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"Unfollow Everything" Facebook sperrt Entwickler, der News-Feed aufräumen wollte

"Unfollow Everything": Facebook sperrt Entwickler, der News-Feed aufräumen wollte
© Dominic Lipinski/ / Picture Alliance
Nutzer Louis Barclay erfindet ein Tool, um den Facebook-Feed zu säubern und wird dafür von der Plattform verbannt. Nach Monaten traut er sich an die Öffentlichkeit.

Wer kennt es nicht? Versunken in stundenlanges Scrollen durch einen scheinbar endlosen Facebook-Feed. Und mit einem mal fragt man sich: "Wie viel Zeit ist eigentlich gerade vergangen?" Das dachte sich wohl auch Facebook-Nutzer Louis Barclay – und erfand kurzerhand ein Tool, um den Feed komplett zu leeren. 

Barclay war selbst süchtig nach Facebook

Bevor Louis Barclay das Programm "Unfollow Everything" entwickelte, sei er selbst süchtig nach Facebook gewesen, schreibt er in einem Online-Artikel. Dabei sei sein Hauptproblem der endlose News-Feed, der in der deutschen Facebook-Version auch als Startseite bezeichnet wird. Um seiner Sucht zu entkommen, entfolgte der Brite zunächst manuell allen möglichen Kanälen – und war begeistert: "Ich erinnere mich noch an das Gefühl, als ich allem zum ersten Mal entfolgte.", schreibt Barclay, "es war nahezu wundervoll".

Barclay will anderen Menschen helfen – und entwickelt das Tool

Um anderen Nutzer:innen die Zeit und Mühe zu ersparen, welche er beim Entfolgen aufgewendet hatte, entschließt er sich, dafür ein automatisiertes Tool zu entwickeln. Als das Programm "Unfollow Everything" im Sommer 2020 online geht, findet es schnell unzählige Anhänger. Unter den Bewertungen für das kostenlose Programm findet Barclay Kommentare wie "Dank dir bin ich jetzt offiziell nicht mehr Facebook-süchtig!"

Jedoch: Facebook ist gar nicht begeistert

Nachdem das Tool rund ein Jahr online ist, bekommt Barcley im Juli 2021 unerwartet Post von einer Anwaltskanzlei. Diese erteilt ihm im Namen von Facebook eine Abmahnung. Denn das von ihm entwickelte Programm verletze die Markenrechte und Nutzungsbedingungen des Konzerns. Zudem wurden Barclays Facebook- und Instagram-Konten dauerhaft deaktiviert. Er darf sie nicht mehr benutzen. Als Begründung nennt Facebook, man dürfe nichts tun, was "die einwandfreie Funktionsweise bzw. das Erscheinungsbild unserer Produkte unterbindet, überlastet oder beinträchtigen könnte".

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Barclay in Angst vor einem Rechtsstreit

Das Schreiben der Kanzlei forderte von dem britischen Start-Up-Gründer einerseits, sein Programm aus dem Chrome-Store zu entfernen, wo es heruntergeladen und installiert werden konnte. Außerdem musste der Brite sämtliche Daten offenlegen, die mit seinen Instagram- und Facebook-Konten, sowie mit seinem programmierten Tool in Zusammenhang stehen. Des Weiteren solle er jegliche Daten löschen, die er jemals von Facebook empfangen hat. Sollte Barclay die Forderungen ignorieren, so drohe ihm der Rechtsstreit. Gegen den billionenschweren Konzern juristisch vorzugehen – das traue er sich nicht, so Barclay. "Die Forderungen erschienen mir extrem unverhältnismäßig", erzählt er in seinem Artikel. Doch würde Barclay einen Rechtsstreit mit Facebook verlieren, so müsse er persönlich für die Prozesskosten aufkommen.

Endlich traut er sich an die Öffentlichkeit

Ohne rechtlichen Beistand wäre Barclays Geschichte um "Unfollow Everything" wohl nie an die Öffentlichkeit gelangt. Doch dank der Hilfe des Knight First Amendment Institute der Columbia University und einigen britischen Anwälten begann Barclay, sich sicher genug zu fühlen, um mit der Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Er beschreibt das Verhalten von Facebook schließlich als "verbraucherfeindlich" und kritisiert, wie Plattformen dieser Art User:innen an sich binden, diese gleichzeitig aber daran hindern, zu entscheiden, wie sie die Plattformen nutzen wollen.

Facebook nimmt Stellung zu dem Vorfall

Nachdem Barclay seine Geschichte mit der Öffentlichkeit geteilt hat, nimmt auch Facebook zu den Geschehnissen Stellung. Der Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen ergebe sich nicht daraus, dass Barclay es Menschen erleichtert habe, Personen zu "entfolgen" oder allgemein weniger Zeit auf der Plattform zu verbringen, erläutert Jason Grosse, ein Sprecher der Konzerns. Vielmehr habe das Tool auf automatisierte Weise auf die Konten der Nutzer:innen zugegriffen und diese geändert, was sich bei Missbrauch als problematisch erweist. Außerdem verweist Grosse auf Facebooks eigene Tools, mit denen User:innen ihre Zeit auf der Plattform verwalten können.

Quellen: slate.com, Spiegel

mlm

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