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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich bin 41 und Single - wie bekomme ich jetzt noch ein Kind?

Ein unerfüllter Kinderwunsch ist für viele Menschen belastend 
Ein unerfüllter Kinderwunsch ist für viele Menschen belastend 
© Motortion / Getty Images
Kur vor ihrem 42. Geburtstag fühlt Sibylle ihre biologische Uhr ticken. Doch hat sie alleine überhaupt noch Chancen, ihren Kinderwunsch auszuleben? 

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich befinde mich in einer sehr drängenden Situation, da ich im September meinen 42. Geburtstag feiern werde. Das macht mir noch stärker bewusst, dass meine biologische Uhr tickt oder wie eine Sanduhr fast schon abgelaufen ist. Ich wollte immer ein Kind, früher sogar zwei oder drei, und nun wird es immer später und ich habe noch kein Kind.

Meine letzte Beziehung ging in die Brüche, als ich 38 war, auch weil er keine Kinder bekommen konnte und nicht wirklich welche wollte. Seitdem haben die Männer immer recht schnell die Flucht ergriffen, wenn sie gehört haben, dass ich noch ein Kind will. Ich musste mir dann so Sachen anhören wie "echt, jetzt noch? Ich dachte, das wäre längst vorbei" oder "ich kann mir das jetzt nicht so auf Knopfdruck vorstellen, sofort ein Kind zu bekommen. Wir kennen uns doch kaum".

Ich sehe überall Kinderwagen, Mütter mit ihren Kleinkindern, bei meinen Freundinnen ist es für mich fast unerträglich, die neuen Babies zu bewundern. Natürlich gönne ich es ihnen, aber sie bekommen das zweite oder dritte, und ich bin kinderlos.

Was haben Sie für Tipps für mich, wie ich doch noch einen Mann finde, der Kinder will?

Viele Grüße,

Sibylle T.

Liebe Sibylle T.,

Ich merke Ihnen an, wie sehr Sie unter Druck stehen, und ich kann es auch gut nachfühlen. Sie waren sich immer im Klaren darüber, dass Sie sich Kinder wünschen. Und der Wunsch nach Kindern oder dem Gründen einer Familie verändert fast das ganze Leben, von übergeordneten Dingen wie der Frage nach dem Sinn des Lebens über die Wochenendgestaltung und Urlaubsplanung.

Da Sie einen so großen und beständigen Kinderwunsch haben, wäre es für Sie bestimmt schmerzhaft, keine Kinder zu bekommen. Viele Frauen trauern über Jahre und Jahrzehnte den Kindern nach, die Sie nie bekommen haben. Jetzt sind Sie 41 Jahre alt und haben noch Chancen. Ich möchte Sie ermutigen, diese Chancen genau zu überdenken, und es sind sicher bessere, als Sie glauben. 

Allerdings kann ich mir vorstellen, dass es schwer werden könnte, in gefühlt letzter Minute mit so großem Fokus auf ein Kind noch einen Partner zu finden, der dabei mitmacht. Die meisten Menschen möchten sich ja erst einmal kennen lernen, zusammen reisen, sich aufeinander konzentrieren und ihre Liebesbeziehung festigen, bevor sie an ein Kind denken.

Haben Sie schon einmal ganz in Ruhe und mit etwas innerem Abstand an Alternativen gedacht?  Ich zähle einfach mal einige auf, ohne sie zu bewerten: 

  • Alleine ein Kind zu bekommen (z.B. mit einer Samenspende oder durch eine flüchtige Bekanntschaft) und es dann in einer kinderfreundlichen Umgebung großzuziehen (WG mit alleinerziehender Mutter, zusammen mit eigenen Eltern…)
  • Ein Kind außerhalb einer festen Partnerschaft zu bekommen und es mit zuverlässigen Menschen großzuziehen (Co-Parenting z.B. mit einem homosexuellen Mann. Dafür gibt es Informationsseiten und sogar Partnersuchen im Internet, z.B. familyship.org)
  • Auf eigene Kinder zu verzichten und sich einen alleinerziehenden Mann zu suchen oder sich bewusst an der Erziehung von Nichten, Neffen, Kindern der Freunde zu beteiligen
  • Privat oder beruflich viel mit Kindern zu tun zu haben (Musikunterricht, Nachhilfe, Babysitting, …)

Ich kann mir vorstellen, dass es Sie sehr entspannen würde, wenn Sie Alternativen anschauen und sich davon lösen, unbedingt einen passenden Liebes- und Lebenspartner zu finden und schnellstmöglich mit ihm ein Kind zu bekommen. Sie könnten sich vielleicht damit anfreunden, die Geschichte vieler Paare (zusammenkommen, ein Kind bekommen, sich trennen und letztlich das Kind alleine großzuziehen) anders herum aufzuziehen: Erst ein Kind ohne Beziehung bekommen, es mit  festen und verlässlichen Bezugspartnern großzuziehen und sich dann einen Partner zu suchen, der Sie und Ihr Kind mag.

Es ist in Ihrer Situation bestimmt hilfreich, absolute Prioritäten zu setzen und sich klarzumachen, was auf keinen Fall auf der Strecke bleiben darf. Da Sie jetzt wahrscheinlich noch ein Kind bekommen könnten, empfehle ich Ihnen, die Prioritäten daran anzupassen. Natürlich ist es auch wichtig die Situation des Kindes zu bedenken und sich zu informieren, wie Kinder sich fühlen, dessen leiblicher Vater ein Samenspender in einer Samenbank war oder wie sie sich fühlen, wenn sie von Anfang in einem Co-Parenting- System aufwachsen.

Bestimmt hilft Ihnen Literatur zu diesen Themen weiter sowie Verbände, die sich damit beschäftigen als auch Gespräche mit Erzieherinnen oder Therapeutinnen und vor allem Erfahrungsberichte von den betroffenen Kindern. 

Und es hilft Ihnen bestimmt auch, sich vor Augen zu halten, was für Hilfe und Menschen Sie brauchen, um ein Kind großzuziehen und was ein Kind braucht. Viele Kinder profitieren nicht davon, wenn Sie in einer Kleinfamilie mit leiblicher Mutter und leiblichem Vater aufwachsen, wenn die Eltern sich nicht verstehen und sich nach einigen Jahren mit viel Streit trennen. Unter Umständen kann es für ein Kind besser sein, wenn die Positionen und Rollen von vorne herein klar sind, wenn sie von liebevollen Menschen umgeben sind. Kinder aufzuziehen ist Teamwork. 

Ich hoffe, dass Sie für sich einen guten Weg herausarbeiten können und wünsche Ihnen alles Gute!

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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