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Fernseh-Handys: Die Glotze in der Tasche

Pünktlich zur Fußball-EM sind die ersten Fernseh-Handys auf den Markt gekommen. Sie empfangen unterwegs kostenloses Digital-TV. Wem das Display des Telefons zu klein ist, der kann Geräte nutzen, die größer als ein Telefon, aber immer noch tragbar sind.

Von Dirk Liedtke

Dass sich viele Deutsche kurz vor Beginn einer Fußball-Europameisterschaft einen möglichst großen neuen Fernseher kaufen, ist normal. Doch es gibt auch TV-Geräte, die gegen den Trend gehen: neue Empfänger, deren Bildschirm in der Diagonale gerade mal fünf Zentimeter misst. Erstmals bieten alle vier Handynetzbetreiber ein Mobiltelefon des koreanischen Herstellers LG mit eingebautem Fernseher an. Die Idee dahinter leuchtet ein. Einen Bildschirm hat sowieso fast jeder ständig in der Tasche: das Handy- Display. Warum nicht auch darauf fernsehen? Möglich macht das ein eingebauter Empfänger für DVB-T, das digital und kostenlos über Sendemasten und Funktürme ausgestrahlte "Überall-TV".

Doch kommen die großen Gefühle aus Hollywood oder aus dem Stadion auf dem kleinen Monitor an? Tatsächlich liefert das TV-Handy LG HB620T erstaunlich scharfe Bilder. Selbst die eingeblendeten Namen der Moderatoren und die Laufbänder der Nachrichtensender lassen sich entziffern - allerdings nur im Schatten. Wenn sich die Sommersonne auf dem Display der Mini- Glotze spiegelt, erahnt man das Bild nur noch. Immerhin hält der Akku so lange, wie ein Fußballspiel dauert: rund zwei Stunden. Leider kann man Sendungen im Breitbildformat 16 : 9 nur mit schwarzen Streifen betrachten. Das LG-Handy ist ohne Vertrag rund 300 Euro teuer - bei Abschluss eines 24-Monate-Vertrags kostet es ab einem Euro. Vodafone hat zusätzlich ein Smartphone mit TV-Empfang im Sortiment, das mit 590 Euro (mit Vertrag ab 249 Euro) recht teuer ist, aber im Querformat ein größeres Display hat.

Bis zu 29 Programme lassen sich mit DVB-T empfangen - nur in wenigen ländlichen Gebieten klaffen noch Empfangslücken. Allerdings: Erst im Lauf des Jahres werden die DVB-T-Frequenzen so umgestellt, dass die Handys alle Sender empfangen können. Derzeit fehlen zum Beispiel in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bayern und Sachsen sowie in Hannover, Berlin und Hamburg einige ARD-Sender. Das kann bei der EM Probleme bereiten. Heimlich im Büro ein Fußballspiel zu verfolgen dürfte an der schwachen Teleskopantenne scheitern. In geschlossenen Räumen klappt der Empfang oft nur in Fensternähe. Vor dem Kauf sollte man daher auf der DVB-T-Empfangskarte im Internet (www.ueberallfernsehen. de) die Signalstärke am Wohnort prüfen oder mit einem Leihgerät ausprobieren.

16 TV-Kanäle

Wenn kein neuer Vertrag mit einem subventionierten Handy abgeschlossen wird, ist ein mobiler DVB-T-Empfänger meist preiswerter als ein TV-Handy. Diese gibt es bereits für ab 110 Euro. Sie haben ein deutlich größeres Display. Auch tragbare DVD-Player und Navigationsgeräte mit DVB-T-Empfang oder DVB-T-Empfänger für das Notebook sind eine Alternative für den Fernsehgenuss unterwegs.

Eigentlich ist dafür ein ganz anderer technischer Standard vorgesehen: das europäische DVB-H (das "H" steht für Handheld, also tragbar). Andere Länder sind hier schon weiter, doch in Deutschland startet dieser Tage erst der Probebetrieb. Der einzige Betreiber, Mobile 3.0, hat große Pläne: Auf 16 TV-Kanälen sollen auch "interaktive" Sender nach dem Vorbild von "Neun Live" laufen. Nur zwei Sender, vermutlich ARD und ZDF, werden frei empfangbar sein. Für die restlichen Programme wird eine Gebühr fällig. Denkbar sind künftig Kombigeräte, die sowohl das kostenlose DVB-T als auch DVB-H empfangen können. Offen bleibt die Frage, wer für 16 Programme Gebühren zahlen würde, wenn er bis zu 29 Programme gratis empfangen kann.

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