HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Frust statt Spaß: Fast alle Männer waren im Bett eine Katastrophe

Eigentlich sollte Sex beiden Partnern Spaß machen. Doch bei Ursula sah das leider ganz anders aus: Fast jeder ihrer Partner versagte im Bett - auch der aktuelle. Doch was kann frau dagegen tun?

Liebe Frau Peirano,

Ich (Frau, 43) bin seit zwei Jahren in einer Beziehung. Mein Problem ist (wieder einmal) der Sex. Ich bin bisher oft an Männer geraten, mit denen es sexuell frustrierend für mich war. Ich habe mal nachgerechnet und eine persönliche Statistik aufgestellt: Ich hatte ca. 20 Intimpartner, davon waren 10 katastrophal, 7 am Anfang in Ordnung und nur mit dreien hat es wirklich Spaß gemacht.

Zu den Katastrophen: Ein Ex- Freund hat mich zum Beispiel regelmäßig morgens aufgeweckt, weil ER eine Erektion hatte, und hat mich einfach "genommen". Ich bin aber morgens überhaupt nicht in Stimmung, und wenn ich gerade tief schlafe, noch viel weniger. Ein wenig Stimulation brauche ich schon, um feucht zu werden. Als ich ihm gesagt habe, dass ich das nicht will, war er beleidigt.

Ein anderer Partner ist immer zu früh gekommen. Wenn ich gerade Lust bekommen habe, war es schon vorbei, und er drehte sich dann auf die Seite und schlief ein, während ich unbefriedigt neben ihm lag.

Ich war mit Männern zusammen, die nach einem langen Arbeitstag auf Knopfdruck Sex wollten oder mich von hinten nehmen wollten, während ich die Waschmaschine ausgeräumt habe. Ich habe das als unpassend und erniedrigend empfunden. Ein Partner wollte mich nur von hinten nehmen - und manchmal musste ich meine Haare bedecken. Ich hatte das Gefühl, dass er eigentlich eine andere Frau im Kopf hatte und mich deshalb nicht sehen wollte.

Es gab auch Männer, die sich Mühe gegeben haben, mich zu befriedigen, oral und mit der Hand. Aber nicht wenige waren doch relativ fantasielos und für sie war der Sex vorbei, wenn SIE einen Orgasmus hatten. Ob ich einen hatte, spielte keine Rolle. Mein Eindruck ist, dass viele Männer sehr auf ihre eigene Befriedigung fixiert sind.

Bis vor kurzem habe ich das einfach so hingenommen, aber in letzter Zeit denke ich öfter, dass ich das nicht in Ordnung finde. Ich verliere die Lust am Sex, wenn ich leer ausgehe und keinen Orgasmus habe, wenn sich der Sex nicht darum dreht, dass BEIDE Spaß haben und befriedigt werden.

Ich habe mit Freundinnen darüber gesprochen und jede hatte eine lange Geschichte zu erzählen - es war viel Frust und Hinhalten dabei. Auch bei den Teenager-Töchtern meiner Freundinnen geht es oft nur um den Jungen…

Mein jetziger Partner und ich verstehen uns im Alltag super, aber im Bett ist es etwas langweilig. Mein Partner ist nicht für Abwechslung und Experimente offen, und so bleibt es bei dem üblichen vorhersagbaren Sex am Samstag. Ich hatte gehofft, dass so etwas mittlerweile aus der Mode wäre…

Ich weiß, dass ich etwas verändern möchte, aber dazu gehören ja zwei. Wie finde ich einen Partner, mit dem es Spaß macht? Man merkt es Männern ja nicht unbedingt vorher an. Selbst Männer, die gut küssen, waren dann beim Sex enttäuschend.

Viele Grüße,

Ursula B.


Liebe Ursula B.,

Es klingt wirklich frustrierend, was Sie von Ihren bisherigen Erlebnissen mit der Sexualität berichten! Es ist bestimmt eine gute Entwicklung, dass Sie jetzt aufmerksamer für das Thema sind und großes Interesse (und auch Leidensdruck) verspüren, etwas zu verändern.

Ich möchte Sex gerne mit Tanzen vergleichen. Was braucht es zu einem guten Tanz?

Zwei gute Tänzer, und eine gute Harmonie zwischen beiden. Beim Sex ist es ähnlich: Jeder kann erst einmal mit sich selbst anfangen.

