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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Hilfe - mein Mann ist ein Muttersöhnchen"

Liebe, Berge, Freiheit - das erhoffte sich Maike von ihrem Umzug nach Südtirol. Und bekam es auch. Doch sie hatte nicht mit ihrer italienischen Schwiegermutter gerechnet. Denn die hatte andere Pläne.

Mit der italienischen Schwiegermutter läuft alles etwas anders (Symbolbild)

Mit der italienischen Schwiegermutter läuft alles etwas anders (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich (46) befinde mich ein einer ziemlichen Krise. Vor sechs Jahren bin ich wegen der Liebe nach Südtirol gezogen. Ich hatte mich schon vorher in die Berge in Südtirol verliebt und wollte mein Leben ändern. Damals war ich im Büro, das wurde aufgelöst, und ich bin dann kurzerhand aus Hessen nach Südtirol zu meinem italienischen Freund Michele (52) gezogen.

Er wohnt in einer Kleinstadt in einem Tal in Südtirol. Der Plan war: Viel gemeinsam wandern, ich würde mir eine Existenz aufbauen, indem ich die Ferienwohnungen seiner Familie vermiete und Bergtouren anbiete, außerdem eine kleine Pension bei uns im Haus.

Am Anfang lief auch alles wunderbar. Wir gingen mindestens einmal im Monat für ein Wochenende in die Berge, übernachteten auf Hütten, ich war körperlich so fit wie noch nie.

Ich lernte italienisch, wir schafften uns einen wunderschönen Husky-Mix und eine Katze an. Wir waren glücklich, und auch der Sex war gut, wenn Michele auch nicht der zärtlichste Mann ist.

Dann, vor ungefähr vier Jahren, war plötzlich der Wurm drin. Micheles Mutter, die im gleichen Haus wohnt, mischte sich sehr in unser Leben ein. Sie kam ungefähr dreimal täglich hoch zu uns und brachte uns Dinge, die wir erledigen sollten, gab uns "Tipps" zu unserem Garten und erzählte endlose Klatsch- und Tratschgeschichten aus dem Dorf. Ich habe Michele gesagt, dass ich das nicht möchte, aber er brachte es nicht über sich, mit ihr zu reden. Überhaupt ist das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter völlig gestört. Seine Mutter hat ihn als jüngsten Sohn dazu ausgewählt, den kleinen Gemüseladen zu übernehmen, obwohl er eigentlich eher der sportliche Typ ist und gerne Sportlehrer geworden wäre. Seine Eltern waren wohl sehr streng und haben nie ein Nein geduldet, es ist halt Italien. Und jetzt ist es so, dass ich als Schwiegertochter die Aufgabe habe, mich um seine Mutter zu kümmern und sie auch später mal zu pflegen… Das finden zumindest die Mutter und Michele. Für mich kommt das nicht in Frage.

Das ist mir auch klar geworden, dass die Kultur halt eine völlig andere ist und die Mütter die Familie regieren mit ihren Manipulationen und Machtspielchen.

Michele ist darüber recht depressiv und lustlos geworden. Wenn Freunde in seinen Laden kommen, geben sie ihm oft Tipps, wie er ihn schöner gestalten könnte, z.B. noch einen Mittagstisch oder Brötchen anbieten, den Laden dekorieren. Er macht genau nichts. Der Laden sieht aus wie 1950, aber nicht im positiven Sinn. Michele gibt sich auch in unserer Beziehung immer weniger Mühe und unterstützt mich nicht. Er bringt das alte Gemüse aus dem Laden nach Hause - das passt ins Bild. An den Wochenenden wandern wir kaum noch, und wenn, hängt er mich ab und ist dann gereizt, weil ich langsamer geworden bin.

Er versteht nicht, warum ich von seiner Mutter genervt bin und erwartet, dass ich ihr mehr entgegenkomme… sie ist halt eine alte Frau und man kann sie nicht ändern.

Mich macht das sehr wütend. Ich bin immerhin nach Italien gezogen und greife ihm unter die Arme, und er unterstützt mich nicht, sondern lebt sein vorgezeichnetes Leben. Und ich sitze mehr am Schreibtisch und beziehe Betten für die Gäste und kutschiere sie rum, aber in die Berge komme ich nicht. Das Geld ist auch sehr knapp.

Ich habe ihm gesagt, wie unzufrieden ich bin, aber er ändert nichts, sondern hört irgendwie mehr auf seine Mutter als auf mich.

Ich überlege jetzt, nach Frankfurt zurück zu gehen, oder nur noch phasenweise in Italien zu sein.

Wie sehen Sie die Situation?

Viele Grüße,

Maike G.


Liebe Maike G.,

Man hört immer wieder von Menschen, die in ein anderes Land auswandern, dass sie sich letztendlich von ihrem neuen Leben mehr erhofft haben. Es ist oft nicht einfach, sich wirklich zu integrieren und mit einer anderen Kultur klar zu kommen. Für Menschen aus einer Großstadt hat das Leben in der Natur anfänglich einen großen Reiz, aber nach einiger Zeit wird genau die Ruhe, die man gesucht hat, als langweilig und öde empfunden.


Ich habe den Eindruck, dass diese Desillusionierung auch bei Ihnen eingetreten ist und das dies nicht nur mit Ihrem Partner zu tun hat, sondern auch mit der dörflichen Kultur Italiens, in die Sie jetzt einen tiefen Einblick bekommen haben.

Die familiären Strukturen in Italien (auf dem Land) und in einer deutschen Großstadt sind nicht zu vergleichen, und sie sind bisweilen auch inkompatibel.

In Italien spielt die Familie eine größere Rolle und die Eltern bestimmen das Leben der Kinder viel mehr, als Sie es gewohnt sind. Michele hat folgende Glaubenssätze gelernt:

  • Man muss seine Eltern respektieren.
  • Alte Menschen ändern sich nicht. Man muss sich nach ihnen richten und ist für sie verantwortlich.
  • Traditionen muss man fortführen.
  • Die Großfamilie geht vor - dann erst kommt die Partnerschaft.
  • Frauen müssen sich um die Schwiegereltern kümmern.

Sie hingegen haben folgende Glaubenssätze aus Ihrer eigenen Geschichte gelernt:

  • Jeder hat sein Leben selbst in der Hand.
  • Wenn einem etwas nicht gefällt, kann man es verändern.
  • Erst kommt die Partnerschaft, dann die Eltern.
  • Gegen Eltern kann und darf man sich abgrenzen. Sie sind selbst für sich verantwortlich.

Diese Glaubenssätze sind tief verinnerlicht und schwer zu verändern. Und in der Regel führen unvereinbare Glaubenssätze in einer Partnerschaft zu Spannungen, Unzufriedenheit und Streit. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass Michele sich am Anfang Ihrer Beziehung erhofft hat, dass Sie ihm ein Ausstiegsszenario aus der Falle bieten, in der er sich befindet. Er sah in Ihnen eine nordische, anpackende Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt und das tut, was ihr wichtig ist (in die Berge ziehen, wandern, eine Sprache lernen, ein kleines Unternehmen gründen) - Ihr Mut und Ihre Stärke haben ihm vermutlich imponiert und ihn mitgerissen, um mehr zu unternehmen (in die Berge gehen) und sich z.B. einen Hund und eine Katze anzuschaffen.

Dann hat Michele jedoch gemerkt, dass Sie an den Mauern seines Gefängnisses rütteln - und dass das seiner Mutter überhaupt nicht gefällt. Das hat ihn in einen inneren Konflikt gebracht und vor allem hat es bei ihm starke Ängste ausgelöst.

