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berlin: Weihnachten mit den Heinzelmännchen

Aus dem Alltag eines studentischen Weihnachtsmannes...

Aus dem Alltag eines studentischen Weihnachtsmannes...

»Alle Jahre wieder und zum ersten Mal vereint« lautet das Motto, unter dem der traditionelle Nikolausumzug aller studentischen Weihnachtsmänner und Engel in diesem Dezember stattfindet. Längst ist es Tradition geworden, fast alle Berliner kennen die alljährlichen Fotos.

Zum ersten Mal haben sich die »Heinzelmännchen«, die Jobanbieter von der Freien Universität (FU), und die TUSMA, die Konkurrenz von der Technischen Universität (TU), für das Weihnachtsgeschäft zusammengeschlossen ( www.berliner-weihnachtsmann.de).

Das Ergebnis sind mehrere Hundert Weihnachtsmänner mit roten Mänteln und weißen Bärten, die publicity-trächtig durch Berlin-Neukölln marschieren. Moderne Weihnachtsmänner müssen Werbung betreiben. Es werden immer Kunden gesucht, die einen Weihnachtsmann für den 24. Dezember buchen wollen. Begleitet werden die Knecht Ruprechts durch eine ungleich kleinere Schar an weißen Engeln. Über einen halben Kilometer erstreckt sich das rot-weiße weihnachtliche Durcheinander, kommt immer wieder zum Stehen, wenn gesungen werden soll. Vor dem Rathaus wird, nachdem der Stromausfall behoben ist, ein Jingle Bells in der Reggae-Version angestimmt. Vorher gab es ein afrikanisches Trommelfeuer und ein australisches Didgeridoo. Die Passanten bleiben stehen und sind amüsiert über das Großaufgebot. Die Kinder freuen sich. Die Weihnachtsmannband fährt mit einem tanzenden Engel voran, der statt den obligatorischen Goldlöckchen dunkelbraune Haare hat und offensichtlich türkischer Nationalität ist. Überhaupt ist die Truppe recht international. Viele dieser Studenten fahren zu Weihnachten nicht nach Hause, manche feiern es einfach nicht. In ihrer Kultur gibt es andere Feiertage.

Fraidoon Nazemi kommt aus Afghanistan und hat an der FU Medizin studiert. Nun promoviert er in Berlin und ist dieses Jahr zum zweiten Mal studentischer Weihnachtsmann. Für die Kinder tut er es und weil Weihnachten ihm etwas bedeutet. Außerdem sei es die schönste Zeit in Deutschland. Dieses Jahr wird er wie im letzten am 24. Dezember zwischen 14 und 20 Uhr Bescherungen im Halbstundentakt vornehmen. »Man weiß nie, was einen erwartet«, sagt er. Manchmal hätten sich die Familien gerade gestritten, bei anderen würden die Kinder vor Schreck in Tränen ausbrechen. In dieser Situation ist die Flexibilität des studentischen Weihnachtsmannes gefragt, der nun in friedlicher Stimmung die Geschenke überreichen soll.

Bis zu drei Kinder beschert ein studentischer Weihnachtsmann für 52 Mark. Bestellt man Weihnachtsmann und Engel verdoppelt sich auch der Preis. Ebenso erhöht sich die Rechnung, wenn der Berliner Weihnachtsmann ins Umland reisen soll. Für die beiden Arbeitsvermittlungen der Hochschulen ist das Weihnachtsmanngeschäft relativ einträglich. Insgesamt schafft es rund 17 Teilzeitstellen für Studenten, die sich um die Koordination der weihnachtlichen Besuche kümmern. Jeder der Studenten kann die rund 500 Mark gut gebrauchen, die ihm das Spektakel einbringt. Aber entscheidend ist eigentlich bei allen der Spaßfaktor.

In Berlin ist die studentische Weihnachtsmanntradition lang. Sie beginnt im Jahr 1949 und bei manchen Weihnachtsmännern meint man, sie wären schon fast so lange dabei. Vielleicht ist es ihnen nie langweilig geworden, vielleicht hätten sie den Heiligabend sonst allein verbracht. Da ist es wohl allemal besser, sich dem Abenteuer des Weihnachtsmann-Seins auszusetzen und auf alle Fragen gefasst zu sein. Vor allem die, seine Existenz begründen zu können. (kl)

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