar sehr hoch. Wir haben hierzulande 24 Millionen Nutzer. Es gibt sogar Käufer aus Osteuropa, die nach Deutschland kommen, um sperrige Artikel wie Ihre Waschmaschine abzuholen - obwohl ich zugeben muss, mich im Hamburger Waschmaschinenmarkt nicht so gut auszukennen.

Wie viele dieser angemeldeten Ebay-Nutzer kaufen und verkaufen denn wirklich regelmäßig etwas?

Mehr als 50 Prozent. Für eine Internetfirma ist das sehr viel.

Dennoch dominieren inzwischen Profis das Angebot bei Ebay. Die Zeiten des charmanten Internetflohmarkts mit skurrilen, lustigen Produkten sind vorbei. Man fühlt sich wie bei einem x-beliebigen Onlineversand.

Sie müssen die Entwicklung sehen: Ebay fing an mit Privatleuten, die Barbiepuppen und Matchboxautos an andere Privatleute verkauft haben. Dann kam eine Welle von Menschen, die merkten, dass sie aus ihrem Hobby einen Beruf machen konnten. In der dritten Welle sind wir zur Heimat für Tausende kleiner selbstständiger Händler in fast jedem Land der Erde geworden. Tatsächlich machen 20 Prozent unserer Verkäufer 80 Prozent des Umsatzes. Aber schauen Sie mal in Kategorien wie "Sammeln & Seltenes" oder "Kinderkleidung": Da gibt es nach wie vor mehrheitlich private Verkäufer. Wir haben mal ausgerechnet, dass die 39 Millionen deutschen Haushalte im Schnitt unbenutzte Gegenstände im Wert von 539 Euro haben, die sie über Ebay zu Geld machen könnten. Wenn Ebay Deutschland diese insgesamt 20 Milliarden Euro umsetzt, wäre mir das sehr recht.

Ist das Grundprinzip von Ebay, eine Internetplattform für Käufer und Verkäufer gegen saftige Gebühren anzubieten, nicht hoffnungslos veraltet - wo es heute doch unzählige werbefinanzierte Gratisangebote im Netz gibt?

Es gibt eben zwei Wege, im Internet Geld zu verdienen: Werbung oder Gebühren. Unsere Verkäufer bestätigen uns seit Langem, dass unsere viel gescholtenen Gebühren ein sehr preisgünstiger Weg sind, Käufer zu erreichen - übrigens auch im Vergleich mit Google, wo jeder Werbeklick den Verkäufer Geld kostet. Das bedeutet nicht, dass unsere Gebührenstruktur für alle Zeiten in Stein gemeißelt ist. Aber das Grundprinzip von Ebay funktioniert.

Warum ist Ebay dann mit etlichen Tochterunternehmen in anderen Bereichen tätig? Doorone.de, Shopping.com und Ebay Express zum Beispiel beschäftigen sich alle auf unterschiedliche Weise mit dem Verkauf zum festen Preis.

Wir probieren eben viele Dinge aus. Ebay Express war kein Erfolg in Deutschland. In den USA läuft es dagegen super. Und ich kann Ihnen nicht mal sagen, warum das so ist. Länder sind eben verschieden. Doorone.de war auch ein Versuch und lief nicht so gut.

Ihr Online-Bezahlservice Paypal ist dagegen sehr erfolgreich. Wird Ebay zur Bank?

Nein (lacht). Aber wir sind sehr glücklich mit Paypal. Wir wollen, dass es das Standard- Zahlungsmittel im Internet wird.

Weniger glücklich dürften Sie mit der Entwicklung des Internet-Telefondienstes Skype sein, den sie 2005 für 2,6 Milliarden Dollar gekauft haben. Gerade mussten Sie über eine Milliarde davon als Verlust abschreiben.

Es waren genau 1,4 Milliarden. Und ja, wir sind sehr enttäuscht. Aber wir glauben nach wie vor an das Unternehmen. Es ist gerade erst vier Jahre alt. Geben Sie ihm noch eine Chance. 25 Prozent der Gespräche über Skype sind bereits Videotelefonate - ich glaube, das hat eine große Zukunft.

Neulich war Skype sogar zwei Tage lang nicht erreichbar, man konnte nicht telefonieren. So etwas ist eigentlich unzumutbar für Menschen, die Skype beruflich nutzen wollen.

Sie haben vollkommen recht. Ich habe das jetzt zum dritten Mal erlebt. Als Ebay richtig zu wachsen begann, ist unser System für ein paar Tage ausgefallen. Als Paypal groß wurde - genau dasselbe. Und jetzt mit Skype. Ich kenne das also - und man sollte meinen, ich müsste inzwischen wissen, wie man das vermeidet.

Die Skype-Abschreibung hat Ihnen auch den ersten großen Quartalsverlust in Ihren knapp zehn Jahren als Chefin bei Ebay eingebracht: fast eine Milliarde Dollar. Sind Ihre Aktionäre jetzt sauer auf Sie?

Man muss in dieser Branche immer etwas riskieren. Nur so kann man auch mal Erfolg haben. Es kommt auch auf die Sichtweise an: Im Vergleich zum letzten Sommer geht es unseren Anlegern deutlich besser. Damals war unsere Aktie 23 Dollar wert. Heute sind es 34. Und wir werden dieses Jahr ordentlich Gewinn machen.

Wenn wir schon über Gewinne sprechen: In Ihrer Zeit als Ebay-Chefin haben Sie selbst viele Millionen Aktien als Teil Ihrer Bezahlung erhalten. Sind Sie durch Ebay zur Milliardärin geworden?

Sie sollten einfach in die veröffentlichten Daten schauen …

Das haben wir getan.

