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Studie zu flexiblen Arbeitszeiten: Pendeln und ständige Erreichbarkeit machen viele krank

Kilometerweites Pendeln gehört für die meisten Beschäftigten zum Alltag. Viele nehmen ihre Arbeit auch mit nach Hause. Doch die Folgen von Mobilität und Flexibilität können gravierend sein.

Viele Arbeitnehmer in Deutschland fühlen sich durch immer längere Arbeitswege, ständige Erreichbarkeit und Überstunden überlastet. Psychische Beschwerden sind laut dem Fehlzeiten-Report 2012 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) häufig die Folge. "Flexibilität braucht ihre Grenzen", forderte Herausgeber Helmut Schröder am Donnerstag (16. August) in Berlin.

Menschen, die Beruf und Freizeit nicht miteinander vereinbaren können, klagen über mehr als doppelt so viele Symptome wie Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Kopfschmerzen wie der Durchschnitt. Wer häufig private Aktivitäten wegen des Jobs verschiebt, an Sonntagen arbeitet oder viele Überstunden macht, hat häufiger psychische Beschwerden. Viele können nicht abschalten.

Es sei zwar gut für die Gesundheit, wenn Beschäftigte ihre Arbeit räumlich und zeitlich an die eigenen Bedürfnisse anpassen können, so Schröder. Nur: Offenbar gelingt dies oft nicht.

Häufige Anrufe oder Email außerhaulb der Arbeitszeit

Mehr als jeder dritte Erwerbstätige erhielt binnen vier Wochen häufig Anrufe oder E-Mails außerhalb der Arbeitszeit oder leistete Überstunden. Mehr als jeder zehnte nimmt Arbeit mit nach Hause. Fast jeder achte Beschäftigte gibt an, dass er Probleme mit der Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit hat. Die Folge ist, dass Betroffene mehr an psychischen Beschwerden leiden als andere.

Das WIdO befragte für die Studie im vergangenen Jahr rund 2000 Arbeitnehmer. Die Ergebnisse belegen demnach, dass jeder dritte Erwerbstätige in den letzten vier Wochen vor der Befragung "häufig" Anrufe oder E-Mails außerhalb der Arbeitszeit erhielt (33,8 Prozent) oder Überstunden leistete (32,3 Prozent). Rund zwölf Prozent der Arbeitnehmer nahmen Arbeit mit nach Hause, rund elf Prozent arbeiteten an Sonn- und Feiertagen. Nahezu jeder achte Beschäftigte gab an, dass er wegen beruflicher Verpflichtungen Pläne für private Aktivitäten änderte (12,8 Prozent).

Bereits mehrmals zeigten Studien negative Auswirkungen von Pendeln oder einer weitgehenden Unterordnung des Privaten unter die Anforderungen des Jobs. So wies die Techniker Krankenkasse (TK) im Juni in einem Report nach: Psychische Störungen kommen häufiger bei Menschen vor, die oft ihren Job oder ihren Wohnort wechseln.

Bereits der Weg zur Arbeit ist stressig

Das Problem dürfte zunehmen - zumindest wenn man offiziellen Statistiken folgt. Denn Pendler nehmen immer längere Wege zur Arbeit in Kauf. Die Distanz von der Haustür bis zum Büro betrug zuletzt im Schnitt 17 Kilometer. Zehn Jahre zuvor waren es noch 14,6 Kilometer. Die jüngsten Zahlen des Bonner Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung stammen zwar aus dem Jahr 2009, doch die Forscher des Instituts gehen nach eigenen Angaben von einer weiter steigenden Tendenz aus. Überdurchschnittlich weit ist laut dem Institut der Arbeitsweg an den Rändern der großen Ballungszentren wie Hamburg, Frankfurt und Berlin.

Dauert die Anfahrt zum Job länger als 45 Minuten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Arbeitnehmer erkranken, sagt auch der Soziologe Heiko Rüger. Er untersucht am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung das Thema berufsbedingte Mobilität. Seinen Erkenntnissen nach klagten Pendler, die pro Tag mindestens zwei Stunden für Hin- und Rückweg unterwegs sind, öfter etwa über einen schlechten Gesundheitszustand oder depressive Verstimmungen. Denn häufig sei bereits der Weg zur Arbeit stressig. "Auf der Autobahn gibt es einen Stau, oder die Bahn ist zu spät", sagt Rüger. Schnell liegen dann die Nerven blank.

Wer dennoch pendeln muss, sollte den Arbeitgeber um flexible Arbeitszeiten bitten, empfiehlt der Soziologe. Denn wer nicht auf die Minute pünktlich erscheinen muss, könne Staus oder Bahnverspätungen gelassener ertragen.

In Bahn und Auto kann es zu Stress kommen

Außerdem sollten Angestellte mit langem Arbeitsweg darauf achten, dass sie Termine wie Vorsorgeuntersuchungen einhalten. «Es ist erwiesen, dass Pendler Vorsorgeuntersuchungen seltener wahrnehmen», sagt Rüger - sie haben einfach weniger freie Zeit zur Verfügung. Als Folge würden wichtige, aber scheinbar nicht dringende Termine, gerne auf später vertagt.

Ob Pendeln mit Bahn oder Auto gesünder ist, hat die Forschung noch nicht beantwortet. "Das hängt vermutlich auch von individuellen Vorlieben ab", sagt Rüger. Den einen nervten die Mitreisenden in der Bahn, den nächsten, dass er beim Autofahren nichts anderes machen könne. Rüger rät, beides auszuprobieren. Der erste Schritt zum "gesunden" Pendeln sei, die eigenen Gewohnheiten nicht als alternativlos zu begreifen.

jat/AFP/DPA / DPA

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