Michele ist im Grunde seines Herzens nie richtig erwachsen geworden. Er hat nie ein selbst gewähltes, autonomes Leben geführt. Seine Eltern haben ihn streng erzogen und ihn bevormundet, und er führt jetzt genau das Leben, das sie für ihn vorgesehen haben: Er lebt im Haus der Mutter und führt den Gemüseladen weiter.

Möglicherweise wurde er streng bestraft, denn er hat auch heute eine kindliche Angst, seiner Mutter (mittlerweile eine ca. 80jährige Witwe) Grenzen aufzuzeigen und zum Beispiel für Sie als Partnerin einzustehen.

Dieser Konflikt und seine Ängste nehmen ihm viel Energie, und seine Situation deprimiert ihn. Kurzfristig konnten sie Michele etwas in Schwung bringen, aber der Schwung ist längst verflogen.

Es ist zu befürchten, dass mit dem Tod der Mutter die Situation noch weiter eskalieren wird, denn dann ist Michele zwar äußerlich frei, wird aber große Trauer darüber empfinden, was er aus seinem Leben NICHT gemacht hat.

Sie können nicht viel bewirken, da dieser Konflikt so alt ist und Micheles Angst vor Veränderungen extrem hoch. Das einzige, was Sie machen können, ist es, ihm einen Spiegel vorzuhalten. Sie können ihm deutlich, aber wertschätzend sagen, wie Sie mit Ihren Glaubenssätzen die Situation sehen und was Ihrer Meinung nach passieren müsste, damit Ihre Beziehung überhaupt Energie bekommt. Er müsste sich von seiner Mutter abgrenzen und sich fragen, was er als 52-jähriger Mann mit seinem Leben machen möchte.

Fragen Sie Michele, ob er bereit ist, sich von seiner Mutter gefühlsmäßig unabhängig zu machen, um wirklich mit Ihnen gemeinsam eine Zukunft aufzubauen, in der Sie beide an erster Stelle kommen.

Mein Eindruck ist jedoch, dass Michele es nicht schaffen wird, diesen Schritt zu gehen. Seine Gewohnheiten, seine Schuldgefühle und seine Angst vor Veränderung sind zu groß und er ist zu frustriert. Das zeigt schon das Beispiel mit dem alten Gemüse, dass er nach Hause bringt.

Und er ist weiterhin in seinem veralteten Gemüseladen und bringt nicht einmal die Energie auf, um diesen Laden etwas zu renovieren und ggf. Panini und Espresso zu verkaufen. Er sieht vor seinem inneren Auge, dass er diesen Laden noch bis zur Rente an der Backe hat - obwohl er kein Interesse daran hat. Daran sehen Sie, wie blockiert er von seiner gefangenen Lebenssituation (innerlich: die Ängste, äußerlich: der Gemüseladen) ist.

Ich finde es deshalb eine sinnvoll, wenn Sie ihm sagen, wie unzufrieden Sie sind und dann einen Zeitraum (z.B. drei Monate) vereinbaren, in denen Sie beide versuchen, Ihr Leben wieder angenehm zu gestalten.

Überlegen Sie sich doch überprüfbare konkrete Ziele wie z.B.

  1. eine gemeinsame Wochenend-Bergtour pro Monat
  2.  Sie wählen gemeinsam das beste Gemüse für den eigenen Bedarf aus (auch um ein Zeichen zu setzen)
  3. er spricht mit seiner Mutter über Grenzen, z.B. muss sie anrufen und fragen, ob es passt, wenn sie etwas möchte


Wenn diese Ziele nicht ernsthaft verfolgt werden, wäre das eine Bestätigung von Micheles Blockaden. Für Sie würde es bedeuten, dass Sie mit ihm nicht zufrieden werden. Sie könnten dann nur überlegen, wie und wo Sie leben möchten. Und Sie haben ja schon einmal den Mut bewiesen, Ihr Leben zu verändern.


Alles Gute für Sie!

Julia Peirano



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