Wie ist es denn bei Ihnen, wenn Sie sich selbst befriedigen? Beschäftigen Sie sich liebevoll und intensiv mit Ihrem eigenen Körper? Wissen Sie, was Ihnen Lust bereitet - und was nicht?

Nehmen Sie sich öfter Zeit, um sich selbst zu befriedigen - und kommen Sie dabei zum Höhepunkt? Oder haben Sie das Gefühl, dass Sie selbst nicht so recht wissen, was Sie machen müssen, hastig oder grob mit sich selbst sind? Ich frage das nur, weil viele Frauen sich nicht trauen, ihre eigene Sexualität im wahrsten Sinne des Wortes in die Hand zu nehmen, sich besser kennen zu lernen und für ihre eigene Befriedigung zu sorgen. Für viele Frauen ist Sex etwas, das sie dem Partner zuliebe machen, ohne eigene Vorstellungen dazu zu haben.

Wenn Sie Interesse haben, sich weitere Anregungen zu holen, kann ich Ihnen folgende Bücher empfehlen:

"Make more love, ein Aufklärungsbuch für Erwachsene" von Ann-Marlene Henning und "Komm, wie du willst. Das neue Frauen-Sex-Buch" von Emily Nagoski.

Viele Frauen lesen auch erotische Romane oder sehen speziell für Frauen gedrehte Pornos, die die Lust aus weiblicher Sicht zeigen.

Wenn Sie selbst herausgefunden haben, was Sie mögen, ist es viel leichter, einem Partner genau zu zeigen oder zu sagen, wie Sie berührt werden möchten, welche Phantasien Sie haben, welchen Rahmen Sie lustvoll finden (Kerzen, Musik, welche Kleidung, welche Orte Sie mögen).

Sie fragen, wie Sie in Zukunft einen Partner finden, der bereit ist, sexuell auf Sie einzugehen und sich auch darum zu kümmern, dass Sie Ihren Höhepunkt erreichen. Sprechen oder schreiben Sie mit Männern bevor Sie miteinander schlafen, über Sexualität - darüber, was die Partner mögen? Wie wichtig ihnen Sexualität ist und was genau sie daran wichtig finden? Ob sie Vorlieben oder einen so etwas wie einen  persönlichen Stil haben?

Wichtig ist auch, welche Haltung der Mann gegenüber Frauen hat - geht er auch in anderen Bereichen auf sie ein, respektiert er ein Nein, zeigt er sich phantasievoll - oder ist er eher bequem und lässt sich verwöhnen? Oder dominant und übergriffig?

Lassen Sie sich doch Zeit beim Kennenlernen und beobachten Sie das genau. Ich empfehle Ihnen, dass Sie schon beim Kennenlernen freundlich und offen darüber sprechen sollten, dass Ihnen eine lebendige, für beide Seiten lustvolle Sexualität sehr wichtig ist. Der Partner wird schnell durchblicken lassen, ob das bei ihm auch der Fall ist. Und wenn jemand nicht frei über Sexualität sprechen kann, ist das ein deutliches Zeichen, dass es für Sie nicht passt.

Sie  könnten auch während des Kennenlernens mal Telefonsex ausprobieren. Dabei gewinnen Sie schon einen guten Eindruck darüber, welche Phantasien der Partner hat, wie viel Zeit er sich nimmt, was er mag und wie er beim Sex redet, wie er auf Sie eingeht.

Mir ist allerdings aufgefallen, dass Ihre Ansprüche und Ihre Frustration sehr deutlich werden.

Wenn Sie Ihrer Frustration und Ihre Anforderungen so deutlich zeigen wie in Ihrem Schreiben an mich, wird das dem Mann vermutlich eher die Lust nehmen und ihn unter Druck setzen. Oder wie würde es Ihnen gehen, wenn ein Mann seinen ganzen Frust mit seinen bisherigen Sexualpartnerinnen vor Ihnen ausbreitet?

Ich denke, dass Sie viel weiter damit kommen werden, wenn Sie einen Mann geduldig und spielerisch an die Hand nehmen und ihm sagen, was Sie sich wünschen. Bitten, Wünsche und Anregungen zum gemeinsamen Ausprobieren bewirken viel mehr als Ärger und Frust. Viele Männer finden genau das sehr erregend: Sie suchen eine Partnerin, die Lust auf Sex hat und genau sagt, was ihr Lust bereitet. 

Ich wünsche Ihnen alles Gute!


Herzliche Grüße,

Julia Peirano


Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity