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Pokerstrategie: Zocken wie die Profis

Poker ist ein Glücksspiel - aber eines, das man lernen kann. Wer am Pokertisch dauerhaft Erfolg haben will, kommt um die richtige Strategie nicht herum. Wir zeigen Ihnen, wie es geht.

Von Christoph Schäfer und Finn Rütten

Fliegen Sie immer gleich zu Anfang vom Pokertisch? Haben die Gegner stets mehr Glück als Sie? Das lässt sich ändern, aber es ist harte Arbeit. In sieben Kapiteln hat stern.de alles zusammengefasst, was Sie über das Pokerspiel wissen müssen - von den verschiedenen Strategien über die Bedeutung der Position am Tisch bis hin zum ABC der Spielmathematik.

Viele der folgenden Tipps sind für alle Pokerarten gültig. Weil es aber Hunderte Varianten gibt, beschränken sich einige lediglich auf die mit Abstand populärste in Deutschland: Texas Hold'em.

Die Texas-Hold'em-Regeln

Keine Pokervariante ist so beliebt wie Texas Hold'em. Bei dieser Spielart erhält jeder Spieler zu Beginn der Runde zwei Karten verdeckt. Anschließend werden in drei Schritten insgesamt fünf Karten für alle sichtbar in die Mitte des Tisches gelegt. Jeder Spieler darf sich im Geist das beste Blatt aus seinen zwei Startkarten und den offen liegenden Gemeinschaftskarten bilden, das heißt, er kann drei, vier oder fünf der Gemeinschaftskarten für seine Zusammenstellung nutzen.

Das Spannende an Texas Hold'em ist, dass kein Spieler am Anfang der Runde weiß, welche Gemeinschaftskarten am Ende auf dem Tisch liegen werden. Die Zocker müssen daher mehrfach einschätzen, wie stark ihre Starthand letztlich sein wird. Die erste Entscheidung fällt unmittelbar, nachdem alle Spieler ihre Anfangskarten erhalten haben. In dieser ersten Setzrunde muss jeder Spieler entscheiden, ob er den nötigen Einsatz (vergleiche das nächste Kapitel) zahlt, um die ersten drei Gemeinschaftskarten zu sehen, den

Flop

. Danach folgt eine neue Setzrunde, die vierte Gemeinschaftskarte (der

Turn

), eine weitere Setzrunde, die fünfte Gemeinschaftskarte (der

River

) und eine letzte Setzrunde. Ist jetzt noch mehr als ein Spieler mit von der Partie, muss derjenige Spieler, der dem Kartengeber (

Dealer

) am nächsten sitzt, zuerst seine Karten aufdecken. Es gewinnt, wer am Ende das höchste Pokerblatt vorweisen kann.

Der korrekte Ausdruck

Bei der Pokervariante Texas Hold'em müssen immer zwei Spieler einen Pflichteinsatz zahlen, den Blind. Wer links vom Kartengeber sitzt, hat den Small Blind zu entrichten, der nächste Spieler muss den Big Blind berappen. Der Big Blind ist stets doppelt so hoch wie der Small Blind. Wie hoch die Einsätze genau sind, hängt vom jeweiligen Turnier ab. Eines aber steht fest: Nach einer vorab festgelegten Zeit erhöhen sich die Blinds unweigerlich.

Um am Tisch eine gute Figur zu machen, sollten Sie folgende Ausdrücke im Schlaf beherrschen:

check

= Sie bleiben im Spiel, setzen aber nicht.

bet

= Sie legen als Erster einen Einsatz hin.

call

= Sie gehen mit und bezahlen ebenfalls.

raise

= Sie erhöhen den Einsatz.

fold

= Sie passen und legen Ihre Karten ab.

Bei Texas Hold'em werden die meisten Turniere in der Variante

No Limit

gespielt. Das bedeutet, Sie dürfen - sofern Sie noch im Spiel und an der Reihe sind - jederzeit alle Ihre Jetons auf dem Tisch in die Mitte schieben. Ansonsten gelten nur zwei Regeln für die Einsätze: Zum einen muss Ihr Einsatz mindestens dem Wert des Big Blinds entsprechen, zum anderen muss er mindestens so hoch sein wie der zuletzt bezahlte Einsatz in den Gewinntopf (

Pot

).

Psychologische Aspekte

Wer kennt nicht die sprichwörtliche Pokerface? Jenes undurchschaubare Gesicht, das ein bisschen Angst einflößt, die Spielstärke des Mimen unterstreicht und keinerlei Rückschlüsse auf seine Karten zulässt. Laien halten die Pokerface für die Krönung des Pokerspiels, für das ultimative Werkzeug zum Sieg.

