Feldversuch "Travolution" Nie mehr an der Ampel warten


Das Warten an der Kreuzung ist lästig, Zeit raubend, Umwelt schädigend - und vielleicht schon bald Vergangenheit. Im oberbayerischen Ingolstadt verleiht ein Großrechner Ampeln jetzt Intelligenz. Die Lichtzeichengeber lernen sogar sprechen.

Im oberbayerischen Ingolstadt werden derzeit 46 Ampeln an überwiegend stark befahrenen Kreuzungen umgerüstet. Sie sollen intelligenter werden und sprechen lernen. Im gesamten Stadtgebiet testet Ingolstadt zusammen mit der Münchner Firma Gevas Software, dem Lehrstuhl für Verkehrstechnik der Technischen Universität (TU) München und dem Autohersteller Audi ein intelligentes Verkehrssteuerungssystem. Sein Name: Travolution - eine Wortschöpfung aus "traffic", dem englischen Wort für Verkehr, und Evolution.

An den Ampeln messen Induktionsschleifen in der Fahrbahn das Verkehrsaufkommen und senden diese Daten künftig an einen Zentralrechner im Rathaus. Er soll anhand von Modellen berechnen, wie hoch das Verkehrsaufkommen fünf Minuten später sein wird, und die Ampeln entsprechend schalten. "Bislang konnten einzelne Ampeln nur messen, wie der Verkehr im Moment ist, aber nicht vorhersehen, wie er sein wird", sagt Herwig Wulffius, Geschäftsführer von Gevas Software. Bei einem Pilotversuch in Hamburg konnten laut Wulffius mit einem ähnlichen System wie in Ingolstadt jährlich 1300 Tonnen Kohlendioxid und 560.000 Liter Benzin eingespart werden. Die Fahrtzeiten verkürzten sich zu Spitzenzeiten um bis zu 20 Prozent.

Komplexe Rechenmodelle

In Ingolstadt soll das Ergebnis noch weiter verbessert werden. Dazu wenden die Fachleute von TU und Gevas Software ein kompliziertes Rechenmodell aus dem Bereich der Genetik an, den genetischen Algorithmus. Das System soll selbstständig einzelne Steuerungseinstellungen ändern und erproben. "So findet man das Optimum, ohne dass man weiß, wie man es findet", sagt Wulffius. Ob das auch klappt, kann bisher noch niemand sagen.

"Das ist schließlich ein Riesenwulst an Daten, der verarbeitet werden muss", sagt Johannes Wegmann vom Ingolstädter Amt für Verkehrsmanagement und Geoinformation. Mit einer simplen grünen Welle sei es nicht getan. "Es bringt ja nichts, wenn dafür die Autofahrer aus einer anderen Richtung ewig rot haben." Sollte das Projekt jedoch erfolgreich sein, sei es durchaus realistisch, dass in Ingolstadt langfristig alle Ampeln - insgesamt rund 150 Stück - umgerüstet werden.

Grüne Welle

In einem zweiten Teil von "Travolution" werden zunächst drei Ampeln mit drahtlosen Funknetzen - so genannten Wlan-Systemen - ausgestattet. Die Ampeln sollen schon bald mit Autos kommunizieren können. "Über ein Display im Auto teilt die Ampel dem Fahrer ungefähr 200 Meter vor der Kreuzung mit, wann sie gedenkt, auf Grün zu schalten", erklärt Cornelius Menig, zuständiger Projektleiter bei Audi. Passt der Autofahrer die Geschwindigkeit entsprechend an, kommt er genau bei Grün zur Ampel. Der Umwelt schädigende Stop-and-go-Verkehr fiele weg. "Innerstädtisch können damit rund 15 Prozent Benzin eingespart werden", sagt Menig.

Ob das System funktioniert und von den Autofahrern auch akzeptiert wird, sollen mehrere Testfahrten zeigen. Erste Ergebnisse erwartet Menig bereits Ende April. Die Daten fließen in das "Car2Car Communication Consortium" ein, in dem sich europäische Autohersteller mit verschiedenen Partnern zusammengeschlossen haben. Das Konsortium arbeitet an einer einheitlichen Kommunikation von Auto zu Auto und Auto zu Ampel. Denn auch in Zukunft wird es wohl Ampeln geben - nur das Warten davor vielleicht nicht mehr.

DPA DPA

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