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Soziales Netzwerk Google+: Der große Schlag gegen Facebook?

Schlankes Design, persönliche Nachrichtenticker, innovative Freundeslisten: Google will Facebook mit seinem sozialen Netzwerk vom Thron stoßen. Doch ist "Google+" wirklich der große Facebook-Killer?

Von Christoph Fröhlich

Erinnert sich noch wer an Google Buzz? Oder an Google Wave? Wem diese Namen nichts sagen, hat nichts verpasst. Sie waren Googles verzweifelte Versuche, in die sozialen Netzwerke einzusteigen. Jetzt will der Suchmaschinen-Riese alles besser machen und präsentiert Google+. Das neue Portal soll die Nutzer vom größten Rivalen Facebook abwerben und lockt mit einem übersichtlichen Layout und neuen Funktionen: Video- und Gruppenchats, Cloud-Service für Fotos, ein personalisierter News-Ticker - um nur die wichtigsten zu nennen. Die Liste der Versprechungen ist lang. Doch reicht das, um Facebook zu übertrumpfen?

Im Kreis der Freunde

Googles größte Innovation ist "Circles", eine kreisförmige Freundesliste. Je nach Beziehung werden die Kontakte in unterschiedliche Kreise sortiert. Das können grobe Kategorien wie Familie oder Arbeitskollegen sein, aber auch präzisere wie Oma und Opa oder Fußballverein. Zwar bietet auch Facebook die Einteilung in Gruppen - allerdings löst Google den mühseligen Arbeitsschritt weitaus bequemer: Das Profil des neuen Kollegen wird einfach per Drag-and-Drop in den Kreis "Beruf" gezogen, das Sortieren wird kinderleicht. Auf die gleiche Art können Kontakte wieder entfernt oder in andere Kreise verschoben werden. Befinden sich in einem Kreis so viele Kontakte, dass die Übersicht verloren gehen könnte, werden die Kontakte wie in anderen Netzwerken in einer Liste dargestellt.

Genauso simpel gestaltet sich auch das Verschicken von Nachrichten an bestimmte Personengruppen. Müssen die Kontakte in Facebook mühselig sortiert oder manuell ausgewählt werden, reicht bei Google+ ein Klick auf den jeweiligen Kreis. Möchte man doch einmal alle Freunde erreichen, ist das natürlich auch möglich.

Immer auf dem neuesten Stand

Eine weitere Neuerung ist "Sparks", auf deutsch "Funken". Dahinter verbergen sich die Interessen der Nutzer, sie sind vergleichbar mit den Gruppen in Facebook. Doch Google geht noch einen Schritt weiter: Sparks zeigt nicht nur, was den Nutzer interessiert, sondern versorgt ihn auch mit themenspezifischen Inhalten. So liefert der Google-Themendienst beim Stichwort "Windsurfen" ständig neue Artikel, Videos und Fotos rund um den Wassersport.

Interessiert man sich auch noch für "Kochen", "Bundesliga" und "Vogelbeobachtung", sorgen Symbolbilder für mehr Übersicht. Erst beim Klick auf das jeweilige Bild bekommt der Nutzer die weiterführenden Inhalte zu Gesicht. Die setzen sich aus den Google-Diensten von Youtube, Google News und anderen Partner-Diensten zusammen. Laut GoogleWatchBlog gibt es mit "Featured Interests" auch einen Bereich, der weltweit beliebte Themen hervorhebt.

Einheitliche Bedienung

Alle Funktionen laufen im "Stream" zusammen. Hier kann man die Bilder und Videos von Freunden betrachten, Mitteilungen verschicken oder sehen, wer gerade online ist. Im Prinzip entspricht der Stream der Startseite von Facebook nach dem Einloggen. Ergänzt wird der Browser von einer schwarzen Leiste am oberen Rand des Bildschirms. Die sogenannte Toolbar soll demnächst auf allen Diensten von Google angeboten werden, um eine einheitliche Navigation zu ermöglichen.

