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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich bekomme ein Kind mit einer Affäre - während sich meine Freundin vergeblich eines wünscht

Wenn ein Partner fremdgeht, wird das für die Beziehung zur Zerreißprobe. Für Klaus kommt es noch schlimmer: Seine Affäre ist schwanger - während es mit seiner Freundin trotz vieler Versuche nicht klappt. Doch wie soll er Kind und Beziehung zusammen bringen?

Nicht jeder Schwangerschaftstest sorgt für positive Gefühle (Symbolbild)

Nicht jeder Schwangerschaftstest sorgt für positive Gefühle (Symbolbild)

Getty Images

Guten Tag Frau Dr. Peirano,

ich (Arzt, 41) habe mich und meine Partnerin in eine sehr komplizierte Situation gebracht. Meine Partnerin Janine (38) und ich versuchen seit drei Jahren vergeblich, ein Kind zu bekommen. Es wurde zunehmend zu einer Tortur: Sex nach Terminplan, schließlich Hormonbehandlungen mit dem emotionalen Auf und Ab, Insemination und In-Vitro-Fertilisation. Hoffnung, Tränen beim Einsetzen der Monatsblutung, drei Fehlgeburten. Janine konnte es kaum ertragen, ihre Freundinnen zu treffen, die ein erstes, zweites oder drittes Kind bekommen haben. Ich geriet zunehmend in die Rolle des Trösters, da sie ja naturgemäß die größten Opfer bringen musste. Zwischendurch war Janine depressiv.

Janine und ich hatten eine sehr belastete Zeit. Ich sah mich zunehmend als Erzeuger, nicht mehr als Partner und Geliebter. Manchmal habe ich an eine Trennung gedacht. In dieser Zeit ist mir ein gravierender Fehler geschehen. Ich hatte eine Affäre mit einer Kollegin (Alina) in meinem Krankenhaus, die mir schon länger nachgestellt hatte. Eines Abends gab ich nach. Es dauerte vier Wochen, aus meiner Sicht war es nicht mehr außer Sex. Dann beendete ich die Sache.

Ich ging zu Janine zurück, erzählte ihr zwar nichts von der Affäre, um sie nicht zu verunsichern, aber bemühte mich mehr. Es gab zwei Kurzurlaube, spontanen Sex, und wir redeten mehr miteinander. Sie hatte eine längere Schwangerschaft - bis dann doch das Kind im 4. Monat abging. Dennoch hatte sich die Stimmung zwischen uns verbessert.

Und dann kam ein Anruf von Alina: Sie sei im 6. Monat schwanger. An einen Abbruch sei nicht zu denken. Sie wolle das Kind, und sie wolle, dass ich mich als Vater einbringe, außerhalb der finanziellen Verpflichtung. Ich war vollkommen schockiert und erst einmal handlungsunfähig, was mir eigentlich nie passiert. Ich ließ zwei Monate verstreichen und habe Janine bis heute nichts erzählt.

Janine ist sehr empfindlich, und im Moment noch zerbrechlicher aufgrund der Kinderwunsch-Strapazen. Sie wird am Boden zerstört sein, wenn sie erfährt, dass ich ungewollt Vater werde. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich von mir trennt und mir niemals verzeiht. Ich kann mir das eigentlich auch nicht verzeihen, dass ich einen solchen Fehler gemacht habe und als Arzt nicht richtig verhütet habe. Ich habe mich darauf verlassen, dass Alina die Pille nimmt, aber sie hat es anscheinend auf ein Kind abgesehen.

Alina bedrängt mich, dass ich mich zu dem Kind bekenne und meine Verantwortung als Vater übernehme. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mich dazu positionieren soll. Alina ist keine Frau, mit der ich es mir ausgesucht hätte, Kinder zu haben. Sie ist manipulativ und impulsiv. Es wird sehr viele Dramen mit ihr geben. Auf der anderen Seite kann ich mir auch nicht vorstellen, das Kind im Stich zu lassen, mit dieser Mutter. Und Janine und ich haben eine Eigentumswohnung im gleichen Stadtteil wie Alina. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die beiden treffen.

Ich komme aus dem Grübeln nicht heraus. Im letzten Monat habe ich mich eine Woche ohne Janines Wissen krankschreiben lassen. 

Wie ich es auch drehe und wende, sieht alles nach einer Katastrophe aus. 

Ich würde Sie bitten, mir eine professionelle Einschätzung zu geben, da ich im Moment nicht in der Lage bin, klar zu denken.

Viele Grüße, Klaus P.

Guten Tag Klaus P.,

Ich kann Ihnen zustimmen: Ihre Situation gehört zu den verworrensten und kompliziertesten, die man sich überhaupt vorstellen kann. Eine vergangene Affäre könnten Sie Janine noch verschweigen und so tun, als wäre es nie gewesen. Ein Kind, das daraus hervorgegangen ist, können Sie auf keinen Fall verschweigen, und ich befürchte, dass es mit jedem Tag, den Sie warten, schwieriger wird, es zu erzählen.

