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Impressionen von der 3GSM-Messe: Bitte, Kunde, telefonier doch nicht nur!

Fürs Handy optimierte Websuche, GPS-Navigation, Spiele, Filme und immer wieder Musik - an Visionen mangelt es der versammelten Mobilfunkbranche auf der 3GSM-Konferenz nicht. Nur wie sollen daraus Milliardengeschäfte werden?

Von Dirk Liedtke, Barcelona

"Schau mal, was ich hier habe", sagt die junge Österreicherin von Anfang 20 zu ihrer Freundin, als sie auf ihrem Handy einen 22 Sekunden langen Videoclip entdeckt. Zu swingendem Jazz purzeln Sardinen, Fleischbällchen, Tintenfische und andere spanische Vorspeisen appetitanregend übers Handydisplay. Die Tapasbar am Hafen von Barcelona hatte den Werbespot per Bluetooth-Datenfunk auf das Telefon überspielt. Diese neuartige Art, Gäste ins Restaurant zu locken, passt gut nach Barcelona. Die modern und elegant durchgestylte Hauptstadt Katalaniens ist noch bis Donnerstag die Weltmetropole des Mobilfunks. Die Fachmesse 3GSM World Congress hat Manager und Verkäufer aus aller Welt ins sonnige und fast schon frühlingsmilde Barcelona gelockt. Und der Tapasclip ist ein angemessener Appetitanreger für die neue Rolle des Handys in unserem Alltag.

Schon in unserem nächsten Handy, spätestens dem übernächsten, wird ein GPS-Modul eingebaut sein. Dann ist das Telefon gleichzeitig auch ein Navigationsgerät. Weil es immer weiß, wo es sich gerade befindet, kann es seinen Besitzer ans Ziel führen - egal, ob er zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs ist. Weltmarktführer Nokia will in diesem Jahr mehrere GPS-Modelle herausbringen. Gleichzeitig steigt Nokia auch ins Navi-Geschäft ein. Einfaches Kartenmaterial mit Standortbestimmung soll es sogar kostenlos geben.

Einfacher suchen

Wer das Internet-Portal Yahoo! auf seinem Handy nutzen will, muss bislang noch manuell eintippen, wo er gerade unterwegs ist. Der aus Deutschland stammende, bei Yahoo! fürs vernetzte Leben (Connected Life) verantwortliche Manager Marco Börries stellte in Barcelona die für Handys optimierte Suche Yahoo "oneSearch" vor. Mit seinem immer noch jungenhaften Charme geht der einst mit dem Büro-Software-Paket "Star Office" reich und berühmt gewordene Manager direkt Google an. Wer dort "Apple" als Suchbegriff eingibt, bekommt auf dem Handy über 22 Millionen Ergebnisse aufgelistet. Yahoo! siebt seine Suchergebnisse für Handynutzer dagegen intelligent aus: Als erstes kommen die Adressen des nächsten Apple-Store (von denen es in den USA einige gibt), dann die Firmen-Website und der Aktienkurs, alles schön aufbereitet mit bunten Logos und trotzdem übersichtlich.

Bezahlen muss der Nutzer dafür nur die Leitungskosten bei seinem Mobilfunkbetreiber. Yahoo! will an Anzeigen verdienen, bunten kleinen Werbebannern etwa von Pepsi, Nissan oder Intel. Ein fairer Deal für uns Mobiltelefonierer. Anklicken müssen wir die Reklamepixel ja nicht. Der erfolgreiche Schulabbrecher Marco Börries ist sehr ehrgeizig. Das "th" klingt bei ihm zwar immer noch so ähnlich wie das "c" in Barcelona bei einem Spanier, aber Yahoo! soll auf den Handys Google überholen. Herunterladen kann man den Zugang kostenlos, auf über 100 Handys soll der Dienst schon laufen.

Die Menschen wollen nur das eine...

Die unangenehme Wahrheit der Mobilfunk-Branche spricht Börries ganz ungeniert aus. "Wie 1999 kurz vor Ausbruch des weltweit rund eine Billion Dollar schweren UMTS-Lizenz-Versteigerungsfiebers machen die meisten Menschen nur zwei Dinge mit ihrem Handy: telefonieren und SMS verschicken." Alles andere ist ihnen zu teuer, zu fummelig oder es läuft zu lahm. Werbefinanziert, und das ist bei Google alles und bei Yahoo sehr viel, lassen sich die Konsumenten die schönen, neuen Dienste bestimmt gerne gefallen. Wenn denn auch die Gebühren fürs mobile Surfen noch weiter fallen. Hier hat zumindest der Discounter Simyo vor kurzem den Anfang gemacht.

