HOME

Editorial: Zwischen Friedensmission und schmutzigem Krieg

Liebe stern-Leser!

Die vermehrten Anschläge auf deutsche Soldaten in Afghanistan und deren tödliche Schüsse auf unschuldige Zivilisten zeigen deutlich: Die Bundeswehr, die eigentlich nur beim Wiederaufbau des Landes helfen soll, wird immer stärker in einen Krieg verwickelt, den sie nicht führen darf, nicht führen will und auch nicht führen kann. Es ist höchste Zeit, darüber offen und ehrlich zu diskutieren.

"Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt", sagte 2002 der damalige Verteidigungsminister Peter Struck zur Begründung, warum sich Deutschland an der Isaf-Schutztruppe beteiligt und im Norden des Landes seither für Sicherheit und Ordnung sorgt. Die Erfolge können sich durchaus sehen lassen: Nirgendwo ist die Infrastruktur besser, die Sicherheit größer und der wirtschaftliche Aufschwung spürbarer als in der Region Kundus. Das Problem ist nur: Während die Bundeswehr dort in einer Art Friedensmission unterwegs ist, führen die Amerikaner und ihre Verbündeten im Süden des Landes weiter Krieg gegen Taliban und Al-Qaida-Terroristen. Sie tun dies ohne Rücksicht auf Verluste, weshalb die Wut der afghanischen Bevölkerung auf die "ausländischen Besatzer" wächst (siehe Bericht auf Seite 36).

Hurrikan "Gustav" hat den Parteitag der Republikaner kräftig durcheinandergewirbelt, aber die Nominierung von John McCain ist ohnehin nur eine Formsache. Für Überraschung sorgte jedoch seine Entscheidung, die junge und unerfahrene Sarah Palin aus Alaska zu seiner Vizepräsidentin machen zu wollen. Acht Wochen sind es jetzt noch bis zur Wahl, und es wird noch einmal richtig spannend. Noch vor Kurzem hatten die meisten gedacht, der 72 Jahre alte McCain würde weit zurückliegen; zu belastend erschien das Erbe der Bush-Regierung, zu verheißungsvoll die Aussicht auf den Wechsel zum jungen Obama. Doch McCain hat es in den vergangenen Wochen verstanden, vor allem viele der unentschlossenen, verunsicherten und älteren weißen Wähler aus den Vorstädten für sich zu gewinnen.

Giuseppe Di Grazia, einer unserer US-Korrespondenten in New York, beschreibt McCain in dieser Ausgabe als "alten Krieger" (Seite 28). Er hat ihn in den vergangenen Monaten beobachtet und mit Weggefährten des langjährigen Senators aus Arizona gesprochen, er durfte auch als einer der wenigen ausländischen Reporter McCain in dessen Wahlkampf- Flugzeug begleiten. Di Grazia sagt: "McCain hat keine wirklich überzeugenden politischen Ideen, aber er verkauft sich den Menschen als ein Mann, der stets zuerst an sein Land denkt. Als Beweis dient ihm seine Geschichte als Kriegsgefangener in Vietnam, die der wieder und wieder erzählt." Offenbar mit Erfolg: Eine CNN-Umfrage vom vergangenen Sonntag sieht John McCain bei 48 Prozent - und damit nur noch ein Prozent hinter Barack Obama.

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

print