Navigationssysteme "Abbiegen, Blödmann!"


Lassen Sie sich doch mal anblaffen oder umsäuseln. Denn jetzt können Navigationsgeräte mit witzigen oder prominenten Stimmen aufgerüstet werden.
Von Dirk Liedtke

Bei einem Hörbuch steht der Name des Vorlesers als Kaufargument groß auf der Packung. Ob jemand lieber "Tagesthemen" oder "heute-journal" schaut, hat wohl auch mit dem Klang der Stimmen von Anne Will und Marietta Slomka zu tun. Nur bei den immer beliebteren Navigationssystemen im Auto setzen wir uns schicksalsergeben entmenschlichten Stimmen aus dem digitalen Orkus aus. Neutral, unpersönlich und auf die Dauer nervig. Doch die Monotonie beim Manövrieren hat ein Ende: Individualisten tunen ihr Navigationssystem mit ihrer Wunschstimme.

Hörbeispiel 1: Klare Worte von Bruce Willis

Ey Du, wir ähreischen dein Ziehl in... aah, wir aben dein Ziehl ähreischt!", säuselt "Chantal" aus dem Lautsprecher des Navigators. Das klingt so ähnlich wie die Prickel-Bauchnabel-Dame aus der Weizenbierwerbung. Wem das zu zahm ist, mag sich's von einer Domina zeigen lassen: "Fahr mit deinem bescheuerten Auto auf diese Fähre, du Blödmann", bellt dann eine Stimme, die nach vielen Zigaretten klingt. Die Auswahl an Tonlagen ist für einen jungen Markt bereits beachtlich: Der "Ex-Kanzler" schrödert vor sich hin, der "Literaturpapst" lispelt. Und "Ali" zielt auf Fans von Erkan und Stefan: "Ey, kommt de krasse U-Törn, kuckst du vor dir!" Freunde des englischen Humors dirigiert Monty-Python-Legende John Cleese durch fremde Städte. Da macht sogar eine Umleitung Freude.

Bisher nur für mobile Geräte

Wie ein modernes Handy ist auch ein GPS-Navigator ein kleiner Computer, mit dem sich allerlei anstellen lässt - Nützliches und Spaßiges. Über den PC lassen sich neben neuen Routen, Markierungen für Restaurants oder Hörbüchern auch alternative Ansager überspielen. Momentan klappt das allerdings nur bei portablen Geräten, nicht bei Festeinbauten. Doch die Navis zum Mitnehmen sind sowieso ein Verkaufsrenner: Mehr als eine Million Stück sollen dieses Jahr in Deutschland verkauft werden.

Hörsbeispiel 2: Krasse Ansagen mit Ali

Der europäische Marktführer TomTom bietet Stimmen auf der eigenen Website an. Einen Online-Shop speziell für Navi-Stimmen (www.yopia.de) hat das Software-Unternehmen Yopia aus Wetzlar eröffnet. Starkult soll auch hier Kunden anziehen: Wenn "Julia" (gesprochen Dschulijah) aufgedreht kiekst und kichert, stellt man sich lebhaft wirbelnde Korkenzieherlocken und ein Breitwandlächeln vor. "Verflucht, schnall dich ge-fälligst an!", poltert "Bruce" in einem leicht nasalen Ton. Hollywood im Honda: Yopia hat die Synchronsprecher von Julia Roberts und Bruce Willis ins Studio gesetzt. "Gerade in stressigen Verkehrssituationen ist eine angenehme Stimme beruhigend", sagt Kathleen Kleißner von Yopia. Andere Nachrüst-Navi-Hersteller aber halten wenig von diesem Beitrag zur Sicherheit auf unseren Straßen: "Wir legen Wert auf professionelle Sprecher, etwa Radiomoderatoren", sagt stellvertretend Enno Pflug von VDO Dayton.

Für jede Zielgruppe

Ob Navi-Stimmen ähnlich wie Klingeltöne ein Millionengeschäft werden? Der Fantasie sind zumindest keine Grenzen gesetzt. Brave Familienväter könnten sich auf der Geschäftsreise von der "kleinen Französin" lasziv ins Ziel hauchen lassen. Mit Frau und Kind an Bord dürfte eher die kumpelhafte Julia-Roberts-Stimme ran. Und bei Quengelalarm von der Rückbank? Da käme Harry-Potter-Rezitator Rufus Beck oder Pu-der-Bär-Vorleser Harry Rowohlt als akustische Friedenstruppe zum Einsatz.

Hörbeispiel 3: Gute Laune mit Julia Roberts


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker