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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich habe mit Alkohol meine Familie zerstört – und bin nun neidisch auf das Glück meiner Ex

Eine tolle Frau, zwei kleine Kinder und einen guten Job - dieses Leben hat sich Georg mit dem Alkohol verspielt. Dass seine Ex Caroline es weiter lebt, zermürbt ihn. Doch hat er wirklich die richtige Perspektive?

Der Alkohol kostete Georg sein Glück (Symbolbild)

Der Alkohol kostete Georg sein Glück (Symbolbild)

Getty Images

Hallo Frau Peirano,

zu meiner Geschichte: Ich bin 45. Als ich neun war, haben meine Eltern sich getrennt, sie haben sich immer heftig gestritten. Meine Mutter hat mich mehr oder weniger alleine großgezogen und sehr an mir geklammert. Sie war sehr einsam und depressiv. 

Mit 23 bin ich ausgezogen und habe hungrig das Leben in mir aufgesogen. Ich bin durch die Welt gereist, Motorrad gefahren, habe ein paar Affären gehabt. Dann lernte ich mit 25 Caroline kennen, eine tolle Frau. Sie wusste, was sie wollte, war stark und cool. Sie wollte Kinder, und ich ließ mich darauf ein. Kurz darauf kam Lotte zur Welt, und meine Freiheiten schrumpften auf ein unerträgliches Maß. Wickeln und Stillen nach Plan, nachts kein Schlaf, und Caroline wollte ein Haus und ein zweites Kind. Es kamen das Haus und das zweite Kind (Leo), dazu ungeplante Renovierungen, die uns auf Jahrzehnte verschuldeten.

Ich war dem nicht gewachsen und fing an zu trinken. Ich war immer häufiger unterwegs und hatte eine Affäre mit einer anderen Frau. Als Caroline davon erfuhr, zog sie einen klaren Schlussstrich. Ihre Eltern zahlten mir das halbe Haus aus. Caroline blieb mit den Kindern im Haus und managte alles. Vier Jahre später heiratete sie. Jonas, ihr Mann, ist zehn Jahre älter als sie, erfolgreich, zielstrebig, und er trägt Caroline auf Händen und kümmert sich um Leo und Lotte.

Lotte ist jetzt 18, Leo 15. Von mir wollen die beiden nicht viel wissen, sie kommen auch an den Wochenenden nicht mehr zu mir. Klar, ich habe eine kleine Wohnung und Caroline ein Haus mit Garten, Grillplatz und Hund.

Wenn ich die Kinder bei Caroline besuche, sticht mich ein ungutes Gefühl. Sie steht mitten im Leben und alles gelingt ihr. Sie hat eine intakte, lebendige Familie, einen guten Job, einen Mann, der sie anbetet, Vertrautheit mit den Kindern. Wenn ich komme, ist dort das Leben. Freunde der Kinder, Grillen, Ballspielen im Garten, Lachen, blöde Sprüche. Und ich? Habe alles verloren. Die Beziehung mit meiner Affäre ging schnell in die Brüche, keine Frau danach blieb länger als ein Jahr. Keine neuen Kinder, durch den Alkohol verlor ich meinen Job. Ich habe seit zwei Jahren einen neuen Anstellung, muss aber mit dem Alkohol extrem aufpassen.

Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich damals nichts angefangen hätte zu trinken. Ich hatte alles in der Hand und habe alles verspielt. Caroline weiß nichts von meinen Gedanken. Ich spiele keine wichtige Rolle in ihrem Leben. Sie hat alles, was sie wollte, und ich bin wie ein ungebetener Hausgast, den keiner braucht.

Das fühlt sich furchtbar an. Was raten Sie mir?

Viele Grüße, Georg Z.

Lieber Georg Z.,

Ich muss ehrlich sagen, dass mich einiges an der Art, wie Sie Ihre Geschichte beschreiben, erstaunt und befremdet hat. Sie erzählen Ihre Geschichte, als wären Sie das einzige Opfer: Das Opfer Ihrer Eltern, die sich nicht verstanden haben, Ihrer depressiven und einsamen Mutter, von Caroline, die ihr Leben unerschrocken geplant hat, von den Kindern, die nichts mehr von Ihnen wissen wollen.