Alles was Spaß macht, gibt es im mobilen Internet aber nicht für lau - etwa Clips aus Fernsehsendungen, Sex- und Porno-Filmchen oder Musik. Die Anarchie des Web von Raubkopien von Filmen und Spielen bei Bittorrent bis zu TV-Ausschnitten bei YouTube ist in den immer noch streng kontrollierten Mobilfunknetzen undenkbar. Zwar laufen YouTube-Clips bald auch speziell auf Nokia-Telefonen, aber man darf gespannt, ob da nicht aussortiert wird. Hollywood-Studios wie Sony, Fernsehsender wie MTV oder National Geographic und Plattenfirmen wie EMI - alle wollen ihre Hits und Archive auch mobil zu Geld machen. Die Bandbreite der Aussteller von Handyclips ist beachtlich: Pubertierende Jungs können ihr Handy mit Hintergrundbildern von Pornostars verzieren, Romantiker Bollywood-Kitsch in allen Varianten ordern und Cineasten speziell gedrehte Kurzfilme von Robert Redfords Sundance-Film-Festival.

Spiele, TV und Musik

Am meisten Geld geben die Handynutzer für Spiele aus, die sie auf ihr Gerät mobil herunterladen: rund drei Milliarden Dollar werden damit in diesem Jahr weltweit umgesetzt, rechnet David Gosen, Chef der englischen Firma I-Play im Gespräch mit stern.de vor. Im letzten Jahr seien erstmals mehr mobile Games als Konsolenversionen verkauft worden. Das Wachstumspotenzial sei gigantisch, weil erst jeder zehnte Handynutzer ein Spiel heruntergeladen habe, aber die Hälfte von ihnen schon mal eines der serienmäßig installierten Gratis-Spiele gespielt habe. Abwandlungen von Kinofilmen wie "The Fast And The Furious" oder "Goodfellas" sowie von TV-Serien wie "24" sind bei I-Play Bestseller. Was es bei YouTube für lau gibt, will I-Play gar verkaufen: Amerikaner können demnächst für 1,99 Dollar Gebühr bis zu 20 Clips mit Ausschnitten aus TV-Serien und Filmen von Universal herunterladen pro Monat. Ob das ein Renner wird?

"Setzen Sie sich nicht auf die Norah-Jones-CD. Sie ist wertvoll!" Der französische Boss der Musikfirma EMI, Jean Francois Cecillon, klang fast etwas verzweifelt, nachdem er den weltweiten Bestseller seinen Mitdiskutanten auf einem Panel als Begrüßungsgeschenk auf die schwarzen Ledersessel gelegt hatte. Kein Wunder. Er verkauft ein Produkt, das Millionen von Internetnutzern ungeniert klauen, weil es geht und nix kostet. Von den Mp3-Songs, die bezahlt werden, landet die Hälfte übers Mobilnetz auf dem Handy. Das kann man kaum glauben. Aber die Mobilfunk-Manager wie der neue T-Mobile-Chef Hamid Akhavan setzen darauf ihre Zukunftshoffnungen. Denn die Gesprächs-Gebühren sinken auf breiter Front. Und auch bei T-Mobile machen sie zusammen mit SMS-Erlösen immer noch 90 Prozent der Einnahmen aus. Langfristig wird sich der Preisunterschied zwischen einem am PC bei I-Tunes gekauften Song und dem gleichen von T-Mobile georderten Titel nicht mehr lange rechtfertigen lassen. Auch Akhavan hält mobile Musik für "immer noch zu teuer".

Nur keine Normalos

Ob all dieses kostenpflichtige Spaßfutter bei normalen Handykunden wie den zwei jungen Ösi-Touristinnen überhaupt ankommen, bleibt auf der Messe ein Rätsel. Denn anders als bei der Cebit in Hannover oder der Ifa in Berlin werden normale Besucher in Barcelona mit einem Eintrittspreis von 599 Euro faktisch ausgesperrt. Die Herren in ihren Anzügen und die Damen in ihren Kostümen bleiben so unter sich und machen sich gegenseitig Mut, dass aus ihren Visionen ein Milliardengeschäft wird.

Die Patatas Bravas in der Tapasbar waren übrigens lange nicht so lecker wie sie in dem Videoclip auf dem Handy aussahen. Aber Werbung hat ja schon immer gerne übertrieben. Warum sollte das in ihrer mobilen Variante anders sein.