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Benq Mobiles Abgang: Die letzten deutschen Handys

Nach 15 Jahren ist alles vorbei: Handys "made in Germany" sind Vergangenheit. Als letzter Akteur tritt Benq Mobile - das Insolvenzverfahren ist offiziell eröffnet - von der Bühne ab, nach Bosch und Hagenuk. Eine Geschichte der Unfähigkeit.

Von Volker Müller

Kantig, solide, schwer wie ein Ziegelstein - das erste Siemens-Handy S1 ist deutsche Wertarbeit. Von Ingenieuren für Ingenieure, eine Telefon gewordene Bosch-Schlagbohrmaschine.

1992 starten die digitalen Mobilfunknetze in Europa. Siemens will dabei sein, ebenso probieren sich Bosch und Hagenuk. Handys "made in Germany" gelten als vielversprechende Vision, damals. Die Hersteller glauben an weltweiten Export, sprudelnde Gewinne und technische Paradestücke. Heute, 15 Jahre später, ist mit der Insolvenz der ehemaligen Siemens-Handysparte alles vorbei. Der letzte Akteur verlässt die Bühne, und die Geschichte deutscher Handyfirmen liest sich wie eine der Unfähigkeit.

Dabei verspricht die Handyproduktion anfangs ein glänzendes Geschäft zu werden. Siemens, einst Haus- und Hoflieferant der Deutschen Bundespost, stellt längst schon Netztechnik her. Nun auch Handys. Viel können die noch nicht: Das S1 verwaltet ein paar Rufnummern, kann Verbindungen herstellen - sonst nichts.

1996 geht Hagenuk pleite

Das ändert sich mit dem S3 Com zwei Jahre später: Erstmals können die Benutzer Kurznachrichten schreiben. Der Marktanteil in Deutschland steigt auf 40 Prozent. Ein Joint Venture mit Sony soll weltweit für Schub sorgen, hält aber nur bis 1998. In Kiel geht 1996 Hagenuk als erster deutscher Handyhersteller pleite.

Bunt wird es 1997 bei Siemens: Das S10 bietet das erste Farbdisplay der Welt - oder was Siemens dafür hält. Mit verwaschenem Rot, Blau, Grün und Schwarz kann es vier Farben anzeigen. Das Gerät wird dennoch ein Erfolg. Insgesamt 3,5 Millionen Geräte stellt Siemens 1997 her, Nokia etwa das Fünffache.

Handychef Rudi Lamprecht träumt von 20 Millionen im Jahr 1999. Dazu habe er die Entwicklungszeiten drastisch verkürzt: "Künftig bringen wir drei neue Modelle pro Jahr." Die Schwächephase der Sparte sei aus eigener Kraft überwunden. 2001 sollten gar 60 Millionen Siemens-Handys die Werke verlassen, der Marktanteil auf weltweit 15 Prozent wachsen, Siemens sich als dritte Kraft auf dem Markt etabliert haben. Ein Traum.

1998 setzen sich noch einmal die Maschinenbauingenieure im Konzern durch: Mit dem SL10 erscheint das erste Schiebehandy. Die Werte für Schlagfestigkeit und Verwindungssteife sind bis heute unerreicht. Parallel kauft der Konzern die Handys von Bosch. Zwei Jahre später schafft Siemens den Businessklassiker S35. Klein, ausdauernd, integriertes Modem und Eingabehilfe für SMS. Die Bilanz aber bleibt ernüchternd: Von 2001 bis 2004 verliert der Konzern 726 Mio. Euro mit den Handys. Volker Jung, seit 1998 im Zentralvorstand am Ruder der Kommunikationssparte, führe das Geschäft nach "Gutsherrenart", witzelt das "Manager Magazin" später: "Neue Handydesigns werden oft seiner Ehefrau Heidi vorgelegt."

Mit dem SL45 erscheint 2001 der letzte Bestseller. Es ist das weltweit erste Handy mit Speicherkarte - und integriertem MP3-Spieler. Der Erfolg macht übermütig: 2003 wagt Siemens den Ausflug in die Modewelt und preist seine quietschbunte Xelibri-Reihe an - Scheußlichkeiten im Stil von Küchenuhren der 50er-Jahre.

Manager wechselten schnell

Lust auf das Geschäft hat der Konzern nicht mehr, die Manager geben sich bei der Handysparte die Klinke in die Hand. Im September 2003 tritt Jung in den Ruhestand. Konzernchef Heinrich von Pierer übernimmt den Job, um ihn drei Monate später an Klaus Kleinfeld weiterzureichen. Der bleibt kaum ein halbes Jahr, dann tritt im Herbst 2004 Thomas Ganswindt an.

Verkaufsgerüchte machen erstmals 2002 die Runde. Der Konzern könne sein Handygeschäft in ein Joint Venture einbringen. So hatte Siemens bereits 1999 seine PC-Sparte an Fujitsu entsorgt. Ein Geschäft mit Motorola scheitert jedoch. Immerhin darf Siemens mangels eigener Kompetenz von Motorola ein erstes UMTS-Handy übernehmen.

Im Frühjahr 2005 ruhen alle Hoffnungen auf Clemens Joos als Spartenchef. Der stets braun gebrannte Dynamiker analysiert: Siemens ist zu langsam, zu teuer - und die Geräte sind zu hässlich. Sein Arbeitgeber nimmt etwa 420 Mio. Euro in die Hand und verklappt im Herbst das Geschäft an den erfolgssüchtigen taiwanischen Konzern Benq.

840 Mio. Euro umsonst investiert

Den Neustart der nun Benq-Siemens genannten Marke verlegt Joos im Januar 2006 in eine Investitionsruine der Berliner U-Bahn. Mit Geräten aus Aluminium, Magnesium und Saphirglas soll der Aufstieg gelingen. Da sind aus den einst 8,5 Prozent Marktanteil weniger als vier Prozent geworden. "Profitabilität vor Marktanteil", propagiert Joos. Er schafft beides nicht. Im September zieht der Benq-Vorstand in Taipeh die Reißleine. Rund 840 Mio. Euro haben sie nach eigenem Bekunden in der Sparte versenkt.

1000 der einst 3000 Mitarbeiter hofften bis zur Jahreswende auf einen neuen Investor - vergeblich. Um allen Verpflichtungen nachzukommen und dem Geschäft wieder Leben einzuhauchen, bräuchte der 500 bis 800 Mio. Euro, schätzt der Betriebsrat. Das ist auch dem letzten Interessenten zu viel.

FTD