… (lacht) aber die Antwort ist: Ja.

Derzeit verkaufen Sie jeden Monat Aktien, die Sie über den Optionsplan von Ebay bekommen. Bislang haben Sie damit rund 180 Millionen Dollar erzielt. Wieso steigen Sie aus? Glauben Sie nicht an die Zukunft von Ebay?

Natürlich tue ich das! Nein, die meisten meiner Aktien habe ich noch aus der Anfangszeit. Die Firma hat sich eben sehr gut entwickelt. Und als Vorstand habe ich Aktienoptionen bekommen, die ich jetzt verkaufen muss, weil sie ihre zehnjährige Gültigkeitsfrist erreichen - das läuft aber alles nach einem lange vorher veröffentlichten Verkaufsplan, damit eben keiner auf solche Gedanken kommt wie Sie.

Was machen Sie mit all dem Geld?

Langfristig anlegen. Ein Teil geht an gemeinnützige Stiftungen, andere Teile an unsere Kinder und an Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen.

Wenn Sie auf Ihre Ebay-Zeit zurückblicken, was war der größte Erfolg?

Ach je. Vielleicht, eine Firma aufzubauen, die dieses Jahr 7,6 Milliarden Dollar umsetzt, 15.000 Mitarbeiter hat und in 35 Ländern Geschäfte macht. Als ich kam, hatte Ebay 4,7 Millionen Dollar Jahresumsatz und 30 Mitarbeiter. Wissen Sie, Ebay ist wirklich eine bemerkenswerte Erfolgsstory. Von den Tausenden Internetfirmen, die es gibt und gab, ist ja nur eine Handvoll wirklich groß und sogar ein Teil des Alltags geworden. Und wir gehören dazu. Aber am schönsten ist wohl, dass wir 1,3 Millionen Menschen die Möglichkeit gegeben haben, von ihren Geschäften auf Ebay zu leben. Damit richten wir vielleicht mehr aus als manche gemeinnützige Organisation. Diese Menschen sind das Herz von Ebay.

In den USA sind Sie eine der ganz wenigen Frauen an der Spitze eines großen Unternehmens. In Deutschland wären Sie die einzige. Führen Sie das Unternehmen anders, als es ein Mann täte?

Ich mach's halt so, wie ich es für richtig halte - schwer zu sagen, ob ich als Mann anders wäre. Was mich am meisten freut, ist, wenn ich in meiner Rolle ein Vorbild für junge Frauen sein kann. Wenn die mit 22 ins Berufsleben starten und über sich nur Männer sehen, dann ist es schwer, sich vorzustellen, dass auch Frauen da oben hinkommen können.

Spielen Sie Golf? Das scheint unter Bossen in der Computerbranche wichtig zu sein.

Nein. Aber mit Mitte dreißig, da habe ich mir manchmal gewünscht, ich spielte es. Irgendwie schien es so, als würden beim Golfen wichtige Absprachen getroffen. Aber ich wollte meine Freizeit lieber mit meinem Mann und unseren zwei Kindern verbringen.

Was war das Letzte, das Sie auf Ebay gekauft haben?

Etwas ziemlich Langweiliges: Ich lasse immer wieder Elektronikzubehör in Hotels liegen. Also musste ich mir neulich ein neues Ladegerät für meinen iPod kaufen. Das gab es bei Ebay für 9,95 Dollar - viel billiger als im Laden.

Verkaufen Sie Sachen auf Ebay?

Oh ja. Sachen, die wir zu Hause nicht mehr brauchen. Jetzt ist allerdings langsam alles weg. Wir haben eine kleine Ranch in Colorado, da haben wir neulich einen alten Schuppen leer geräumt und den ganzen Kram verkauft: Sättel, Zaumzeug und 29 von diesen langen Mänteln, wie sie die Cowboys in der Marlboro-Reklame tragen.

Cool!

Sehr cool! Na ja, sie waren schon ziemlich gebraucht, aber die gingen für je 15 Dollar weg.

Sie achten aber echt aufs Geld.

Ich bin in Neuengland groß geworden, das erklärt einiges.

Und wie bewerten Ihre Ebay-Käufer Sie?

Ich habe 697 positive Bewertungen. Das ist ziemlich gut.

Was war das Teuerste, das Sie auf Ebay gekauft haben?

Ein gebrauchter Geländewagen von BMW. Der Lack war ein ganz besonderes Schwarz, das es nur in Kanada gab.

Was meinen Sie, wie das Internet in zehn Jahren aussehen wird?

Ach, solche Vorhersagen sind immer so schwierig. Ich bin sicher, die ersten 15 Jahre des Internets waren nur ein lauer Anfang. In den nächsten 15 Jahren werden wir viel mehr Neuerungen sehen als bisher. Jeder wird einen schnellen Internetzugang haben - und das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Natürlich wird auch das Internet auf mobilen Geräten immer wichtiger. Und es wird immer mehr personalisierte Seiten geben, deren Inhalte man genau auf die eigenen Bedürfnisse einstellen kann.

Wo wird Ebay in zehn Jahren stehen?

Ich denke, wir werden der Marktführer im Handel über das Internet bleiben. In Deutschland hat Ebay heute einen Anteil am E-Commerce von 35 Prozent, weltweit sind es 15 Prozent, weil es uns in Japan nicht gibt. Aber Ebay wird sicher ganz anders aussehen als heute. Ich wage da keine Vorhersage.

Sind Sie in zehn Jahren noch bei Ebay?

Sorry, aber die Lektion habe ich in den letzten zehn gelernt: Wenn ein Journalist fragt, wie lange man den Job noch machen wird, gibt man besser keine Antwort.

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