Google+ nutzt außerdem Googles neuen "+1"-Button: Der macht dem "Gefällt mir"-Daumen von Facebook seit einiger Zeit Konkurrenz. Der blaue-weiße Daumen ist mittlerweile auf fast allen Seiten zu finden und ist ein beliebtes Mittel, seine Netzfundstücke zu verbreiten. Googles Gegenstück ist momentan aber eher spärlich verbreitet. Mit Google+ könnte sich das ändern. Vielleicht.

Google bringt Ordnung ins Kommunikations-Wirrwarr

Um mit Freunden im Kontakt zu bleiben, bietet Google neben einem internen Nachrichtendienst auch einen Chat, der mit einer Gruppen- und Videofunktion ausgestattet ist. Im Videochat "Hangout", dem "Lieblingstreff", können sich bis zu zehn Freunde über Webcams miteinander austauschen. Der Videochat funktioniert ähnlich wie der von Skype, erspart dem Nutzer aber das Ausführen eines weiteren Programms. Wie gut die Bildqualität und die Übertragungsgeschwindigkeit ist, wird sich erst im Praxistest zeigen: Bisher können lediglich ausgewählte Mitglieder Google+ testen.

Mit "Huddle", was soviel wie "Wirrwarr" bedeutet, bietet Google zudem einen klassischen Gruppenchat. Hier können sich die Teilnehmer per E-Mail, SMS oder Browser miteinander austauschen. Das ist nicht neu, Facebook präsentierte eine ähnliche Funktione bereits vergangenen November. Allerdings hat sich die Funktion bei Facebook bis heute nicht durchgesetzt. Ob Google es besser macht, können Nutzer in der finalen Version ausprobieren.

Unterwegs nichts neues

Googles mobile Anwendung verknüpft Handy-Funktionen mit dem sozialen Netzwerk. Ähnlich wie in der Facebook-App kann der Nutzer in einer Übersicht verfolgen, was in dem sozialen Netzwerk gerade passiert. Auch der Trend zur Cloud, einer Datenwolke im Internet, geht an Google nicht spurlos vorüber. Zum Start von Google+ gibt es die passenden Apps für Apple-Geräte und Android. Die ermöglichen das Hochladen von unterwegs geschossenen Fotos direkt in das soziale Netzwerk. Zudem kann man dank GPS den Freunden jederzeit mitteilen, wo man sich gerade befindet. Das ist zwar praktisch und intuitiv - revolutionär sieht aber anders aus.

Kampf um die Nutzerkonten

Googles selbstgesteckte Ziele sind hoch: Um die Facebook-Nutzer zum Wechsel zu bewegen, muss Google einen echten Mehrwert bieten. Der ist bisher aber noch nicht erkennbar. Allerdings befindet sich das Projekt noch in einer Testphase, neue Funktionen hat der offizelle Google-Blog bereits angekündigt. Am Ende entscheiden aber nicht nur die neuen Funktionen, sondern auch Googles Umgang mit kritischen Themen wie Datenschutz und Sicherheit, ob sich die Nutzer von Facebook abwenden.

Denn auch die Konkurrenz wird nach den jüngsten Enthüllungen nicht untätig bleiben: Mit rund 750 Millionen Nutzern ist Facebook bereits sehr gut aufgestellt. Zwar liegt der Suchmaschinen-Riese bei den monatlichen Nutzerzahlen noch eine Nasenspitze weiter vorn. Erst im Mai hat Google als erste Internetfirma überhaupt die Grenze von einer Milliarde monatlichen Nutzern überschritten. Microsoft landete mit 905 Millionen Nutzern auf Platz zwei, gefolgt von Facebook mit 714 Millionen Usern. Doch während Google einen Anstieg von lediglich acht Prozent aufweist, verzeichnet Facebook fast 30 Prozent Nutzerwachstum. Bereits in einem Jahr könnte der Suchmaschinen-Anbieter überholt werden. Womöglich kommt der neue Google-Dienst bereits zu spät.