Doch weit gefehlt! Wer sich seine Karten wirklich ansehen lässt, sollte erst gar nicht am Pokertisch antanzen. Und selbst wenn der Blick Ihres Gegners Bände spricht: Seien Sie sich Ihrer Sache nicht zu sicher. Vielleicht macht er schlechte Miene zu guten Karten und Sie rauschen ins Verderben. Erst wenn Sie einen Spieler sehr lange kennen, sollten Sie etwas auf seine Aussagen, seine Mimik oder sein Verhalten geben. Am besten lassen Sie es aber ganz.

Gehen Sie lieber stets ausgeruht an den Spieltisch. Planen Sie genug Zeit ein, machen Sie wenn möglich immer mal Pause. Vermeiden Sie Nervosität und Hektik. Und vor allem: Bleiben Sie konzentriert, Ihre Gegner sind es auch!

Starke Starthände

Alle Anfänger machen den gleichen Fehler, sie spielen viel zu viele Starthände. Sitzen acht bis zehn Spieler am Tisch, machen Sie definitiv etwas falsch, wenn Sie dauerhaft in mehr als jeder fünften Runde mit von der Partie sind. In Turnieren spielen Profis oft sogar nur jede zehnte Hand.

Als Faustregel gilt: Je schwächer Ihr Spiel, desto besser muss Ihre Starthand sein. Gerade als Anfänger sollten Sie nur bei erstklassigen Anfangskarten mitspielen.

Dabei lassen sich alle spielbaren Starthände in fünf Gruppen unterscheiden:

1. Hohe Paare

Ein paar Buben, Damen, Könige oder Asse sind eine ausgezeichnete Starthand. So ein Paar sollten Sie auf keinen Fall vor dem Flop aufgeben. Insbesondere mit Königs-Paar oder zwei Assen sollten Sie notfalls bis zum All-In mitgehen.

2. Mittlere und kleine Paare

Haben Sie "nur" zwei Zehner oder weniger, heißt es Vorsicht, denn dieses Paar wird - sofern keine günstigen Gemeinschaftskarten folgen - am Ende wahrscheinlich nicht gewinnen. Bezahlen mehrere Spieler den Einsatz, sollten Sie dabei bleiben, solange keine astronomischen Summen gesetzt werden. Je weniger Einzahler am Tisch und je höher deren Einsatz, desto eher sollten Sie Ihr Paar aufgeben.

3. Zwei hohe Karten unterschiedlicher Farbe

Haben Sie zwei hohe Karten von unterschiedlicher Farbe in der Hand, können Sie sich an diesen versuchen. Sie müssen aber nicht. Lediglich Ass und König oder Ass und Dame sollten fast immer gespielt werden. Passen Sie sich ansonsten an Ihre momentane Situation im Spiel an - und bezahlen Sie keine zu hohen Einsätze.

4. Aufeinanderfolgende Karten von der gleichen Farbe

Diese Gruppe umschließt alle Blätter, wo zwei Karten aufeinander folgen und von der gleichen Farbe sind, beispielsweise Herz-Acht und Herz-Neun. Wer mit diesen Karten in den Ring steigt, hofft auf einen Flush oder eine Straße. Ein solcher Glücksfall ist zwar selten, hat aber einen großen Vorteil: Entweder die Gegner rechnen nicht damit oder sie kennen zwar ihr Risiko, nehmen es aber in Kauf. Versuchen Sie sich an dieser Hand nur, wenn Sie den Flop billig sehen können.

5. Eine hohe und eine tiefe Karte von der gleichen Farbe

In der Zwickmühle sitzen Sie auch mit einem Ass und (beispielsweise) einer Drei. Diese Starthand ist zu gut zum Fortwerfen und zu schlecht, um sie zu behalten. Noch schlimmer wird es, wenn Sie im Flop das Ass treffen. Dann haben Sie zwar ein tolles Pärchen, aber einen denkbar schlechten Kicker. Außerdem wird jeder andere Spieler mit einem Ass höchstwahrscheinlich auch mit von der Partie sein. Von daher gilt für die fünfte Gruppe meist, was auch für alle anderen Startkarten gilt, die nicht besprochen wurden: Legen Sie sie mit Stil beiseite.

Die richtige Position

Von entscheidender Bedeutung ist beim Pokern auch die richtige Position am Tisch. Poker wird im Uhrzeigersinn gespielt, daher haben Sie einen großen Vorteil, wenn Sie zuletzt an der Reihe sind. Dann können Sie in Ruhe beobachten, wie sich die Spieler vor Ihnen entscheiden, und eine ziemlich präzise Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen (siehe nächstes Kapitel).

An einem Tisch mit zehn Mitspielern werden die ersten drei Hände links vom Dealer als

Early Position

bezeichnet, nie nächsten fünf Spieler liegen in

Middle Position

, die letzten zwei Zocker spielen die

Late Position

. Generell gilt: Je eher Sie an der Reihe sind, desto besser muss Ihre Hand sein.

