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Onlinepoker: Pokerprofi als Studentenjob

Dennis will keinen Porsche. Aber er könnte einen haben. Der campusferne Student hat im größten Online-Pokerraum der Welt genug Treuepunkte gesammelt, um sich das Auto als Prämie zu gönnen. Von seinen Geldgewinnen kann er gut leben. Dabei hat er nie etwas eingezahlt.

Von Aarni Kuoppamäki

Onlinepoker ist für Profis so interessant, weil mehrere Hände gleichzeitig gespielt werden können

Onlinepoker ist für Profis so interessant, weil mehrere Hände gleichzeitig gespielt werden können

Alles begann mit einem 50-Dollar-Gutschein für eine kleine Pokerseite. Dennis* war gerade zum Studieren in eine größere Stadt gezogen. "Wie das so ist, geht man dann mehr in Kneipen als zur Uni", sagt er. Und für Kneipen in der Großstadt brauchte Dennis Geld. Mit ein bisschen mathematischer Überlegung und einem glücklichen Händchen wurden die geschenkten 50 Dollar in zwei Monaten zu 1000. Dennis beschloss, ernst zu machen. Er wechselte zum größten Online-Pokerraum der Welt, weil man dort rund um die Uhr an vielen Tischen gleichzeitig spielen kann.

Die Bücher für die Uni liegen seit Monaten ganz unten im Stapel, oben drauf mehrere Bände Poker-Literatur. Dennis loggt sich zur Demonstration auf einer der größten Poker-Websites ein und öffnet gleich vier Fenster nebeneinander mit grünen Spieltischen. Texas Hold'em heißt die populäre Poker-Variante. Fünf Karten liegen in der Mitte, zwei bei jedem Spieler. Wer daraus am Ende die beste Hand bilden kann, gewinnt. Ein externes Programm zeigt Dennis Daten zum Spielverhalten seiner Gegner an. Spieler "chris" ist ein alter Bekannter. Er hat 15.000 Hände mit Dennis gespielt, überdurchschnittlich aggressiv geboten und dabei rund 12.000 US-Dollar eingestrichen. Dennis erklärt, was es mit den anderen Statistiken auf sich hat - bei Steal, Re-Steal und VP$IP kommen Pokeramateure nicht mehr mit.

Profit kommt über die Masse

Der Ausgang einer einzelnen Pokerrunde hängt stark vom Glück ab. Der Profit kommt erst über die Masse der Spiele. Wenn er arbeitet, spielt Dennis an 20 virtuellen Tischen gleichzeitig, oft acht Stunden am Stück. So schafft er bis zu 8000 Hände am Tag. "Danach bin ich richtig fertig", sagt er, "als hätte ich Sport gemacht oder eine dicke Klausur geschrieben." Noch immer macht ihm das Pokerspiel Spaß. Meistens. Doch seit sein Lebensunterhalt davon abhängt, kann Dennis sich nicht mehr aussuchen, ob er spielt. Er verdient monatlich vierstellige, manchmal auch fünfstellige Euro-Beträge. Aber wenn es nicht läuft, steht am Ende des Monats auch mal ein Minus auf dem Kontoauszug.

Von dem Geld, das Hunderttausende einsetzen, gehen zirka fünf Prozent an den Betreiber des Webangebots. Im Gegenzug erhalten die Spieler Vielspielerpunkte, die sie gegen Prämien eintauschen können. Dennis hätte genug für einen Porsche. Aber er holt sich höchstens mal einen Laptop oder Flachbildfernseher. Er sammelt Punkte, um auf möglichst viele Live-Pokerturniere fahren zu können. Vergangenes Jahr war er schon außerhalb von Europa unterwegs. 2009 spielt er bei der "World Series of Poker" in Las Vegas mit tausenden anderer Spieler um einen Hauptgewinn von rund zehn Millionen US-Dollar.

Der große Reichtum ist in Dennis' Acht-Stunden-Poker-Alltag nicht mehr als ein Traum. Ein Fiebertraum, meinen manche. Freunde tauschten plötzlich dubiose Geschichten aus darüber, was Dennis angeblich alles verspiele. Als die Eltern hörten, der Sohn verbringe seine Zeit mit Glücksspielen, erschraken sie. Dennis besänftigte seine Mutter mit einer Einladung in ein feines Restaurant. Der Vater blieb skeptisch. Also setzten sich die beiden hin, und der Sohn erklärte dem Vater das Pokern. "Er hat eingesehen, dass es kein reines Glücksspiel ist", sagt Dennis. Der Vater spielt Schach. Dass bekannte Schachprofis zum Poker wechseln, weil es dort mehr zu gewinnen gibt, beeindruckte ihn.

Rechtliche Grauzone

Begeistert ist der Vater immer noch nicht. Poker gilt vor dem Gesetz als Glücksspiel, und das darf nur von konzessionierten Betreibern wie Spielbanken angeboten werden. Die Anbieter der Online-Pokerräume befinden sich allerdings im Ausland. Die Spieler bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Auch wer sich an einem öffentlichen Glücksspiel beteiligt, muss gemäß dem Gesetzbuch mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen rechnen. Das ist auch der Grund, weshalb Dennis in diesem Artikel nicht erkannt werden möchte. Praktisch hat der Staat aber kaum eine Handhabe gegen die Online-Pokerer. Ein Motiv, die Gesetzgebung zu überarbeiten, hätte er schon: Glücksspielgewinne sind in Deutschland steuerfrei.

Seit 2007 hat Dennis, der sich für einen durchschnittlich begabten Pokerspieler hält, mehr als hunderttausend Euro verdient - aufgesparte Treuepunkte nicht mitgerechnet. "Andere verdienen die Summe in zwei Monaten", sagt er. Er will weitermachen, solange es einen Poker-Hype gibt und damit genug Hobbyspieler, die ihr Geld im Internet verlieren. Pokerfreunde sagen, das Spiel sei bereits härter geworden. "Pokern ist nicht alles", sagt Dennis. "Ein Job, der Spaß macht und gutes Geld bringt. Aber das kann ich mir ja nicht in den Lebenslauf schreiben. " Er könne sich schon vorstellen, in zehn Jahren noch dabei zu sein. "Aber Pokerspieler, das ist nicht mein Berufswunsch."

* Name von der Redaktion geändert

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