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Ifa-Trend 3D-TV: Mehr Tiefe für die Glotze

Dreidimensionale digitale Fernsehbilder sollen schon ab dem kommenden Jahr in heimischen Wohnzimmern zu bewundern sein. Das kündigen verschiedene Hersteller auf der Ifa an. Experten sind skeptisch: Schließlich ist in Deutschland zurzeit noch eine andere TV-Baustelle offen.

Das Rennen um die nächste Revolution in der Unterhaltungs-Elektronik ist eröffnet. Das Zauberwort lautet 3D: Dreidimensionale Bilder, wie man sie aus dem Kino kennt, auf dem heimischen Fernseher. Auf der Funkausstellung IFA in Berlin kündigten die japanischen Branchenriesen Sony und Panasonic 3D-taugliche Fernseher und Blu-ray-Abspielgeräte für das kommende Jahr an. Branchenexperten und Wettbewerber meldeten allerdings umgehend Zweifel an.

"Nächstes Jahr wird sich das Fernsehen dramatisch verändern", prophezeite Panasonic-Manager Yoshiiku Miyata vollmundig. "Es wird nicht mehr etwas sein, was Sie sehen, sondern etwas, was Sie fühlen." Panasonic sieht sich dabei in der "pole position": Man gehe davon aus, als erster Hersteller mit einer Komplettlösung von der Produktion von 3D-Bildern bis hin zu Verbrauchergeräten auf den Markt zu kommen.

Aber auch Sony will eine führende Rolle bei der neuen Technik übernehmen und alle Bereiche beliefern. Konzernchef Howard Stringer präsentierte in Berlin ein 3D-System ("real 3D") für Kinos, Fernsehgeräte und die Spielekonsole Playstation 3. Der Vorteil von Sony gegenüber der Konkurrenz: Zum Konzern gehört auch ein eigenes Hollywood-Studio, das zum Start der neuen Technik gleich einen 3D-Film produzieren will. "Es geht darum, Software, Geräte und Inhalte gleichzeitig anzubieten", betonte Sony-Europachef Fujio Nishida.

Preisen stünden bislang noch nicht fest, 3D-taugliche HD-Fernseher würden aber definitiv im oberen Preisbereich liegen, räumte Nishida ein. Mehr Details solle es zur amerikanischen Elektronik-Messe CES im Januar 2010 geben. Sony plane, die Technik zeitgleich in Japan, Europa und den USA auf den Markt zu bringen.

Skepsis bei Experten

Philips, der größte europäische Hersteller von Verbraucherelektronik, zeigt sich dagegen skeptisch. "3D ist zwar der Traum der Fernsehzuschauer und der Ingenieure. Die Technologie läuft aber noch nicht stabil", sagte Philips-Manager Andrea Ragnetti in Berlin. Es sei beispielsweise noch nicht klar, ob die Menschen bereit seien, sich mit 3D-Brillen vor den Fernseher ins Wohnzimmer zu setzen. Es gebe Alternativen, die ohne Spezialbrillen funktionierten. Sie seien aber noch nicht marktreif. Philips arbeite aber ebenfalls an 3D-Techniken.

Auch Branchenkenner haben große Zweifel. Es dürfte noch bis zu sieben Jahre dauern, bis die Technik ausgereift ist, sagte der amerikanische Technologie-Analyst Rob Enderle in Berlin. Außerdem seien die Technologien von Sony und Panasonic nicht miteinander kompatibel. "Und das letzte, was die Branche jetzt braucht, ist noch ein Formatkrieg." Sein Kollege Michael Gartenberg glaubt auch, dass Philips den realistischeren Marktblick hat: "Die Verbraucher haben sich doch gerade erst HD-Fernseher gekauft und sind nicht bereit, die jetzt schon wieder auf den Müll zu schmeißen." Beim deutschen Fernseherhersteller Loewe heißt es ebenfalls, die Technik brauche noch drei bis sieben Jahre.

Der Zeitpunkt für die großen 3D-Ankündigungen erscheint auf den ersten Blick riskant. Die weltweite Wirtschaftskrise hat bei den großen Unterhaltungselektronik-Herstellern tiefe Spuren hinterlassen. Während der deutsche Markt dank der Berliner Konjunktur-Stützen bisher gut durch die Krise kam, gab es international zum Teil dramatische Nachfrageeinbrüche. Und Sony rechnet nicht damit, dass es bald wieder aufwärts geht: So werde sich die Konjunktur in Westeuropa erst irgendwann im kommenden Jahr erholen, glaubt Nishida. Allerdings blicke Sony bereits nach vorn: "In schwierigen Zeiten an Investitionen in die technische Entwicklung zu sparen, wäre Selbstmord."

HDTV ist noch nicht fertig

Zum anderen - und da ist Deutschland das beste Beispiel - hat die Branche noch nicht einmal die Umstellung auf das Fernsehen in hoher Bildauflösung, HDTV, bewältigt. In Deutschland starten ARD und ZDF erst Anfang kommenden Jahres die regelmäßige HD-Ausstrahlungen, bei weitem noch nicht in allen Haushalten stehen moderne TV-Geräte - und jetzt soll auch noch "HD in 3D" kommen?

Eine Antwort liegt in dem aktuellen 3D-Trend auf dem Kinomarkt. Nachdem Hollywood festgestellt hat, dass dreidimensionale Filme bei den Zuschauern gut ankommen, steigt die Zahl der Produktionen kontinuierlich, massenhaft werden Kinosäle umgerüstet und entsprechend steigt der Druck, ein solches Erlebnis auch für zuhause anzubieten. In Großbritannien plant der Bezahlsender Sky laut Sony auch einen speziellen Kanal für 3D-Sendungen. So sollen beispielsweise Fußball-Spiele der Uefa in 3D aufgezeichnet werden.

Für Panasonic liegt der Reiz zusätzlich darin, die Produktionskapazitäten für Plasma-Fernseher auszulasten. Die Technik konnte sich bei gewöhnlichen Fernsehgeräten nicht gegen LCD-Panels durchsetzen, jetzt betonen die Japaner, für die schnellen Bildwechsel der 3D-Technologie seien die Plasma-Bildschirme bestens geeignet.

Wie funktioniert 3D-Fernsehen?

Das 3D-Fernsehen beruht auf der Technik der Stereoskopie. Dafür wird eine Szene mit zwei Kameras aufgenommen, die im mittleren Augenabstand voneinander montiert sind. Auf diese Weise entstehen zwei "Halbbilder", die jeweils nur für ein Auge gedacht sind. Für die Betrachtung gibt es verschiedene Möglichkeiten: Klassische Stereoskope haben beispielsweise zwei Okulare, durch die jedem Auge das passende Halbbild gezeigt wird. Im Hirn entsteht durch die Kombination der Halbbilder ein räumlicher Eindruck. Durch ein solches Stereoskop kann jedoch nur ein Betrachter zurzeit gucken.

Gedruckte oder projizierte 3D-Bilder können dagegen von mehreren Zuschauern betrachtet werden. Meist werden dazu die Halbbilder mit einem optischen Trick voneinander getrennt. Am bekanntesten sind die sogenannten Anaglyphen, die durch eine Rot-Grün-Brille betrachtet werden müssen. Dabei werden die beiden Halbbilder in die Komplementärfarben Rot und (Blau-)Grün eingefärbt und etwa auf eine Leinwand projiziert. Der Betrachter muss die Rot-Grün-Brille aufsetzen, durch die jeweils für ein Auge ein Halbbild ausgeblendet wird. Wieder entsteht durch die Kombination der beiden Halbbilder im Gehirn ein räumlicher Eindruck. Wegen der benutzten Farbtrennung lassen sich auf diese Weise aber nur Schwarz-Weiß-Bilder wiedergeben.

Für 3D-Farbbilder werden die Halbbilder durch die sogenannte Polarisation des Lichts getrennt: Alle Lichtwellen besitzen eine Schwingungsebene. In einem normalen Lichtstrahl kommen in der Regel alle Schwingungsebenen gleichmäßig vor. Mit einer kleinen Blende lassen sich jedoch Schwingungsebenen sortieren. So wird etwa das eine Halbbild mit senkrechter und das andere mit waagerechter Schwingungsebene ausgestrahlt. Die zugehörige Spezialbrille lässt an jedem Auge jeweils nur eine der beiden Schwingungsebenen durch. So sieht jedes Auge nur "sein" Halbbild, das Hirn mischt daraus den dreidimensionalen (3D) Eindruck. Es gibt auch eine Reihe von Projektionstechniken, die keine Brille zur Betrachtung erfordern, sie haben sich jedoch wegen verschiedener technischer Schwierigkeiten bislang nicht durchgesetzt.

Das Stereoskop war bereits in den 1830er Jahren von dem Briten Charles Wheatstone erfunden worden. Die ersten 3D-Filmvorführungen zeigten Anfang des 20. Jahrhunderts die Brüder Auguste und Louis Lumière.

Andrej Sokolow und Renate Grimming/DPA / DPA