Der Leopard 2 dürfte wohl der bekannteste Kampfpanzer der Welt sein. Einst entwickelt, um die im Kalten Krieg erwarteten großen sowjetischen Panzerverbände mit überlegener Feuerkraft auf große Entfernung zu dezimieren, muss er sich heute anderen Aufgaben und neuen Bedrohungen stellen. In Afghanistan legten Minen und Sprengfallen Schwachstellen des Panzers an seiner Unterseite offen. Beim Leopard-Hersteller KNDS hat man nun sehr genau die Verluste des Leopard 2A4 und A6 in der Ukraine analysiert. Die meisten fielen Präzisionsgeschossen der Artillerie und Drohnen zum Opfer.
Drohnen und Artillerie: Die Bedrohung kommt von oben
Mittlerweile sollen nahezu alle in die Ukraine gelieferten Leoparden verschiedener Ausführungen zerstört, erbeutet oder beschädigt worden sein. Die gute Nachricht in der schlechten: Im Gegensatz zu den Besatzungen russischer Panzer hatten die ukrainischen Soldaten gute Chancen, ihre getroffenen Leos lebend zu verlassen. Russische Kampfpanzer explodieren häufig nach Treffern, da die Munition ungeschützt im Kampfraum gelagert wird und sich entzündet.
Während die Panzerung und der Schutz durch die Konstruktion des Leoparden noch zeitgemäß zu sein scheinen, ist es der Schutz vor Bedrohungen "von oben" nicht. Im Panzerbau des Kalten Krieges war der Kampf Panzer gegen Panzer das typische Szenario. Daher sind sie am stärksten in der Frontpartie, der dem Gegner zugewandten Seite, geschützt. Zu den Seiten nimmt die Panzerung ab, am wenigsten geschützt sind das Heck und die Oberseite des Panzers.
Der nun vorgestellte Leopard in der Version A8 soll diese Lücke im Schutz schließen. Es ist der erste vollständig neu gebaute Leopard seit 1992. Die Versionen davor waren lediglich kampfwertgesteigerte Fahrzeuge der insgesamt 2125 bereits ausgelieferten Leopard 2A4.
Der Leopard mit Schutzschild
Das wohl wichtigste Merkmal des Leopard 2 A8 ist das Hard-Kill-System Trophy des israelischen Herstellers Rafael Advanced Defence Systems. Mit vier Radarsensoren und zwei Werfern stellt Trophy den Panzer unter eine Art Schutzschirm. Die Sensoren erkennen anfliegende Flugkörper aus jeder Richtung, ein Hochleistungsrechner analysiert die Anflugbahn, warnt die Besatzung und schießt eine Wolke aus Metallpartikeln in die Flugbahn des Geschosses, das daraufhin explodiert, noch bevor es den Panzer erreicht.
Trophy ist das am häufigsten eingesetzte Hard-Kill-System der Welt. Es kommt seit Jahren in israelischen Panzern sowie beim amerikanischen Abrams, dem britischen Challenger und beim K2 aus Südkorea zum Einsatz. In der neuesten Version kann Trophy auch die gefürchteten Kamikaze-Drohnen bekämpfen und direkt von oben anfliegende Ziele erfassen. Strom bekommt das System (und die neue Klimaanlage) im A8 von einem eigenständigen 20-Kilowatt-Generator. Der Schutz funktioniert also auch, wenn das 1500-PS-starke Haupttriebwerk ausgeschaltet ist. Um auch in Zukunft in diesem kritischen Bereich die Versorgungs- und Updatesicherheit zu gewährleisten, wurde aus Rafael, KNDS und General Dynamics das Joint Venture Euro-Trophy mit Sitz in Deutschland gegründet.
Ferner wurde der Panzerschutz an Front, Seite und Turm aus einem Komposit aus Stahl, Wolfram, Verbundwerkstoffen und Keramik verstärkt. Damit steigt das Gewicht auf fast 70 Tonnen. Der ursprüngliche Leopard von 1980 wog stolze 15 Tonnen weniger. Das neue Gewicht kratzt an einer wichtigen Grenze: Schwerer darf der Leo nicht werden, ansonsten wären viele Brücken für ihn unpassierbar und der Transport mit Bahn und Lkw wäre nicht mehr problemlos möglich.
Leopard an der Grenze zum Übergewicht
Das zusätzliche Gewicht zehrt auch an einem Grundsatz der deutschen Panzer-Philosophie: der Beweglichkeit. Die Fähigkeit, mit hohem Tempo vorzupreschen, auszuweichen oder die Position zu wechseln, ist hier fast ebenso wichtig wie Panzerung und Feuerkraft. Da das Triebwerk unverändert blieb, musste KNDS an einigen Stellschrauben drehen, damit der Leo A8 trotz des Übergewichts so behände bleibt wie seine Vorgänger. Das zwei Tonnen schwere Getriebe wurde überarbeitet und vorsorglich für den Betrieb mit stärkeren Aggregaten ausgelegt.
Mit dem Neubau konnten auch alle Teilsysteme beim Leopard 2 A8 auf neuesten Stand gebracht werden. Der Kommandant bekommt ein digitales 360-Grad-Periskop mit Laserentfernungsmesser und hochaufgelöster Optik – selbst bei Nachtsicht und Thermalsicht. Auch der Richtschütze profitiert von den neuen Optiken und der voll digitalen Feuerleitanlage.
Die Kanone bleibt die vom Vorgänger
Die Hauptwaffe bleibt die 120-mm-Glattrohrkanone L55A1 von Rheinmetall. Zusammen mit dem neuen Feuerleitsystem kann der A8 nun programmierbare, hochexplosive Munition über eine maximale Entfernung von fünf Kilometern verschießen. Das Geschoss kann entweder bei Aufschlag detonieren oder zu einem definierten Zeitpunkt, zum Beispiel über oder vor dem anvisierten Ziel. Für die Infanteriebekämpfung sind zwei MG5 vorgesehen. Wahlweise kann auf dem Turm noch eine fernsteuerbare Waffenanlage montiert werden.
Die Panzerbrigade 45 in Litauen bekommt den Leopard A8 zuerst
Nach der Erprobung sollen die ersten Leopard 2 A8 in gut einem Jahr an die Panzerverbände der Bundeswehr ausgeliefert werden. Die Panzerbrigade 45 in Litauen wird zuerst mit ihm ausgerüstet. Bis 2030 sollen alle 123 A8 in den Kasernen stehen. Auch Litauen, Tschechien und die Niederlande haben sich für den Kauf entschieden. 44 A8 gehen an Litauen, 46 an die Niederlande und 44 an Tschechien. Zudem bestehen Optionen für 20 weitere Leopard 2 A8 – sechs für die Niederlande und 14 für Tschechien.
Der Leopard 2 A8 ist damit der modernste Leopard überhaupt und einer der besten, wenn nicht gar der beste Kampfpanzer der Welt. Die neueste Variante zeigt jedoch auch: Das Waffensystem Leopard ist am Ende seiner Lebenszeit. Wie einen geliebten Golf GTI III hat man ihn noch einmal hübsch gemacht und ordentlich getunt, doch unter der Haube steckt eine jahrzehntealte Technik.