VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich bin 35, aber weiß überhaupt nicht, was ich fühle und will

Eine Entscheidung fällen - dazu weiß Mirko gar nicht ausreichend, was er eigentlich will (Symbolbild)
Eine Entscheidung fällen - dazu weiß Mirko gar nicht ausreichend, was er eigentlich will (Symbolbild)
© jeffbergen / Getty Images
Obwohl er längst erwachsen ist, weiß Mirko oft nicht, was er will. Und trifft entsprechend ungern Entscheidungen. Wie soll er sein Problem angehen?

Liebe Frau Peirano,

ich (35, Tischler) habe das Problem, dass ich ganz oft nicht weiß, was ich will. Selbst kleine Entscheidungen kann ich nicht treffen wie z.B. was für eine Jacke ich mir kaufe oder wo ich essen gehen will, was ich mir zum Geburtstag wünsche oder am Wochenende mache.

Meine Partnerin Nina ist ganz anders, und sie ist oft genervt davon, dass ich keine Meinung habe.

Ganz oft nimmt sie mir dann Sachen aus der Hand und erledigt sie selbst, oder sie plant unser Wochenende oder unseren Urlaub. Sie will das aber eigentlich nicht und sagt, dass sie es nur macht, weil ich nichts sage.

Ich weiß oft nicht, was ich will oder was ich fühle. Ich bin ziemlich oft bedrückt.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mit meiner Mutter aufgewachsen bin (ohne Vater und ohne Geschwister) und dass es immer nur um sie ging. Sie hat entschieden, wie unser Leben ist, und wenn ich etwas nicht wollte, war sie beleidigt oder hat mir Vorwürfe gemacht. Es gab immer Stress und Dramen bei uns zu Hause, und ich habe immer versucht, meiner Mutter zu helfen. Kann das daher kommen? Was denken Sie darüber?

Ich komme mir irgendwie auch blöd vor, denn ich bin 35 und meine Freunde haben sogar schon Kinder, und ich habe so viel mit mir zu tun.

Was raten Sie mir?

Viele Grüße

Mirko T.

Lieber Mirko T.,

ich kann mir gut vorstellen, dass es bei Ihnen selbst, aber auch in Ihrer Partnerschaft Schwierigkeiten gibt, wenn Sie Ihre Bedürfnisse nicht kennen und kommunizieren.

Es klingt für mich aufgrund Ihrer Lebensgeschichte sehr plausibel, dass Sie in Ihrer Kindheit nicht gelernt haben, auf Ihre Gefühle und Bedürfnisse zu achten.

Ihre Mutter scheint sich und ihre eigenen Interessen immer in den Mittelpunkt gesetzt zu haben. Und Sie als Sohn mussten sich ihren Bedürfnissen und Stimmungen unterordnen, denn ansonsten würden Sie mit schlechter Laune bestraft.

Sie haben also gelernt, sich klein und unsichtbar zu machen und gleichzeitig Ihre Fühler immer nach außen auszustrecken - und dabei zu vernachlässigen, was in Ihnen vorgeht.

Offensichtlich ist es Ihnen erst jetzt bewusst geworden, dass Sie dieses Muster erlernt haben. Damit ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, etwas zu verändern und Ihre Fühler auch nach innen zu halten.

Ich kann Ihnen dazu ein Buch empfehlen: "Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen und wie wir das ändern können" von Carlotta Welding.

Affiliate Link
Dr. Carlotta Welding: Fühlen lernen
Jetzt shoppen
17,00 €

Eigentlich ist es die Aufgabe der Eltern, die Gefühle der Kinder zu spiegeln und empathisch darauf einzugehen. Zum Beispiel dem Kind Mut zu machen und ihm zu helfen, wenn es Angst hat (anstatt ihm zu sagen, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben.)

Oder mit ihm zu lachen und Scherze zu machen, wenn es vergnügt ist (und ihm nicht sagen, es solle nicht so albern sein).

Oder es zu trösten, wenn es traurig ist (und ihm nicht von eigenen, viel schlimmeren Erlebnissen erzählen).

Die Spiegelung durch unsere Eltern führt dazu, dass wir unsere Gefühle erkennen, akzeptieren und lernen, mit ihnen umzugehen. Zum Beispiel: Anscheinend bin ich gerade wütend auf meinen Freund. Das ist vollkommen ok. Ich werde erst mal laufen gehen, weil mir das bei Wut gut tut und dann entscheiden, ob ich mit ihm rede und wenn ja, was ich ihm sage.

Wenn diese Spiegelung nicht geschieht, schämen wir uns für unsere Gefühle, erkennen sie nicht oder haben Schwierigkeiten, damit angemessen umzugehen.

Anscheinend haben Sie hier Nachholbedarf. Deshalb ist es wichtig, dass Sie aufrichtiges Interesse an Ihren eigenen Gefühlen zeigen und sich immer wieder fragen: wie fühle ich mich gerade?

Schreiben Sie es am Besten in ein Gefühlstagebuch, und beenden Sie jede Gefühlsäußerung mit der Frage: Was brauche ich gerade jetzt in diesem Moment?

Der zweite Punkt, in dem Sie Nachholbedarf haben, ist Verantwortung und Führung. Verantwortung übernehmen heißt, Antworten zu geben. Wenn Ihre Freundin Sie fragt, ob Sie beide ein neues Sofa kaufen wollen, müssten Sie in sich gehen und ihr dann eine Antwort geben. Die könnte heißen: Ja, ich kümmere mich mit dir darum. Oder auch: "In diesem Jahr ist mir ein Sofa nicht wichtig. Lass uns im Sommer darüber sprechen, wenn ich meinen Bonus bekommen habe".

Üben Sie es doch einmal, bestimmte Unternehmungen mit Ihrer Freundin selbst zu planen und zu führen. Zum Beispiel ein kleiner Ausflug (Öffnungszeiten herausfinden, Anfahrt planen, Route, Essen und Trinken) und übernehmen Sie für diese Unternehmung die Führung.

Oder fragen Sie sich, was Sie an Ihrer Wohnung ändern möchten und wie.

Oder wie Sie sich die Weihnachtszeit vorstellen, was Sie daran gerne mögen (dann organisieren Sie es) und was Sie nicht mögen (und die Verantwortung übernehmen, ob Sie "Nein" dazu sagen oder es über sich ergehen lassen).

Erklären Sie Ihrer Freundin noch einmal, dass Sie sich jetzt darum kümmern möchten und schon anfangen, Ihre Gefühle zu erkunden und zu führen - aber dass es etwas Zeit braucht.

Machen Sie es so gut, wie Sie es gerade jetzt können, und verschieben Sie es nicht auf später.

Es ist ganz wichtig, am Ball zu bleiben. Wenn ich ein Kind zu Besuch habe, wird es auch testen, wie sehr ich auf es höre. Und wenn ich zwar frage, was es essen möchte (Pfannkuchen), aber dann einfach Rosenkohl koche, oder überhöre, dass das Kind auf den Abenteuerspielplatz wollte und statt dessen mit ihm den Schuppen aufräume, dann verstummt es wahrscheinlich schnell und erzählt mir seine Wünsche nicht mehr. Um das zu verhindern, sollten Sie sich ganz oft fragen, was Sie fühlen und möchten, und dann darauf eingehen. Und je besser das läuft, desto mehr erzählt Ihnen Ihr "Inneres Kind" von seinen Wünschen.

Ich wünsche Ihnen viel Kreativität und Geduld dabei, sich selbst zu entdecken. Davon werden Ihr Selbstwertgefühl und Ihre Stimmung garantiert besser! Wahrscheinlich wäre es gut, sich dabei therapeutische Unterstützung zu holen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

Dieser Artikel enthält sogenannten Affiliate-Links. Mehr Informationen dazu gibt es hier.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker