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"Hart aber fair"-Kritik: Wenn Stress kein Spaß mehr ist

Immer am Start und immer auf Sendung: Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über Fluch und Segen der permanenten Erreichbarkeit. Einer nahm sein Handy sogar mit in den Kreißsaal.

Von Mark Stöhr

Früher schrieb man sich Briefe. Es dauerte eine Zeit, bis sie da waren, wo sie hin sollten, und eine Zeit, bis eine Antwort zurückkam. Dann schrieb man sich Mails. Die Reaktionszeit verkürzte sich dramatisch, aus vielleicht einer Woche wurde ein Tag. Und heute? Heute ist das Postfach in der Hosentasche, man trägt es immer mit sich rum, auch außerhalb der Arbeitszeiten. Reaktionszeit: maximal ein paar Stunden, am besten auf der Stelle.

Leni Braymaier, die ver.di-Chefin in Baden-Württemberg, wird beim Thema permanente Erreichbarkeit fuchsteufelswild. Sie ist eine Gewerkschafterin wie aus dem Bilderbuch: energisch, solidarisch und sehr schwäbisch. "Der Einzelhandel, aber auch andere Branchen sind versaut", sagte sie. Versaut von der Forderung der Arbeitgeber, dauernd auf Abruf zu sein. H&M etwa testet zurzeit ein Onlineportal, das kurzfristig verfügbare Schichten ausschreibt. Wer zuerst zuschlägt, hat den Job. Dafür darf er eben sein Smartphone nicht aus dem Blick lassen. Doch ist das so schlimm?

Nicht für jeden, behauptete der Arbeitspsychologe Alexander Cisik. Die jüngere Generation habe diese Flexibilität schon in ihren Lebensrhythmus eingebaut. Da sind ein paar Stunden spontanes Klamottenverkaufen zwischen der Vorlesung und dem Kinobesuch ein willkommener Zusatzverdienst. Sobald das Dasein jedoch auf weniger flinken Füßen steht, mit einer Familie zum Beispiel, wird eine solche Jobauktion schnell zum zynischen Wettrennen um den Unterhalt. Und überhaupt: Stress ist nicht gleich Stress. Cisik: "Was für den einen Stress bedeutet, ist für einen anderen Spaß."

Regelwerke für Chefs sind weltfremd

Es war eine nachdenkliche Runde bei Frank Plasberg. Kaum ein kontroverses Wort fiel zwischen den Diskutanten, mit sanft wiegenden Köpfen wurden Möglichkeiten debattiert, wie die Beschäftigten wärmer eingepackt werden könnten in der rauen modernen Arbeitswelt. Vor allem Ursula von der Leyen hat großes Talent darin, Dinge zu beklagen und im nächsten Atemzug die Versicherung zu geben, sich zu kümmern. Für alles gebe es Arbeitsschutzrichtlinien, so die Arbeitsministerin, für Lärm, Staub, Dämpfe, Strahlen, aber nicht für psychische Belastungen. Das Kümmern nach dem Kummer: Ihr Ministerium sei an dem Thema dran und der Frage: "Was macht krank? Wie kann man das messen?" Wenn das geklärt ist, gibt es vielleicht eine Regelung.

Nur die könnte nicht für alle gleichermaßen gelten, findet Joachim Sauer vom Bundesverband der Personalmanager. Er nannte seinen Einwand den "Ballack-Faktor", der besagt: Ab einer bestimmten Position und einem bestimmten Einkommen sind Regelwerke wie etwa das Arbeitszeitgesetz, das eine Ruhezeit von elf Stunden vorschreibt, "weltfremd". Dann ist das Diensthandy einfach der Herzschrittmacher des Lebens. Das kann man schlecht finden oder nicht, es ist halt so, Punkt.

Mit dem Smartphone in den Kreißsaal

Für Matthias Onken war nach 15 Jahren Vollgas und Dauerpräsenz Schluss. Er war erst lange Zeit Chefredakteur bei der Hamburger Morgenpost, dann Redaktionsleiter bei der Bild Hamburg. Vor einem Jahr schmiss er hin und wechselte in die Freiberuflichkeit. "Ich habe in den ganzen Jahren immer auf alles verzichtet, was mich daran gehindert hat, immer verfügbar zu sein." So ganz hat er den ewigen Bereitschaftsdienst aber noch nicht aus den Kleidern geschüttelt. An die Plasberg-Redaktion schrieb er in einer Mail: "Ich bin auf dem Weg in den Kreißsaal und kann vielleicht nicht durchgehend ans Handy."

Da musste sogar Leni Braymaier lachen, die energische Gewerkschafterin, auch als von Jörg Pilawa in einem Einspieler die Geschichte erzählt wurde, dass er einmal auf dem Bolzplatz mit seinem Sohn den Ball extra weit weggeschossen hatte, um noch eine SMS fertig zu schreiben.

Harmlose Anekdoten in einem Feld wirklicher Notlagen. Was passiert mit normalen Angestellten, die zusammenklappen und sich nicht wie Onken so ohne weiteres selbstständig machen können? Oder was soll zum Beispiel die Assistentin des Chefs machen, die spätabends noch und frühmorgens schon mit Mails und Kurznachrichten bombardiert wird? Zum Betriebsrat gehen, sagte Joachim Sauer, der Personalmanager. Bloß nicht, sagte Braymaier, dann wäre sie die längste Zeit die Assistentin des Chefs gewesen. Braymaier selbst musste übrigens vergangenes Wochenende nur einmal ihr Diensthandy benutzen: Als Frank Plasberg sie anrief. Ein Brief hätte echt zu lange gedauert.