Editorial Wahrsager und Verschwörer


Liebe stern-Leser!
Fast jeder dritte Amerikaner hält die Mondlandung für eine Fälschung, von der Nasa irgendwo in der Wüste Nevadas inszeniert. Und John F. Kennedy sei natürlich nicht von Lee Harvey Oswald erschossen worden, sondern einem Komplott von CIA, Mafia, Kubanern oder Russen zum Opfer gefallen

Liebe stern-Leser!
Fast jeder dritte Amerikaner hält die Mondlandung für eine Fälschung, von der Nasa irgendwo in der Wüste Nevadas inszeniert. Und John F. Kennedy sei natürlich nicht von Lee Harvey Oswald erschossen worden, sondern einem Komplott von CIA, Mafia, Kubanern oder Russen zum Opfer gefallen.
Jeder vierte Brite glaubt, dass Lady Di nicht tragisch verunglückte, sondern vom Geheimdienst ermordet worden sei, um die geplante Heirat mit ihrem arabischen Freund Dodi al-Fayed zu verhindern. Aids ist für viele eine Erfindung des weißen Mannes, um die Schwarzen zu dezimieren. Und die Terroranschläge vom 11. September 2001 hätten die Amerikaner selbst verübt, um einen Vorwand zu haben, islamische Länder wie Afghanistan und den Irak anzugreifen.
Solche wirren Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur, vor allem im Internet. Während dort Heerscharen von selbst ernannten Aufklärern ihre "Beweise" für die verschiedenen Komplotte austauschen, hat einer schon vor Urzeiten gewusst, was alles auf uns zukommt: Michel de Nostredame, genannt Nostradamus, am 14. Dezember 1503 in der Provence geboren. In Hunderten von Versen hat er alle späteren großen Kriege und Katastrophen angeblich vorhergesagt.
stern-Reporter Frank Ochmann, ehemaliger Priester und promovierter Physiker, ist dem Phänomen Nostradamus zum 500. Geburtstag des Unheil-Propheten nachgegangen. Ihn interessierte nicht nur die Person, sondern auch deren Zeit: ein Jahrhundert des Umbruchs, in dem die Gewissheiten des Mittelalters ins Schwanken gerieten und sich langsam Wissenschaft und aufgeklärtes Denken Bahn brachen. Das Jahrhundert von Luther, Michelangelo, den Fuggern.
Ein Blick auf Nostradamus ist auch ein Blick auf uns und unsere Zeit. Denn: Warum brauchen so viele einen Propheten wie ihn? Gestern wie heute scheint den Menschen nichts unerträglicher als die Ungewissheit. Lieber sehenden Auges in die Katastrophe als blind ins Unbestimmte.
Gleich zwei Redakteure des stern-Ressorts Wissenschaft und Medizin wurden jetzt für ihre Arbeiten ausgezeichnet: In der vergangenen Woche erhielt Dr. Anika Geisler in Bonn den MedizinPublizistik-Preis der Deutschen Hochdruckliga. Die Ärztin hatte im Oktober in einem großen stern-Report über die Risiken der Hypertonie berichtet - eine herausragende Leistung, befanden die Juroren.
Der promovierte Physiker Horst Güntheroth nimmt am heutigen Donnerstag in Berlin den Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe entgegen - für seine Reportagen über den Klimawandel, aber nicht nur für diese. "Viele seiner Beiträge sind Klassiker des Umweltjournalismus", lobt die Jury. "Güntheroth präsentiert vorbildliche Leistungen für den Natur- und Umweltschutz. Er ist damit Schrittmacher für viele positive Veränderungen."
Wir gratulieren den Kollegen und freuen uns auch für den stern.
Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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