VG-Wort Pixel

Kritik an Vogelruf-Apps Wenn im Wald die Smartphones zwitschern

Spezielle Vogelruf-Apps gaukeln den Waldbewohnern Konkurrenz vor
Spezielle Vogelruf-Apps gaukeln den Waldbewohnern Konkurrenz vor
© Andrew ROSS/AFP PHOTO
Naturschützer schlagen Alarm: Immer mehr Fotografen zücken im Wald ihre Smartphones und locken Vögel mit Vogelruf-Apps aus ihren Nestern. Das ist schädlich für die Tiere, meinen Kritiker. Sie erwägen nun rechtliche Schritte.
Von Christoph Fröhlich

Die Zeit des Wartens ist vorbei. Mussten frühere Vogelfotografen mühselig im Gebüsch ausharren, um einen Blick auf das Objekt ihrer Begierde zu erhaschen, wird heute einfach das Smartphone gezückt und die passende Vogelruf-App gestartet. Der künstliche Vogelruf lockt die Nesthocker aus ihrem sicheren Versteck direkt vor die Kameralinse des Fotografen. Das ist jedoch verboten, meint das britische Attenborough Nature Centre, ein Naturreservat in der Nähe von Nottingham.

"Eine moderne Entenpfeife"

"Wir hatten Probleme mit Leuten, die Vögel mit künstlichen Vogelgeräuschen aus dem Gebüsch locken, um sie besser sehen zu können. Das ist das moderne Gegenstück zur Entenpfeife", so Erin McDaid von Notts Wildlife Trust gegenüber der britischen Tageszeitung Telegraph. "In manchen Fällen waren es sogar mehrere auf einmal. Das treibt die Vögel in die Defensive. Und während sie ihr Territorium verteidigen, sitzen sie nicht auf ihren Eiern und vernachlässigen ihre Nestpflege."

Die unnatürliche Ablenkung zeigt bereits Folgen: Der Seidensänger und der Feldschwirl gelten im Attenborough-Naturreservat als teilweise bedroht. Dabei kritisiert McDaid Smartphones nicht grundsätzlich: "Sie sind ein großartiges Hilfsmittel zur Artenbestimmung. Doch auf diesem Weg verursachen sie Probleme."

Kampf gegen unsichtbare Rivalen

Auch Markus Nipkow, Ornithologe und Vogelschutzexperte von Nabu Deutschland, kennt das Phänomen der Vogel-Lockrufe: "Vogelinteressenten haben sich schon immer einiges einfallen lassen, um die Tiere zu Gesicht zu kriegen. Einige Tierfotografen nutzten beispielsweise Kassettenrekorder, mit denen sie die Vogelstimmen aufnehmen und zu einem beliebigen Zeitpunkt wieder abspielen konnten. Dabei wurde jedoch meistens auf den Schutz der Tiere geachtet."

Auch Wissenschaftler arbeiten mit Klangattrappen, um Vögel mit falschen Rufen anzulocken. Ein Einsatz dieser Gerätschaften muss jedoch zuvor genehmigt werden. Denn die Köder-Rufe bedeuten zusätzlichen Stress für die Vögel und veranlassen sie, ihre Verstecke zu verlassen. "Dabei verbrauchen die Vögel Energie und Zeit, um gegen ein rivalisierendes Männchen zu kämpfen, das überhaupt nicht existiert.", so Nipkow.

Zwitschern auf Knopfdruck

Vor allem die Leichtigkeit der modernen Methoden besorgt den Vogelexperten: "Die Geräte werden immer verbreiteter und die Bedienung wird immer bequemer, es ist quasi ein 'Anlocken leicht gemacht'. Wenn Leute nur aus Spaß die Vögel mit solchen Methoden ködern, kann ich das nicht gutheißen. Da sollte man an die Naturliebhaber appellieren und aufklären. Eine Störung dieser Art ist nach Bundesnaturschutzgesetz auch in Deutschland verboten."

Bisher blieb es in den Naturreservaten nur bei Ermahnungen. Die High-Tech-Vogelbeobachter sollen vor allem verstehen, dass die Sicherheit der Vögel an erster Stelle steht. Sollten die Tierfotografen ihre Praxis dennoch weiter fortführen, halten britische Naturschützer auch rechtliche Schritte für nicht ausgeschlossen. Das Gesetz wäre auf ihrer Seite.

Lesen Sie auch bei unserem Partner pcwelt.de: "Die Akte der verbotenen Smartphone-Apps"

Mehr zum Thema

Newsticker