Deshalb würde ich Ihnen raten, die Flucht nach vorne anzutreten. Wenn Sie sich wirklich so große Sorgen um Janines psychischen Zustand machen, wäre es vielleicht eine sinnvolle Maßnahme, eine Paartherapeutin oder einen Paartherapeuten aufzusuchen und dort die Bombe platzen zu lassen. Es wäre ideal, wenn es eine Therapeutin wäre, die Janine sich ausgewählt hat und die sie möglicherweise bereits kennt, vielleicht aus der Zeit der Depression? Oder eine Empfehlung von Freunden? Seien Sie achtsam bei der Auswahl, denn die Therapeutin wird eine wichtige Rolle spielen.

Ein Termin bei einer Therapeutin hätte den Vorteil, dass Janine schon auf Probleme vorbereitet ist, wenn Sie ankündigen, dass Sie gemeinsam zur Therapie gehen wollen, um ihr etwas zu erzählen. Außerdem kann es gut sein, dass sie sich nicht von Ihnen trösten lassen kann oder will, wenn Sie erfährt, was passiert ist. In dem Fall wäre es wichtig, dass Janine in professionellen Händen ist und die Therapeutin sofort bei ihr sein kann, um den Schock zu verarbeiten. Buchen Sie in diesem psychologischen Notfall am besten gleich eine Doppelsitzung und eine weitere Sitzung ein paar Tage hinterher.

Es wäre gut, wenn die Therapeutin von Ihnen auf das Thema vorbereitet wird und die Kapazität hat, eine Krisenintervention mit Janine und gegebenenfalls mit Ihnen gemeinsam zu machen. Das heißt, dass sie nicht gerade kurz vor ihrem Urlaub stehen sollte oder zu ausgebucht ist. Da Sie eine Paartherapie sowieso privat bezahlen müssen (die Krankenkasse bezahlt keine Paartherapie), haben Sie bessere Chancen, zeitnah jemanden zu finden, als wenn Sie eine Therapeuten mit Kassenzulassung suchen.

Wenn Sie Janine erzählen, was passiert ist, ist es wichtig, dass Sie sich aufrichtig entschuldigen. Es hört sich für mich so an, als wenn Ihnen das Ausmaß Ihres Verhaltens bewusst ist und als wenn Sie Janines Leid würdigen. Es ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses, dass derjenige, der einem etwas angetan hat, sich entschuldigt und bereit ist, etwas für die Wiedergutmachung zu tun.

Und es sollte auf jeden Fall Janine sein, die entscheidet, wie eine Wiedergutmachung aussieht und wann sie den Vertrauensbruch verzeihen und hinter sich lassen kann. Affären mit unehelichen Kindern sind sehr schmerzhaft für alle Beteiligten, aber es ist auch keine Seltenheit, dass so etwas geschieht. Ich kenne eine Familie, in der der Mann seine Frau mit ihrer besten Freundin betrogen hat. Die Frau hat mit ihrer Freundin gebrochen, aber sich um das Kind aus dieser Beziehung gekümmert wie um ihren Neffen. Er ging bei der Familie ein und aus, spielte mit dem leiblichen Sohn des Paares und wurde zu allen Familienfesten eingeladen. Diese Geschichte ist bestimmt ein Sonderfall, aber sie verdeutlicht, dass es Lösungen gibt, aus Mustern der Verletzung und des Kontaktabbruches heraus zu kommen.

Wichtig ist, dass Sie sich auch in das ungeborene Kind hinein versetzen und sich verdeutlichen, dass dieses Kind nichts für die Umstände kann, unter denen es geboren wurde. Es hat einen Vater verdient, der sich kümmert. Auch wenn Sie mit der Mutter des Kindes Schwierigkeiten haben, bleiben Sie der Vater. Es wäre auf jeden Fall wichtig, dass Sie mit der Therapeutin klären, welche Rolle Sie als Vater einnehmen wollen - und welche Rolle Janine vielleicht auch dabei haben will. Im Idealfall kann Sie sich mit Ihnen um das Kind kümmern, wenn es bei Ihnen ist, so dass es eher Gemeinsamkeit schafft als die Trennung (Sie schleichen sich heimlich zum Kind, während Janine alleine zurück bleibt und leidet).

Es wird schwierig sein. Um das vorherzusagen, braucht es nicht viel Phantasie. Aber möglicherweise gibt es in dieser Situation auch Chancen. Sie könnten ans Licht bringen, was in den letzten Jahren zwischen Ihnen beiden durch die Fixierung auf ein Kind schief gelaufen ist. Ein unerfüllter Kinderwunsch und eine Kinderwunschbehandlung sind große seelische Strapazen für viele Paare, insbesondere für die Frauen.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft, Mut und Ehrlichkeit.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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