Interview mit Nick DiFonzo Der König der unbeschreiblichen Plattencover


Tausende LPs hat Nick DiFonzo in seinem Archiv - und eine sieht schlimmer aus als die andere. Mit stern.de sprach der Sammler über Geschmack und die Musik hinter fiesen Plattenhüllen. Und er stellt seine persönlichen Lieblingsstücke vor.

Mr. DiFonzo, Sie haben bereits drei Bücher mit fürchterlichen Plattencovern veröffentlicht. Wie groß ist Ihre Sammlung, und wann haben Sie damit begonnen?

Ich habe ungefähr 4000 LPs in meiner Sammlung, die aber nicht alle schlecht sind. Platten mit schlimmen Covern sammle ich seit zehn Jahren. Es wurde immer schwieriger, wirklich "gute" Platten auf Flohmärkten und Second-Hand-Läden zu finden. Aber es gab immer eine große Zahl an Resten. Schrott, um den sich kein anderer Sammler zu kümmern schien. Also habe ich angefangen, diese zu sammeln.

Was macht die Faszination dieser "Kunstwerke" aus? Mögen Sie das Absurde allgemein? Vielleicht lieben Sie ja auch Trash-Filme?

Ich bin nicht sicher, warum mit diese fiesen Plattenhüllen so gefallen. Es interessant, eine Seite der "vintage culture" zu sehen, die nicht im heutigen Fernsehen oder in Filmen gezeigt wird. Wir tendieren dazu, uns auf die "coolen" Elemente zu konzentrieren und die merkwürdigen oder unpopulären Aspekte vergangener Stile und Moden zu vertuschen. Viele der Künstler auf den von mir gesammelten Platten erinnern mich an "American Idol" und seine Varianten (bei uns: "Deutschland sucht den Superstar", d. Red.). So viele Menschen, damals und heute, haben das Gefühl, ihr Talent sei so gewaltig, dass es gehört werden sollte. Wenn deine Freunde, deine Familie und die Kirchengemeinde dir immer wieder sagen, was für ein toller Sänger du bist, kann es dir zu Kopf steigen.

Interessieren Sie sich auch für die Musik auf den Platten, oder geht es Ihnen nur um das absurde Artwork und die fiesen Fotos?

Einige der Platten mit schlimmen Covern entpuppten sich als ziemlich gut. Ich habe einige alte Gospelaufnahmen, die unglaublich sind. Auf manchen der LPs für Kinder sind sehr lustige Lieder. Ich höre mir auch gerne Platten mit gesprochenen Texten und Anleitungen an. Einige Prediger, die Gift und Galle spucken, habe ich mir ebenfalls angehört, und ich verstehe jetzt, welche Macht diese Typen über ihre Gefolgschaft haben. Aber die große Mehrheit der Aufnahmen ist einfach mittelmäßig-schlecht. Nicht fürchterlich genug, um lustig zu sein, und nicht gut genug, um im Gedächtnis zu bleiben.

Haben Sie Kommentare der Künstler erhalten, deren Platten Sie zeigen? Konnten die über sich lachen, oder waren sie wütend?

Ich hatte beide Arten von Kommentaren erhalten. Eine alte Dame war glücklich, ihre alte Platte im Internet wiederzufinden und hat gleich ihren ganzen Freundinnen in der Kirchengemeinde davon erzählt. Die einzige wirklich böse E-Mail kam von der Enkelin einer Frau, deren Cover ich in der Sammlung habe. Sie warf mir vor, kein Leben zu haben, weil ich mich über andere lustig mache. Meine Antwort auf diese Art von Vorwurf ist: Der einzige Grund, warum diese Leute meine Website gefunden haben, ist, weil das die einzige Erwähnung von ihnen selbst oder ihren Verwandten im Internet ist. Das macht mich zu ihrem größten Fan.

Ihre Sammlung wird vermutlich immer größer. Woher bekommen Sie neuen Stoff?

Heutzutage bekomme ich die Platten fast ausschließlich in Antiquariaten. Garagenverkäufe und Haushaltsauflösungen sind auch ganz brauchbar. Wenn ich etwas Bestimmtes suche, benutze ich Ebay oder den Online-Musikmarktplatz Gemm.

Sie haben einige Bücher veröffentlicht. Dafür mussten die Urheberrechte für die ganzen Plattencover geklärt werden. Gab es dabei Schwierigkeiten?

Diese Arbeit hat mir zum Glück der Verlag abgenommen. Ich musste ihm nur die Kontaktinformationen geben, die auf den Plattenhüllen standen. Es gab ein paar ablehnende Antworten. Viele Leute waren auch nicht mehr auffindbar, deren Cover haben wir einfach benutzt.

Reichen die Einnahmen durch die Bücher und Ihre Website bizarrerecords.com zum Leben?

Ich wünschte, es wäre so. Meine Website hat viel Traffic, aber auch mit Werbung drauf mache ich kaum Geld damit. Ich glaube, man muss Pornos anbieten, um mit einer Website wirklich Geld zu verdienen. Die Einnahmen durch die Buchverkäufe sind nett, aber ich habe im Laufe der Zeit sicherlich mehr für meine Sammlung ausgeben. Ich hoffe, ich kann auch über andere Themen schreiben und irgendwann davon leben.

Interview: Ralf Sander

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