Haben Sie einmal versucht, die Geschichte auch anders herum zu schreiben, und zwar so, dass Sie ein agierender Täter sind? Sie haben sich für Caroline entschieden, haben mit ihr zwei Kinder bekommen und ein Haus gekauft. Sie haben die Flucht ergriffen, als die Verantwortung für die Kinder und die Renovierung Ihnen über den Kopf stieg und begonnen, zu trinken. Und letztlich haben Sie Ihre Partnerin auch betrogen.

Wissen Sie, wie Caroline sich gefühlt hat, als sie sich alleine um die zwei Kinder kümmern musste und irgendwie finanziell auch die Schulden durch Haus und Renovierung abtragen musste? Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich sehr überfordert und alleine gelassen gefühlt hat. Und trotzdem hat sie gekämpft, um das zu erreichen, was sie wollte: Eine Familie, einen guten Kontakt mit den Kindern, ein gemütliches Zuhause, eine gesicherte finanzielle Basis. Es ist eine große Leistung, dass sie das erreicht hat, und ich kann mir vorstellen, dass sie oft damit gehadert hat, dass Sie Ihren Teil der Verantwortung nicht übernommen haben.

Ich sage das so deutlich, weil ich glaube, dass es Ihnen nicht weiter hilft, mit der Situation klar zu kommen, wenn sie diese Geschichte als Opfer-Geschichte erzählen. Sie haben selbst Entscheidungen getroffen, wenn auch unbewusst, aber ohne dass jemand Sie dazu gezwungen hat. Sie hätten auch eine Paartherapie beginnen können, als Ihnen die Situation mit Kleinkindern und Hausrenovierung über den Kopf stieg. Sie hätten sich Lösungen ausdenken können, in Absprache mit Caroline und möglicherweise helfenden Händen.

Sie hätten sich mit Ihrem Alkoholproblem auseinander setzen können. Es gibt Suchttherapeuten, Suchtkliniken, Selbsthilfegruppen. Anscheinend haben Sie das bis heute nicht angepackt. Ich kann Ihnen nur empfehlen, sich hier Hilfe zu holen!

Wie wäre es, wenn Sie diese Geschichte noch einmal aufschreiben und dabei Ihren Eigenanteil betonen? Möglicherweise werden Sie dann auch traurig oder wütend auf sich selbst - das ist der erste Teil der Auseinandersetzung mit Ihrer Vergangenheit. Sie können sich dann noch einmal in die Zeit zurückversetzen und sich fragen, warum Sie damals nicht anders handeln konnten - und Verständnis für sich selbst aufbringen.

Möglicherweise kann Ihnen auch ein Therapeut oder eine Therapeutin dabei helfen. Wenn Sie nicht die volle Verantwortung für Ihr Handeln in der Vergangenheit übernehmen, wird es auch schwierig, die Zukunft zu beeinflussen. Und da könnten Sie sich einiges überlegen, um Ihre Situation so zu verändern, dass auch Sie zufriedener werden: Ihre Wohnung verschönern oder wechseln, mehr arbeiten und mehr verdienen, den Kontakt zu Ihren Kindern verbessern (!), vielleicht eine späte Aussprache mit Caroline führen, eine Partnerin suchen, die bleibt…

Ihre Vergleiche mit Caroline und deren Glück helfen Ihnen nicht weiter, und ich betrachte sie auch als unfair. Schließlich hat Caroline nichts zu Ihrem Unglück beigetragen, sondern  nur dafür gekämpft, das Leben zu führen, dass sie selbst sich wünscht. Und da Sie dieses Leben nicht mit ihr leben wollten, hat sie es dann für sich oder mit einem neuen Partner angegangen.

Ich hoffe, dass Sie mit sich ins Reine kommen können und sich wieder als Täter bzw. Akteur und Entscheider in Ihrem Leben sehen können. Das sind Sie nämlich. 

Viele Grüße, Julia

Peirano

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