Das Wahrscheinlichkeits-ABC

Der Kern des Pokerspiels besteht aus zwei Fragen: 1. Wie wahrscheinlich ist es, dass meine Hand am Ende siegreich ist? 2. Welchen Betrag sollte ich deshalb höchstens setzen?

Schlechte Pokerspieler entscheiden diese Fragen nach Gefühl, gute Zocker nehmen die Wahrscheinlichkeitsrechnung zu Hilfe. Je genauer Sie Ihre Chancen ausrechnen können, desto höher ist Ihre Spielstärke.

Um die erste Frage möglichst genau einschätzen zu können, müssen Sie sich fragen, wieviele Karten noch im Stapel liegen könnten, die Ihnen helfen. Falls Sie nur noch mit einem Herz-Ass auf dem River gewinnen können, haben Sie lediglich eine mögliche Siegchance (nur ein

"Out"

) . Dann können Sie wie folgt rechnen: 52 Karten sind insgesamt im Spiel. Zwei haben Sie in der Starthand, vier liegen bereits als Gemeinschaftskarten auf dem Tisch. Es verbleiben 46 Karten, die Sie nicht kennen. Nur eine Karte davon rettet Sie, daher steht Ihre Chance 1 zu 45. Das heißt, von 46 Spielen werden Sie im Schnitt nur eines gewinnen.

Welchen Betrag sollten Sie deshalb höchstens setzen? Wenn Sie nur einen Euro bezahlen müssen, um den River zu sehen, dann gilt: Können Sie 47 Euro gewinnen, setzen Sie den Euro. Gewinnen Sie weniger als 46 Euro, lassen Sie es.

Spielstrategien

Nicht jeder Spielstil ist auf lange Sicht erfolgreich. Ein loose Teilnehmer spielt sehr viele Hände, ein tight Player hingegen nur die stärksten Karten. Ein aggressiver Spieler wird den Einsatz relativ oft erhöhen, ein Passiver nur, wenn er sehr gute Siegchancen sieht.

Wer die weltbesten Pokerspieler analysiert, wird schnell feststellen, dass sie eine tight-aggressive Strategie verfolgen. Allerdings wird ein Profi stets unberechenbar spielen und sich auch mal an einer etwas schlechteren Starthand versuchen. Er bleibt zurückhaltend, spielt aber nicht nur die allerbesten Karten.

Turnier und Cashgame

Beim Pokern gibt es zwei verschiedene Grundtypen: Das Turnier und das Cashgame. Die Regeln für ein Turnier sind denkbar einfach. Jeder Spieler zahlt den gleichen Betrag, um überhaupt an dem Turnier teilnehmen zu dürfen. Je mehr Spieler sich beteiligen, umso größer wird der Gewinnpot (die Geldmenge, die unter den besten Spielern verteilt wird). Welcher Spieler am Ende wie viel erhält, variiert stark von Turnier zu Turnier. Für die meisten Veranstaltungen gilt, dass nur die besten 10 bis 20 Prozent der Spieler "ins Geld kommen". Der Gewinner erhält etwa ein Drittel des Gewinnpots, der Zweite ungefähr ein Viertel. Die restlichen Gewinne werden sukzessive erheblich kleiner. Die letzten bezahlten Plätze erhalten lediglich ihr Eintrittsgeld plus einen kleinen Betrag zurück.

Im Unterschied zum Turnier entsprechen beim

Cashgame

die Chips auf dem Tisch einem echten Geldwert. Außerdem darf jeder Spieler jederzeit mit seinem Geld aufstehen und gehen. Darüber hinaus sind die Blinds (die Grundeinsätze pro Runde) meist festgelegt und steigen nicht an - anders als im Turnier. Auch das Zu- oder Neueinkaufen (die sogenannten Add-Ons oder Rebuys) ist nach jeder Runde möglich.

Eine Frage der Strategie

Der entscheidende strategische Unterschied zum Turnier liegt darin, dass die Wahrscheinlichkeitsrechnung beim Cashgame einen wesentlich höheren Stellenwert hat. Im Turnier kommt es hingegen außer den statistischen Chancen, eine Hand zu gewinnen, auch aufs Überleben an. Ein Beispiel: Sie spielen bei einem Turnier mit, bei dem nur die besten 100 von 1000 Spielern ins Geld kommen. Sie liegen an Position 101. Ihre Chance, die Hand zu gewinnen, liegt bei 70 Prozent. Wenn Sie verlieren, sind Sie draußen. Bei einem Turnier würden Sie diese Hand nicht spielen - zu hoch ist die Chance, mit nichts als Frust nach Hause zu gehen. Beim Cashgame entfällt diese strategische Komponente, schließlich ist jede Hand nur genau das wert, was in der Tischmitte liegt. Stimmt das Verhältnis aus Siegchance und Gewinnhöhe, sollte die Hand unbedingt gespielt werden. Falls Sie Pech haben und nach der Runde ohne Chips dastehen, können Sie sich ja problemlos wieder einkaufen.

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und Christoph Schäfer