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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich habe meinem Freund viel gegeben. Doch als ich ihn brauchte, trennte er sich sofort

Die Trennung kam für Nadine überraschend (Symbolbild)
Die Trennung kam für Nadine überraschend (Symbolbild)
© martin-dm / Getty Images
In ihrer gemeinsamen Beziehung brauchte Nadines Freund viel Freiheit und Rücksicht, die sie ihm gerne gab. Doch als sie ihn brauchte, machte er sich aus dem Staub. Soll sie um ihn kämpfen?

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

vor zwei Wochen hat sich mein Freund urplötzlich von mir getrennt - ich habe nicht eine Sekunde damit gerechnet. Wir waren über zwei Jahre zusammen und der Anfang war schwierig.

Er hatte Probleme, sich auf eine Beziehung einzulassen, aus Angst, seine Freiheit zu verlieren und Erwartungen nicht erfüllen zu können. Doch ich habe ihm den nötigen Freiraum gegeben, wir sind es langsam angegangen, haben unglaublich viel darüber geredet und waren zusammen unglaublich glücklich. Als er mich nach etwa einem halben Jahr seinen Eltern vorgestellt hat, war ich mir sicher, dass er sich auch sicher ist.

Wir haben viele schöne Momente miteinander verbracht und ich habe alles gegeben, um ihn glücklich zu machen.

Wir brauchen beide regelmäßig Zeit für uns und das hat auch gut funktioniert. Wir haben Sachen getrennt unternommen und uns so auch immer auf die gemeinsame Zeit gefreut. Regelmäßig habe ich ihm dennoch immer wieder Redeangebote gegeben, um herauszufinden, wie es ihm geht.

Dann kam Corona und ich hatte aufgrund von vorherigen Operationen eine schlimme Schmerzphase. Deshalb habe ich eine Therapie angefangen, um die Ängste und Schmerzen zu bewältigen.

Meine Angst war immer, dass mein Freund nicht belastbar genug ist, um damit klarzukommen. Deshalb habe ich die Schmerzen so gut es geht von ihm ferngehalten. Doch ich war verzweifelt und habe ihm geschrieben, dass ich nicht möchte, dass er aus Pflichtgefühl mit mir zusammen bleibt.

Am nächsten Tag saß er heulend in meiner Wohnung und hat mit mir Schluss gemacht. Er hat das Gefühl, dass die Liebe nicht mehr so da ist wie am Anfang, hat es aber vorher nicht gemerkt - das glaube ich ihm sogar. Es ist eine seiner Baustellen, die er mit in die Beziehung gebracht hat: Er reflektiert seine Gefühle nicht, bekommt Panik, wenn man Erwartungen an ihn stellt, ist nicht stressresistent und geht Sachen nicht an, die ihn stören.

Durch seine Handlungsunfähigkeit hat er uns auf eine Katastrophe zulaufen lassen und uns jegliche Chance genommen, innerhalb unserer Beziehung an diesen Problemen gemeinsam zu arbeiten.

Doch obwohl er mich unglaublich verletzt hat und wir verschieden sind, weiß ich, wie sehr ich ihn liebe, was ich an ihm habe und bin bereit zu kämpfen. Doch er sagt, er weiß gerade nicht, ob er mich nicht mehr liebt oder ob er "nur" den Zugang zu seinen Gefühlen und Emotionen verloren hat. Er fühlt sich jetzt nicht bereit, eine Beziehung zu führen.

Er spielt mit dem Gedanken, eine Therapie zu beginnen, sagt aber richtigerweise auch, dass er das selbst umsetzen muss.

Außerdem ist Abstand für ihn die einzige Möglichkeit, um Klarheit in seine Gedanken zu bekommen - sodass wir vielleicht doch irgendwann einen Neuanfang machen können.

Ich bin verzweifelt. Ich respektiere seinen Wunsch nach keinem Kontakt - wenn wir uns sehen würden, wäre es der einzige Hoffnungsschimmer.  Doch was kann ich noch tun, um die Chance zu erhöhen, dass wir vielleicht irgendwann doch noch einmal zusammen finden?

Viele Grüße

Nadine S.

Liebe Nadine S.,

es hört sich so an, als wenn Sie in dieser Beziehung ganz schön viel investiert und für die Harmonie gekämpft haben.

Schon den Anfang beschreiben Sie als schwierig, aber aufgrund Ihrer Kompromissbereitschaft und Ihres Fingerspitzengefühls haben Sie es geschafft, die Beziehung zu festigen und Vertrauen bei Ihrem Freund zu schaffen. Sie ließen ihm Freiräume - was ja grundsätzlich auch sehr gesund ist - und Sie waren zum Reden da, wenn er Sie brauchte.

