Obdachloser im Web "Ich bin der erste Online-Penner der Welt"


Seit vier Jahren lebt der Obdachlose Tim unter einer Brücke in Houston. Ein einzigartiges Projekt will ihm jetzt wieder auf die Beine helfen: Auf einer Internetseite erzählt Tim auf ehrliche Art und Weise von seinem Leben auf der Straße. Die Seite ruft erfolgreich zu Spenden auf, denn Tim fährt jetzt sogar auf Kurreise.

Vor wenigen Wochen war Tim Edwards einer von vielen Obdachlosen, die an einer Unterführung in Houston um etwas Kleingeld baten. Die meisten Autofahrer haben schnell an ihm vorbeigeschaut. Jetzt ist Edwards im Blickpunkt von mehreren tausend Internet-Nutzern, die sich seine Web-Site anschauen: pimpthisbum.com gibt der Obdachlosigkeit in den USA ein Gesicht. Die Seite mit dem provokanten Titel - auf Deutsch heißt das so viel wie "Motzt diesen Penner auf" - gibt mit Fotos, Videos und Texten einen Einblick in das Leben auf der Straße. Die machen den sozialen Absturz deutlich vom Angestellten mit Haus, Auto und einer Zukunft zum Obdachlosen ohne Hoffnung und mit wenig Aussicht auf Hilfe.

Das aber soll sich ändern: Die Besucher sollen spenden oder im Online-Shop ein T-Shirt, eine Kappe oder Fotokarten kaufen. Schließlich geht es darum, Tim Edwards für ein besseres Leben "aufzumotzen". "Ich bin der erste Online-Penner der Welt", scherzt Edwards, der sich mit 37 Jahren einen schwarzen Humor und eine Ehrlichkeit bewahrt hat, die nichts beschönigt. "Die Idee ist, mit diesem Projekt die Leute von der Straße zu bekommen. Ich bin der Pionier, aber ich habe Freunde hinter mir. Wenn ich das nicht richtig hinkriege, dann wird es für sie nicht klappen." Und so stellt sich Edwards geduldig den regelmäßigen Webcasts, um Fragen zum Leben auf der Straße zu beantworten.

Essen und Entziehungskur spendiert

Einige soziale Aktivisten kritisieren, dass Edwards ein Opfer des Systems sei und jetzt nur auf andere Weise ausgebeutet werde. Aber die Organisatoren des Projekts halten dagegen, dass es gerade der schräge Tonfall ist, der dem Anliegen der Obdachlosen einen ehrlichen Ausdruck verleiht. "Die Leute haben sich offenbar in ihn verliebt", sagt der Marketing-Spezialist Kevin Dolan aus Katy bei Houston, der den Web-Auftritt zusammen mit seinem Sohn Sean betreut. "Er ist ulkig und er macht nicht die ganze Welt für seine Lage verantwortlich." Wenn sie die Web-Site "Helft den Obdachlosen" genannt hätten, dann wäre die Resonanz vermutlich weit geringer gewesen, sagt Sean Dolan.

Eigentlich wollten die Dolans nur eine neue Art von Werbekampagne testen. Aber dann hatte Sean die Idee, damit etwas Sinnvolles zu verbinden. Für Tim Edwards hat sich dadurch viel verändert. Nicht nur, dass Autofahrer anhalten und ihm etwas zu essen bringen. Demnächst geht es für ihn nach Seattle - zu einer Entziehungskur, die ihm die Reha-Einrichtung Sunray Treatment and Recovery spendiert. Das 35-Tage-Programm kostet normalerweise 13.800 Dollar (10.900 Euro). Die von der Web-Site ausgelöste Debatte kümmert ihn herzlich wenig. Zu den Kritikern gehört Anthony Love, Vorsitzender der Coalition for the Homeless im Bezirk Houston/Harris. Er stört sich allein schon am Namen: "Er ist eine Person. Sein Name ist Tim. Und irgendjemand aufzumotzen, ist auch nicht etwas, das ich unterstützen würde."

"Das ist so verrückt, dass es funktionieren könnte"

Edwards war erst misstrauisch, als ihm Sean Dolan den Vorschlag einer eigenen Web-Site machte. Es war ein Abend Anfang Februar, als er mit anderen Obdachlosen unter der Unterführung hockte und dabei war, "sich zulaufen zu lassen, wie wir es immer tun". Dann fing er an zu lachen. Und jetzt sieht er in dem ungewöhnlichen Unterfangen die Antwort auf ein Gebet: "Ich habe zu Gott gebetet, dass es Hilfe regnen soll. Und da kommen auf einmal diese Leute. Da dachte ich, das ist so verrückt, dass es funktionieren könnte." Edwards lebt seit dem 19. August 2004 auf der Straße - dieses Datum vergisst er nie. Er weiß, wie man im Dschungel der Großstadt überlebt. Er bleibt in seinem eigenen Territorium. Er bettelt gerade so lange, um genug zu haben für Essen, Trinken und Zigaretten. Dann verlässt er seine Ecke. Und er hat gelernt, wem er vertrauen kann und von wem er sich fernhält.

Er hat auch schon mal versucht, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. "Diese Programme funktionieren für manche Leute, für andere nicht", sagt er. "Wir sind nicht 'Die Obdachlosen', keine festgefügte Gruppe von Leuten. Aber das jetzt hat mir und meinen Freunden viel Hoffnung gegeben. So viel, wie ich gar nicht in Worten ausdrücken kann." So drückt er es auf seine Weise aus - und lässt sich vor der Reise nach Seattle vor laufender Web-Cam den Bart abrasieren und die Haare schneiden.

Monica Rhor/AP AP

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