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NEULICH IM NETZ: Olympisch: Tastatur XXL

Frei nach Gertrude Stein: Ein Wurstfinger ist ein Wurstfinger ist ein Wurstfinger. Eben darum gibt es fast nichts dämlicheres als die neuste Erfindung fürs Handy.

Klar, woher der hanebüchene Unsinn kommt: Aus den USA. Jenem Land, das der Welt bislang so tolle Dinge schenkte wie Bruce Springsteen oder Tupperware. Und jetzt die Megatastatur fürs Mobilsprechgerät: Die Extraportion Bonsai-Hightech für technikverliebte Pygmäen. Denn auf dem gleichen Platz, auf dem derzeit zehn Ziffern- und eine Handvoll Funktionstasten Platz finden, wollen die Wahnsinnigen aus Übersee sage und schreibe 46 Mini-Drückerchen unterbringen.

Hoffnung auf fehlerfreie Kurznachrichten

Möglicherweise ist das aber eine ganz, ganz tolle Idee der Firma Digit Wireless. Wenn jeder Buchstabe plötzlich seine total eigene Taste hat, besteht vielleicht endlich frohe Hoffnung auf fehlerfreie Kurznachrichten. Das Tippen, hofft der Hersteller inständig, soll dann »mindestens doppelt so schnell« vonstatten gehen. Fast olympisch, das Ansinnen. Wenn es nicht so skurril wäre.

Und wider jegliche wissenschaftliche Erkenntnis. Forscher stellten unlängst fest, dass die Daumen nachrichtensüchtiger Kids immer größer werden. Tipptipptipptipptipptipptipp, heute nur platt und etwas kräftiger, morgen dann bratpfannengroß. Denn: Was heute noch die Ausnahme, könnte morgen schon evolutionäres Basisausstattung sein, mutmaßen die Forscher. Und dann stehen sie mit ihren riesigen Armfortsätzen vor winzig kleinen Tastatürchen.

Das Handy einfach mal liegen lassen

Doch auch ohne Evolution: Dicke Finger bleiben auch im dritten Jahrtausend dick. Wenn sich dicke Kinder, Jugendliche und infantile Erwachsene nicht bewegen, sondern nur entgeistert auf ihr lächerliches Handy-Display starren, wird sich an den dicken Klauen auch nichts ändern. Ganz im Gegenteil. Deshalb: Kinder, Jugendliche und infantile Erwachsene – geht öfter mal spazieren, lasst das Handy einfach liegen oder vergesst es einfach in eurer Kinderkrippe, im Bus oder in der Kneipe. Frische Luft atmen, sich eventuell dabei sogar so schnell bewegen, dass eine nach Salz schmeckende Flüssigkeit aus den Poren tritt. Das, liebe Kinder, Jugendliche und infantile Erwachsene, ist Schweiß, der aus gutem Grund vergossen wird.

Aber ihr könnt selbstverständlich auch alles anders machen. Beispielsweise für die australischen Kontinentalmeisterschaften im SMSen trainieren, dem derzeit vielleicht erschütterndsten Beweis, dass der Mensch wohl doch von einer ganz besonders intelligenten Lebensform abstammt.

Thomas Hirschbiegel

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