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Gerhard Schröder hat einen Vogel. Der heißt »Findulin« und flattert auf des Kanzlers frisch renovierter Webseite.

Gerhard Schröder hat einen Vogel. Der heißt »Findulin« und flattert auf des Kanzlers frisch renovierter Webseite.

Sieger sehen anders aus

In Tagen wie diesen wagt man kaum, etwas Gutes über die Sozen zu sagen: Spendenskandal in Köln, späte Einsichten von Feldmarschall Scharping (»Die Pool-Fotos: einer der größten Fehler meines Lebens«) und das ganze Elend bei der Bundeswehr, Rente und Arbeitslosen sowieso. Zudem all die wohltemperierten Worte zur CeBIT, an denen sich die Regierungsprominenz selbstgefällig wärmt, aber im Ernst nicht ebenso meinen kann. Kurzum, Sieger sehen anders aus.

Ein Schwätzchen mit Findulin

Das scheint auch der Besuch beim Bundeskanzler auf den ersten Blick zu bestätigen. Schröder hinter Grauschleier, einladendes Design Fehlanzeige, am oberen Seitenrand ein paar uninspirierte Bildchen und wenig Text. Klar, der Medienkanzler. Muss ja nicht viele Worte machen. Dafür hat er seinen Vogel: »Findulin, der IT-Adler«, der aussieht wie der Cousin des lustigen Albatros aus »Bernard und Bianca«. Und: Man kann mit ihm plaudern. Etwa ihn fragen, wer der nächste Bundeskanzler wird. »Ich habe noch nicht ganz verstanden, worauf Sie in Bezug auf den Bundeskanzler hinauswollen.« - »Ja, wer gewinnt denn nun die Wahl im Herbst?« - »Sind Sie beruflich im Internet unterwegs?« Vielleicht doch erst einmal etwas trinken: »Hol mir mal ne Flasche Bier.« »Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren - wohlgemerkt, es ist von einem Gläschen die Rede!« Haha.

Hat der Kanzler selbst Hand angelegt?

Immerhin: Beim Stichwort »Hannover« gerät er fast ins Schwärmen. »Hannover«, meint Findulin, »soll ja eine sehr schöne Stadt sein.« Das muss der Kanzler persönlich in ihn hineinprogrammiert haben. Doch es sei ihm gegönnt. Wir leben schließlich in einer Demokratie. Da darf man auch so etwas über Hannover denken. Man muss es ja nicht Ernst meinen. Was Findulin mit seinem kryptischen Slogan ».com schon Deutschland« sagen will, bleibt auch der Fantasie des Lesers überlassen. Ein Programmmacher beim ZDF schwärmte einmal vom Internet. Das sei so toll. Besonders die kleinen Silberscheiben... Er ist übrigens nicht Intendant geworden. Aber das nur am Rande.

Das gleichermaßen begründete wie nur kurzfristig unterhaltsame Amüsement über den flügellahmen Flattermann täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass auf des Kanzlers Webseite tatsächlich Wissenswertes zu finden ist: Reden, Interviews, CeBIT-Eröffnungen etc. Zu gucken gibt es auch etwas, etwa in Schröders Fotoalbum, in das er einige Fotos geklebt hat von Auslandsreisen und Gipfeltreffen. E-Cards mit Kanzlermotiv zum Zusammenbasteln dürfen da nicht fehlen. Multimediale Gimmicks. Albern vielleicht, in jedem Fall aber modern. Und da macht er Punkte gegenüber dem Herausforderer aus Bayern, dessen Seite zwar um ein Vielfaches schicker aussieht, aber nicht mehr bietet als das, was Potemkinsche Dörfer in der Regel so bieten. Eben wenig mehr als nichts. Eins zu null für den Genossen der Bosse und das trotz Findulin.

Thomas Hirschbiegel

H&A medien


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