So lief es denn auch eine Zeit sehr gut, bis sich der Spieß umdrehte und Sie etwas von Ihrem Freund brauchten, weil Sie durch Ihre Schmerzen eingeschränkt und bedürftig wurden. Ich finde es bezeichnend, dass Sie in dieser Zeit schon Angst bekommen haben, dass Ihr Freund sich zu belastet fühlen könnte, und so wie es sich liest, haben Sie sich eine Therapeutin oder einen Therapeuten gesucht, um möglichst Ihrem Freund nicht zur Last zu fallen.

Wie ging es Ihnen denn in der Zeit? Wenn ich mich in Ihre Lage versetze, würde ich mich etwas einsam und im Stich gelassen fühlen, wenn mein Freund kalte Füße bekommt, weil ich Schmerzen habe. Ich wäre wahrscheinlich auch traurig, weil ich mir wünschen würde, dass er sich freiwillig um mich kümmert und mir hilft - schließlich könnte ich ja nichts für meine Schmerzen. Und ich wäre ja auch etwas ärgerlich, weil ich  immer für ihn da gewesen wäre und mich um seine Bedürfnisse gekümmert hätte, während er das umgekehrt nicht tut. Finden Sie sich in diesen Gefühlen wieder oder haben Sie das Gefühl, so dürften Sie nicht denken und fühlen?

Sie haben in der Beziehung anscheinend nach einem Glaubenssatz gehandelt, der heißen könnte: "Ich darf niemandem zur Last fallen. Ich muss mehr geben als nehmen. Ich bin es nicht wert, dass man für mich kämpft".

Haben Sie den Eindruck, dass diese Glaubenssätze Ihr Verhalten leiten? Wenn ja, in welchen Bereichen Ihres Lebens spielen sie noch eine Rolle?

Wenn Sie diese Glaubenssätze bei sich wieder erkennen, wäre es an der Zeit, daran zu arbeiten, diese Glaubenssätze zu erkennen und zu verändern, denn sie sind die Wurzel für ein schlechtes Selbstwertgefühl.

Und ein schlechtes Selbstwertgefühl sorgt dafür, dass Sie in Ihrer Beziehung ein Minusgeschäft gemacht haben, und Ihr Freund hat wahrscheinlich bemerkt, dass Sie sich nicht für sich selbst einsetzen und sich wenig schätzen. Und letztlich hat er Sie dann auch entsprechend behandelt und sich getrennt, als Sie in Not waren. Leider wird man meistens nicht gut behandelt, wenn man sich selbst nicht gut behandelt.

Hier wäre ein wichtiger Ansatz für Ihre Therapie: An Ihrem Selbstwertgefühl zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass Sie sich mehr schätzen und Ihre Bedürfnisse ernster nehmen. Wer sich selbst von ganzem Herzen liebt, wird von anderen auch mehr geachtet.

Ich kann Ihnen zwei Bücher zu dem Thema ans Herz legen:

"Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme" von Stefanie Stahl

Sowie

"Von der Freude, den Selbstwert zu stärken" von Potreck-Rose.

Hier setzt auch mein Rat für die schmerzhaften Wochen nach der Trennung und den Umgang mit Ihrem Freund an: Lehnen Sie sich zurück. Machen Sie sich klar, dass Ihr Freund eine Menge verliert, wenn er Sie nicht mehr in seinem Leben hat. Wenn Sie ihn in Ruhe lassen und sich nicht von alleine bei ihm melden, wird er vielleicht von alleine zu der Erkenntnis kommen. Wenn nicht, hat er Sie wirklich nicht verdient.

Tun Sie alles, was Ihnen gut tut, um Ihren Selbstwert zu stärken. Umgeben Sie sich mit Menschen, die Sie schätzen. Hören Sie sich selbst zu (z.B. Tagebuch schreiben, Selbstgespräche führen). Tun Sie Dinge, die Ihnen Freude machen. Lassen Sie Ihrer Wut, Ihrer Trauer und Ihrer Enttäuschung freien Lauf. Dazu ist ja auch die Therapie da.

Und unternehmen Sie Dinge, die Ihnen gut tun, achten Sie dabei insbesondere auf Bewegung an der frischen Luft, Schlaf und gutes Essen.

Das alles wird wahrscheinlich schmerzen und anstrengend sein, aber es macht Sie bestimmt stärker und selbstbewusster.

Sagen Sie sich immer wieder, dass Sie und das, was Sie zu geben haben, sehr wertvoll sind und dass Sie einen Partner verdient haben, der das auch erkennt.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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