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Editorial: Steinmeier und Müntefering unterwegs zur Großen Koalition 2.0

Liebe stern-Leser!

Das Putschisten-Duo Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering könnte der SPD am Tag nach der Bundestagswahl ein Ergebnis bescheren, von dem heute niemand hören mag und über das auch niemand reden will: die Große Koalition 2.0! Warum? Erstens: Dass Frank-Walter Steinmeier für die Sozialdemokraten mehr Stimmen holt als Angela Merkel für die CDU, ist nicht wahrscheinlich. Zweitens: Einer Koalition mit der Linken wird sich Steinmeier verweigern. Denn allein Lafontaines Postulat - raus aus Afghanistan! - ist für Steinmeier als amtierenden Außenminister nicht verhandelbar. Im Gegenteil: Der Druck der USA und der übrigen Nato-Partner wird zunehmen, am Hindukusch mehr Einsatz zu zeigen. Drittens: Für eine Koalition mit den Grünen dürfte die Zahl der Wählerstimmen schlicht nicht reichen, zumal die SPD das urgrüne Wahlziel umweltschonender Energieeffizienz ordentlich besetzt. Und viertens: CDU und FDP werden es gemeinsam auch nicht schaffen. Die schwächelnde Wirtschaft könnte im Herbst 2009 neben Energie, Bildung und Afghanistan zum Top-Thema des Wahlkampfs aufsteigen. Da werden sich viele Menschen mit Abstiegsangst an die Wohltaten der Umverteilung erinnern und sich den roten Parteien zuwenden - als soziale Rückversicherungsanstalten versprechen sie mehr als Schwarz-Gelb.

Bliebe also nur, wenn wir Schwarz-Grün und das Jamaika-Phantom ausklammern, sich in vertrauter Runde wieder am Kabinettstisch zusammenzufinden. Bis dahin muss Steinmeier seine Partei zusammenhalten - nicht leicht, dieser Job. Aber fintenreich ist er ja, wie wir am vergangenen Wochenende lernen konnten (Seite 34).

In der kurzen Geschichte

der Vereinigten Staaten von Amerika ist es bislang neunmal vorgekommen, dass ein Vizepräsident seinen Chef beerbt hat: weil der amtierende Präsident ermordet wurde, eines natürlichen Todes starb oder zurücktrat. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass Sarah Palin, die hoch gelobte Elchjägerin aus Alaska, über Nacht den 72-jährigen John McCain ablöst.

Eine republikanische Gouverneurin, deren Reich fast fünfmal so groß ist wie Deutschland, aber nur etwa auf die Einwohnerzahl von Frankfurt kommt. Eine Frau, die glaubt, der Irak-Krieg sei gottgewollt, die Sexualaufklärung in der Schule verteufelt und ihre Macht missbraucht, um Familienfehden auszutragen. Siegreich natürlich. Sollte McCain gewinnen, dann wird Sarah Palin so etwas wie eine fleischgewordene Cruise Missile, die jederzeit außer Kontrolle geraten kann. Unsere USA-Korrespondenten Katja Gloger und Giuseppe Di Grazia recherchierten in Washington und Alaska. Dort hörten sie von Palins Freunden und Familienmitgliedern fast immer: "Da müssen wir zuerst die Leute von McCain fragen." Dessen Wahlkampfteam ist besorgt um das Bild der neuen Hoffnungsträgerin der Republikaner. Bisher wird sie weitestgehend von den Medien abgeschirmt. Die Angst, dass die unerfahrene Frau von der "letzten Grenze", wie Amerikaner Alaska nennen, die Sunniten mit den Schiiten verwechselt oder den Namen des iranischen Präsidenten mit dem des irakischen, ist groß (Seite 168).

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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