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Soziologe Günter Burkart: Vom Zwang der Erreichbarkeit

Das Handy ist viel mehr als nur ein Telefon - und nicht nur in technischer Hinsicht. Der Soziologieprofessor Günter Burkart beschreibt im stern.de-Interview, wie Mobiltelefone unser Leben verändert haben und warum wir nicht mehr auf sie verzichten wollen.

Professor Burkart, Sie haben Ihr Buch über die Einflüsse des Mobiltelefons auf unser Leben "Handymania" genannt. Die medizinische Definition von "Manie" liefern Sie auch mit: "Ständige Geschäftigkeit ohne nennenswerten Nutzeffekt." Sind wir alle krank?

Ich denke, dass zumindest leichte Suchttendenzen mit dem Handy verbunden sind, vielleicht aber nicht so stark wie bei manchen anderen elektronischen Medien. Ich würde nicht sagen, dass wir alle krank sind. Es gibt eher eine kulturelle Disposition, eine Veranlagung zur Sucht nach dem Handy.

Aber unsere Gesellschaft wird immer mobiler. Da ist doch die Verbreitung des Handys eine logische Folge.

Eisenbahn, Autos, Flugzeuge sind viel wichtiger für Mobilität. Die Fern-Kommunikation ist durch das Handy zwar beschleunigt worden. Aber E-Mail haben wir ja auch schon eine ganze Zeit. Man könnte sich eine Gesellschaft vorstellen ohne Handy, aber mit normalem Telefon. Das Handy ist , eigentlich nicht wirklich für die Mobilität notwendig, denn das Reisen und die Möglichkeit zu telefonieren hat man schon lange. Es geht ja nur um die Abkopplung von einem festen Ort.

Wir könnten also auf das Handy verzichten. Wir tun es aber nicht, weil - wie sie schreiben - es uns nicht allein um den reinen Nutzwert des Geräts geht?

Die Faszination für ein Gerät kann auch daher kommen, dass man bestimmte Dinge leichter, eleganter, schneller machen kann, ohne dass das sachlich zwingend notwendig wäre. Es bedürfte nur einer etwas größeren Mühe, um auch ohne Handy zum gleichen Ergebnis zu kommen. Das Seltsame ist, dass jeder so sein Ding in der Tasche trägt. Für die meisten Leute ist das Gerät nicht zwingend notwendig.

Welche Eigenschaft macht das Handy unerlässlich?

Es betont den Individualismus. Wir sind in der Tat eine sehr individualisierte Gesellschaft. Dabei geht es gar nicht so sehr um Entscheidungsautonomie, die ist oft eine Illusion. Aber mit dem Handy hat man das Gefühl oder die Illusion von Individualität, von Einzigartigkeit. Man kann sich einerseits rausziehen aus allem und ist dennoch "always connected". Permanentes Verbundensein, das ist ein wichtiger Punkt, der die Balance hält zwischen Individualität und Vergemeinschaftung. Individualismus bedeutet nicht Egoismus oder Einsamkeit. Es heißt eher, dass man sich aus unmittelbaren Kontakten heraushalten und dennoch ständig in Bereitschaft dazu sein kann.

Diese Überlegungen machen wir uns doch nicht, wenn wir ein Handy kaufen.

Inzwischen ist das Mobiltelefon genauso unverzichtbar wie ein Fernseher. Wenn ein Gerät selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt geworden ist, dann muss man es nicht mehr begründen. Es handelt sich nicht mehr um sachliche oder technische Unverzichtbarkeit, sondern um eine kulturelle. Das meinte ich am Anfang mit "kultureller Disposition".

Aber es ist auch ein Ausdrucksmittel des sozialen Status, des Lebensstils, der Gruppenzugehörigkeit.

Ein Handy allein bietet einem kaum noch Möglichkeiten, sich von anderen zu unterscheiden, es sei denn, man hat ein sehr teures Handy, ein Blackberry oder ein UMTS-Gerät. Aber der reine Besitz eines Mobiltelefons ist nichts Besonderes mehr. Bei Jugendlichen allerdings spielen Marken eine gewisse Rolle, und es kommt auch auf die Oberschale des Geräts an, auch auf die Gestaltung des Displays und natürlich die Klingeltöne.

Erreichbarkeit hat sich stark verändert durch das Mobiltelefon. Wie wird der Alltag der Menschen beeinflusst?

Die Erreichbarkeit war am Anfang eine Möglichkeit, die durch diese Technik geschaffen worden ist. Jetzt ist sie aber eine Norm geworden. Eine soziale Norm im Sinne einer Erwartung. Man muss sich eben auch rechtfertigen, wenn man nicht erreichbar ist. Man muss Erklärungen abgeben, Ausreden erfinden usw. Deswegen ist das Positive nicht weg. Für bestimmte Berufsgruppen zum Beispiel ist es einfach zweckmäßig und eine Verbesserung der Möglichkeiten, beruflich außer Haus tätig zu sein. Aber für die meisten wird es eher zu einer etwas seltsamen Norm.

Weshalb seltsam?

Schauen Sie doch mal, wie viele Leute sich rechtfertigen, wenn sie etwas später kommen. Ganz auffällig ist das im Zug, selbst wenn es nur um ein paar Minuten geht. Pünktlichkeit wird eine noch stärkere Norm, obwohl sie durch das Handy ja eigentlich ausgehebelt werden könnte. Man könnte sagen, wir treffen uns heute irgendwann und klären alles weitere spontan. Doch es scheint viel wichtiger, dass sich jede Minute erneut abgesichert wird.

Pünktlichkeit galt als eine urdeutsche Tugend, hat aber in jüngerer Vergangenheit an Wichtigkeit verloren. Erlebt sie durch das Handy so etwas wie ein Revival?

Im Gefolge von "Achtundsechzig" gilt Pünktlichkeit als der Inbegriff des Spießigen. Aber unsere Gesellschaft hat bei aller Modernisierung nie auf Pünktlichkeit verzichtet. Pünktlichkeit als Wert, der offensiv gepredigt wird, das ist vorbei. Aber eigentlich ist es viel wichtiger, die Zeitkontrolle einzuhalten und sie zu akzeptieren. Zur Koordination des Zusammenlebens ist sie wichtiger geworden. Das Handy unterstützt die Flexibilisierung der Pünktlichkeit. Aber nicht das Verschwinden der Pünktlichkeit.

Zeitplanung, Erreichbarkeitszwang - das Handy ist auch ein Kontrollinstrument. Sie beschreiben, wie Jugendliche, die ihre Eltern um ein Handy bitten, häufig das Argument bringen: Dann kannst Du mich immer erreichen und weißt wo ich bin.

Auch die Kontrolle ist flexibler und angenehmer geworden. Sie ist eine Art Selbstkontrolle, die man nicht als Kontrolle empfindet. Man kann sich leichter die Illusion der Selbstbestimmung machen, wenn die Kontrolle nicht über ganz so autoritäre Mechanismen läuft, sondern über eine Art Vereinbarung. Dass man sich darauf einigt, sich gegenseitig zu kontrollieren. Bei den Jugendlichen ist das der Preis, den sie für das Telefon bereit sind zu zahlen.

Es gibt noch andere Formen der Kontrolle, die nicht ausgehandelt, sondern einfach ausgeübt wird. Zum Beispiel zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern.

Der Kapitalismus ist viel flexibler geworden ist und hat einige der Tugenden der "Achtundsechziger" in sich aufgesogen. Flexibilität, Autonomie, Selbstverwirklichung. Da passt das Handy gut als Instrument, das die Kontrolle verschärft und gleichzeitig aber auch die Arbeitszeiten der Arbeitnehmer flexibilisiert. Man muss zwar in Bereitschaft sein, aber man muss nicht nur rumsitzen. Man hat vielleicht ein Gefühl von Freiheit.

Das aber zu dem Preis, dass die Norm der Erreichbarkeit besteht und man antworten muss?

In Bezug auf Arbeitszeiten bedeutet das eine Verschärfung der Flexibilisierung und eine Aufweichung der Trennung zwischen Erwerb- und Privatsphäre. Immer mehr Leute können bei "Dienstschluss" nicht einfach nach Hause gehen und sind dann unerreichbar. Das betraf immer schon Manager und Führungskräfte, jetzt betrifft es zunehmend auch einfache Angestellte und Arbeiter, die auch zuhause erreichbar sein müssen.

Das Telefonieren in der Öffentlichkeit ist ja unter Umständen mit der Preisgabe sehr intimer Dinge verbunden. Der Telefonierende muss ich sich überlegen: Was zeige ich von mir? Und die Zuhörer müssen das dann ertragen. Wie gehen wir damit um?

Es gibt ja schon länger, auch gefördert durch das Privatfernsehen, eine Tendenz zu mehr Hemmungslosigkeit bei der öffentlichen Darstellung von Intimität. Das ist mit dem Handy noch weiter gegangen. Die Leute gehen nicht weg, wo man sich früher schon aus technischen Gründen zurückgezogen hätte. Ende der 90er Jahre war meine These, dass es einen Kampf geben würde zwischen denen, die über Privates reden, und den anderen, die sich das anhören müssen. Allerdings sieht es inzwischen so aus, dass die, die Ruhe wollen, sich nicht trauen, etwas zu sagen.

Das Handy stört unter Umständen bestehende Kommunikationsregeln. Zum Beispiel im Restaurant, in der Kirche oder auf Beerdigungen. Werden sich diese Regeln anpassen? Wird man irgendwann auf einer Beerdigung telefonieren dürfen?

Ich glaube, das bleibt im Großen und Ganzen so, wie es sich jetzt eingespielt hat. Vielleicht werden auch die Verbotsregeln wieder ein bisschen verschärft. Ein zwingender Grund, in diesen Fällen zu telefonieren, existiert ja eher selten. So wird sich das nach den ersten Jahren der Begeisterung wieder etwas legen. In den letzten zehn Jahren ist eher eine Verschärfung von Tabuzonen entstanden.

Weil man erst einmal herausfinden musste: Was nervt wann am meisten?

Genau. Das gilt auch für Klingeltöne. Wo es sowieso laut ist, dort muss man sie ja nicht unterbinden. Aber in eher ruhigen Räumen wird nach wie vor erwartet, dass das Handy nicht lärmt.

Sie haben in einem Experiment Menschen das Handy weggenommen, für drei Tage. Wie waren die Reaktionen?

Man müsste das Experiment eigentlich länger machen. Unsere Teilnehmer wussten ja, dass sie das Gerät nach nur drei Tagen zurückbekommen würden. Umso erstaunlicher ist, dass sie doch sehr schnell Entzugssymptome gezeigt haben. Das spricht für den Titel des Buches, "Handymania", man leidet unter dem Entzug des Handys, obwohl es eigentlich eine harmlose Einschränkung des Lebens ist. Fairerweise muss man hinzufügen, dass die Testpersonen Studenten waren, die über kein Büro mit einem Telefon verfügen, wenn sie den Tag über an der Uni sind.

Die meisten befürchten, ihre Verweigerung nicht lange durchhalten zu können. Warum?

Verweigerung trägt immer nur für eine kurze Zeit als Ausdruck von Individualität. Irgendwann ist das Umfeld einfach nur noch genervt. Wenn alle ein Handy haben, wird vieles an Organisationsarbeit darüber erledigt. Dann ist es auch für den Verweigerer lästig, nicht mitzumachen und ausgeschlossen zu sein.

Interview: Ralf Sander
Kann ich mich auf Geschwindigkeitsanzeige FritzBox verlassen?
Hallo zusammen, erstmal herzlichen Dank für die Leute, die sich Zeit nehmen Fragen zu beantworten oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das ist oft hlifreich, wenn man sich nicht so auskennt. Ich hoffe, dass mir jemand weiterhelfen kann. Die Telekom hat hier nach langer und ersehnter Zeit schnelle Leitungen verlegt. Mitarbeiter waren auch zu Besuch da und auch nett:-) Sie wollten ja auch, dass ich von 1und1 wieder zurück wechsel. Das ist für mich in Ordnung und gehört zum Wettbewerb. Da jedoch die Mitarbeiter mir sagten, dass die Telekom für paar Jahre das Vorrecht hätte, könnte ich schnelles Internet nur über Telekom beziehen. Sprich entweder Telekom und schnelles Internet oder langsames Internet. Da habe ich im Internet recherchiert und rausgefunden, dass das so nicht mehr stimmt. Das war der Grund, warum ich dann bei 1und1 DSL100 abgeschlossen habe, da man mir am Telefon gesagt, dass es ohne Probleme möglich wäre. Nun ist es jedoch so, dass wir gar nicht so merken, dass unser Internet schneller ist. Gerade in der oberen Etage kann man nicht ohne Router surfen oder Sky über Internet Fernsehen. Nun meine Frage: Bei der Fritzbox wird es jedoch angezeigt. Kann ich mich drauf verlassen? Oder wie macht ihr eure Messungen? Ich weiss, dass es Software gibt, aber der feste Rechner ist bereits alt und hat einen alten Internet Explorer drauf. Wenn ich mit einem Laptop im Wlan mich reinhänge, wird sicher die Geschwindigkeit sowieso niedriger und nicht verwertbar sein, oder? Vielen Dank für die Antworten.