VG-Wort Pixel

CEO wittert Verschwörung Trumps Twitter-Bann bescherte Parler einen Boom – doch schon am Montag könnten die Lichter ausgehen

Die bei Anhängern von US-Präsident Donald Trump beliebte Kommunikationsplattform Parler geht gerichtlich gegen die Sperrung durch Amazon vor. In der am Mittwoch bekanntgewordenen Klageschrift forderte das Unternehmen, dass Amazon den Dienst wieder online nehme. Amazon habe seinen Vertrag gebrochen, sagte Parler-CEO John Matze: O-TON JOHN MATZE, CEO VON PARLER: „Wir haben in der Klageschrift beantragt, dass Amazon uns wieder Serverkapazitäten zur Verfügung stellen soll. Denn der Schaden geht über den finanziellen Verlust hinaus. Wir können uns nicht erholen, wenn Amazon uns nicht wieder hostet. Das wäre der erste Schritt, um wieder auf die Beine zu kommen. Und dann ist es auch wichtig, alternative Dienstleister zu finden, die mit uns Geschäfte machen. Aber unseren Ruf wieder herzustellen könnte helfen, das zu erreichen." Bei Parler handelt es sich um eine sogenannte "Free Speech Social Media Plattform", auf der sich Nutzer weitestgehend unreguliert äußern können. Die Plattform ist daher beliebt bei Verschwörungstheoretikern, Nationalisten und Trump-Anhängern. Zuletzt waren dort etwa 12 Millionen Menschen angemeldet. Amazon hatte, wie bereits Google, Apple und andere IT-Firmen nach dem Sturm auf das Kapitol die Zusammenarbeit mit Parler beendet. Die Unternehmen führten an, dass die Plattform keine ausreichenden Regelungen zum Schutz vor gefährlichen Inhalten biete. Parler betonte die Inhalte seien durch die Verfassung geschützt.
Mehr
Aus den App-Stores von Google und Apple ist Parler verbannt, nun will Amazon auch nicht mehr: Das vor allem unter Rechten beliebte Netzwerk steht vor einer unsicheren Zukunft - zumal es schon Montagmorgen vorerst offline gehen könnte.

Zumindest bis zum Wochenende konnte sich John Matze, Gründer der insbesondere von Rechten genutzten Online-Plattform Parler, als großer Gewinner fühlen. Zu Tausenden strömten enttäuschte Trump-Anhänger zu seinem Netzwerk, nachdem das Twitter-Profil des Noch-US-Präsidenten am Mittwoch dauerhaft abgeschaltet worden war. In den Download-Charts schoss die App wie zuletzt im November rasant nach oben - zu viel für Parlers Server. Zahlreiche Nutzer beklagten Ladefehler und andere Netzwerkprobleme, die Technik-Chef Alexander Blair dann auch bestätigte. Grund sei der "massive Zustrom neuer Mitglieder", schrieb Blair, der versicherte, alles zu tun, damit die Plattform "gut funktioniert".

Der unter Rechten beliebten Plattform Parler droht die Abschaltung am Montagmorgen
Der unter Rechten beliebten Plattform Parler droht die Abschaltung am Montagmorgen
© Olivier Douliery / AFP / Picture Alliance

Mit großer Wahrscheinlichkeit haben er und CEO Matze jedoch schon bald ein deutlich gravierendes Problem: Denn nachdem am Freitag zunächst Google und einen Tag später auch Apple Parler aus ihren App-Stores entfernten, zog in der Nacht auf Sonntag Amazon nach. Der Online-Riese kündigte an, Parler aus seinem Cloud-Hosting-Angebot zu löschen und damit faktisch abzuschalten. Viel Zeit bleibt Matze nicht, dieses Szenario abzuwenden. Laut einem Bericht der BBC muss bis kurz vor Mitternacht Pacific Time – in Deutschland also um 8.59 Uhr am Montagmorgen – ein neuer Host gefunden sein, sonst gehen bei der Plattform die Lichter aus. 

Parler-Chef wittert "koordinierten Angriff" der Tech-Riesen

Der Unternehmenschef jedenfalls kam nicht herum, die Nutzer vorzuwarnen. Es bestehe die Möglichkeit, dass Parler bis zu eine Woche nicht erreichbar sein werde, bis ein anderer Cloud-Anbieter gefunden sei, teilte Matze in der Nacht auf Sonntag mit. "Wir werden unser Bestes tun, um sofort zu einem neuen Anbieter zu wechseln", führte er aus.

Im Verhalten von Google, Apple und nun Amazon wittert der Plattform-Gründer indes nicht weniger als eine Verschwörung gegen sein Netzwerk. "Dies war ein koordinierter Angriff der Technologiegiganten, um den Wettbewerb auf dem Markt zu töten. Wir waren zu schnell zu erfolgreich", behauptet Matze. Die drei Unternehmen hätten zusammengearbeitet, um sicherzustellen, "dass sie keine Konkurrenz haben", mutmaßt Matze, um kämfperisch fortzufahren: "Sie werden NICHT gewinnen! Wir sind die letzte Hoffnung der Welt auf freie Meinungsäußerung und freie Information."

Amazon fürchtet weitere Anstachelung zu Gewalt

Eine zu freie Meinungsfreiheit aber war Parler, wo tatsächlich so ziemlich alles gesagt und behauptet werden darf und sogar Holocaust-Leugner ein gemütliches Zuhause gefunden haben, genau zum Verhängnis geworden. So begründete Amazon seine Entscheidung in einem Brief an Parler damit, dass das Netzwerk nicht schnell genug gegen gewalttätige Inhalte vorgegangen sei. "Wir haben eine stetige Zunahme dieser gewalttätigen Inhalte auf Ihrer Website gesehen, die alle unsere Nutzungsbedingungen verletzen", heißt es in dem Schreiben. Angesichts der Ausschreitungen im US-Kapitol am Mittwoch bestehe ein "ernsthaftes Risiko, dass diese Art von Inhalten weiter zur Gewalt anstacheln wird."

Auch Google und Apple hatten die Verbannung von Parler aus den App-Stores zuvor mit ähnlichen Worten begründet. 

Parler-User bieten ihre Hilfe an

Argumente, die für Matze offensichtlich nicht zählen. Was derzeit geschehe, sei "ein Kampf gegen uns alle", es gehe obigen Firmen nur darum, ihr Sprachmonopol zu behalten. Dann wird er pathetisch. Die Mission von Parler sei "Redefreiheit, Demokratie und wir, das Volk, das die Macht hat. Die Elite will nicht, dass wir frei sind, sie will Hass, Teilung und Macht!"

Worte, die beim typischen Parler-Nutzer verfangen. Viele User beklagen, das Vorgehen gegen die Plattform sei der nächste Schritt zur völligen Zensur, die Meinungsfreiheit längst abgeschafft. Andere kündigten an, Google, Apple und Amazon künftig zu boykottieren und riefen andere User auf, dies auch zu tun. Einige boten technische Hilfe an.

Für Parler könnte sie zu spät kommen. Die Uhr tickt.

Quellen: Parler / BBC / mit AFP


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker