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Ingenieurskunst: Berlusconi plant "achtes Weltwunder"

Schon die alten Römer hatten von einer Brücke nach Sizilien geträumt, dann wollte Diktator Mussolini die Sache angehen. Nun will sich Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi damit ein Denkmal setzen.

Jetzt soll die längste Hängebrücke der Welt tatsächlich gebaut werden: Fast vier Kilometer lang, rund vier Milliarden Euro teuer - daneben wirkt die Golden-Gate-Brücke geradezu bescheiden. Trotz massiver Kritik ist jetzt offiziell der Bauauftrag ergangen - Skeptiker fürchten vor allem ein "großes Fressen" für die Mafia.

"Das achte Weltwunder", nennen Befürworter die "Ponte sullo Stretto", die Brücke über der Meeresenge von Kalabrien nach Sizilien. "Sizilien ist keine Insel mehr". Dagegen sprechen Skeptiker von einer gigantischen Geldverschwendung: Statt sich auf das Prestige-Projekt zu konzentrieren, solle man lieber die marode Infrastruktur im Mezzogiorno verbessern. Der Verdacht geht um: Ministerpräsident Silvio Berlusconi wolle sich vor allem selbst ein Denkmal setzen.

Baubeginn bereits 2006?

"Im nächsten Jahr wird der erste Spatenstich gemacht", jubelt Verkehrsminister Pietro Lunardi. Auch die Bauzeit soll zum Rekord werden: Lediglich fünf Jahre und zehn Monate soll es dauern, verspricht das Baukonsortium unter Führung des italienischen Unternehmens Impregilo. Im Jahr 2012 soll der Verkehr rollen.

"Ein Beweis für die Schizophrenie der Regierung und ihre absolute Blindheit für die echten Bedürfnisse des Landes", ruft die Opposition. Zwar dauert die Überfahrt auf den sechs Autospuren und den beiden Eisenbahngleisen künftig nur noch ein paar Minuten. Aber jenseits der Brücke geht es dann auf maroden Straßen und Schienen weiter. "Die Züge auf Sizilien fahren im Durchschnitt lediglich 24 Stundenkilometer schnell, nur die Hälfte des Netzes ist elektrifiziert", monieren Kritiker. Was nutzt da die Mega-Brücke?

Kassiert die Mafia hier ab?

Noch schwerer wiegen andere Bedenken: "Die Brücke wird zum Riesengeschäft für die organisierte Kriminalität", warnt Alfonso Pecoraro Scanio, Präsident der Grünen. Die Staatsanwaltschaft spricht in einem Dossier von "Versuchen der Infiltration durch mafiöse Organisationen". Immer wieder heißt es, die Mafia habe schon in der Vergangenheit bei EU-Hilfen für Süditalien kräftig abkassiert.

Der Bau soll 40.000 Jobs schaffen. Der Staat beharrt darauf, das Ganze koste ihn keinen Pfennig, alles werde privat finanziert. Daher fällt auch die Maut später ziemlich saftig aus: 9,50 bis 16 Euro kostet die Hin- und Rückfahrt mit dem Auto.

Gigantisches Vorhaben

Der Traum von der Superbrücke ist alt: 251 vor Christus wollte Konsul Gaius Lucius Cecilius Fässer und Flöße aneinander bauen, um die von den Karthagern zurückgelassenen Elefanten nach Rom zu holen. Ein Sturm zerschlug das Vorhaben. Noch heute sind die Pläne gigantisch: Die Spannweite beträgt 3300 Meter, die der Akashi-Kaikyo- Brücke in Japan, die bisher weltweit längste Hängebrücke, lediglich 1990 Meter. Die Brückenpfeiler sind 382 Meter hoch - höher als der Eiffelturm.

Techniker versprechen, sogar Erdbeben von der Stärke 7,1 auf der Richterskala sollen dem Wunderwerk nichts anhaben können. Nur der laut Umfragen angeschlagene Berlusconi wird sich möglicherweise nicht so recht freuen können: Wenn im nächsten Jahr der erste Spatenstich gemacht wird, ist er vielleicht nicht mehr im Amt.

Peer Meinert/DPA / DPA