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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Mutter war immer grausam und manipulativ - nun dringt sie über mein Kind in mein Leben ein

Jahrelang hatte Marianne keinen Kontakt zu ihrer Mutter. Das schreckliche Verhalten während ihrer Kindheit und die Manipulationen während der Scheidung ihrer Eltern waren genug. Doch jetzt hat sie selbst einen Sohn - und ihre Mutter will den Enkel kennen lernen. Ist das eine gute Idee?

Wenn Marianne und ihre Mutter sich in den letzten Jahren sprachen, ging das immer unschön aus (Symbolbild)

Wenn Marianne und ihre Mutter sich in den letzten Jahren sprachen, ging das immer unschön aus (Symbolbild)

Getty Images

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

ich bin 35 Jahre alt und habe ein sehr schlechtes Verhältnis zu meiner Mutter. Seit ca. zehn Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen und bei den wenigen Telefonaten haben wir uns heftig gestritten. Grund für den Streit ist mein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Bei der Scheidung vor zehn Jahren hat meine Mutter von mir eingefordert, den Kontakt zu ihm und meinen Großeltern väterlicherseits abzubrechen, da er mir nicht gut tun würde (er ist ihrer Meinung nach ein krankhafter Narzisst). Das habe ich kategorisch abgelehnt. 

Daraufhin hat sie mir ausgerechnet an meinem 25. Geburtstag mitgeteilt, dass sie mit mir nichts mehr zu tun haben wolle. Ich wäre von meinem Vater manipuliert, gekauft und verdorben worden. Zudem wirft sie mir vor, psychisch krank zu sein und die Vergangenheit zu verdrehen.

In meiner Vergangenheit, war meine Mutter eigentlich nie für mich da. Als ich ein Kleinkind war, sperrte sie mich in einem Wandschrank ein, wenn sie von mir genervt war. Das passierte so oft, dass ich sogar einen Hospitalismus entwickelte. Auch in meiner Kindheit und Jugend fehlte sie. Obwohl wir im selben Haushalt gelebt haben, habe ich sie manchmal tagelang nicht gesehen, weil sie noch schlief, als ich in die Schule musste und ich schon schlief, wenn sie nach Hause kam.

Nachdem mein Vater meine Mutter verlassen hatte, war ich meiner Mutter eine Zeit lang sehr nah. Wir telefonierten täglich miteinander, was für meine Mutter absolut untypisch war (in den Jahren davor hatte sie mich von sich aus vielleicht dreimal angerufen). Anfänglich genoss ich das, aber nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, dass sie mich vereinnahmen wollte. Sie sagte Dinge wie "Ich will, dass du deinen Vater genauso hasst wie ich" oder "Ich bin deine Mutter, ich darf dich manipulieren" und war immer eifersüchtig und beleidigt, wenn ich ihr berichtete oder sie erfuhr, dass ich auch Zeit mit meinem Vater verbrachte. Es gab Phasen nach der Trennung in denen sie alles tat, um meinem Vater emotional und finanziell zu schaden. Was meine Vater fast ohne Gegenwehr mit sich machen ließ. So drohte sie in meinem Beisein, meinen Vater zu ermorden und sein Haus anzuzünden. Ihre Trennungsprobleme überforderten mich und ich bat sie, therapeutische Hilfe zu suchen, wofür sie mich mehrfach ohrfeigte.

Mir gegenüber war meine Mutter oft sehr grausam. So sagte sie mir, dass ich erbärmlich sei, als mich mein Verlobter verließ. Zudem stahl sie mir Geld von meinem Sparbuch ohne Schuldgefühle zu zeigen.

Nun bin ich selbst Mutter geworden und meine Mutter will ihren Enkel kennen lernen. Ich fühle mich mich nicht wohl, meinem Sohn seine Großmutter und meiner Mutter ihren Enkel  vorzuenthalten. Einerseits wünsche ich mir eine heile Welt und Versöhnung. Anderseits kann ich nicht so tun, als wäre alles in Ordnung, vor allem weil sie keine Verantwortung und Reue zeigt.  Zudem scheint sie ja auch an mir wieder kein echtes Interesse zu haben, sondern nur an meinem Sohn. Was ist, wenn sie mein Kind genauso behandelt wie mich (vernachlässigend und missbräuchlich) oder versucht, mein Kind gegen mich aufzuhetzen, wie sie es bei mir und meinem Vater versucht hat? Was kann ich tun? Was wäre fair?

Herzlichen Dank!

Marianne B.

Liebe Marianne B.,

Sie erzählen eine sehr traurige Geschichte von der Beziehung mit Ihrer Mutter. Es klingt so, als wenn Ihre Mutter sich und Ihre eigenen Gefühle und Interessen in den Mittelpunkt gestellt hat und von Ihnen verlangt hat, sich diesen unterzuordnen. Eigentlich sollten Kinder mit ihren Gefühlen und Interessen im Mittelpunkt stehen, und wenn das nicht der Fall ist, ist das schädlich für die seelische Entwicklung der Kinder. Ihre Mutter hat Sie vernachlässigt, misshandelt und manipuliert - das ist sehr schädlich.

Ich finde es nicht zulässig, von seinen Kindern zu verlangen, dass sie den Kontakt zum anderen Elternteil einschränken oder abbrechen, weil man selbst Probleme mit dem anderen Elternteil hat. Eigentlich sollte man sich an der Stelle selbst zurück stellen und herausfinden, was für das Kind (in diesem Fall waren Sie ja sogar schon erwachsen und durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden) gut ist. Es ist für Kinder, egal welchen Alters, verletzend, wenn man einen Elternteil beleidigt oder herabsetzt. Denn dieser Elternteil ist auch ein Teil von einem Selbst, er trägt die gleichen Gene und hat einen geprägt. Wenn man hört: "Dein Vater ist ein idiotischer Nichtsnutz" kratzt das auch fundamental am eigenen Selbstwertgefühl.

Ich kann aufgrund Ihrer Schilderungen von den Lügen, Manipulationen und Mittelpunktsverletzungen sehr gut verstehen, dass Sie die Beziehung zu ihr als anstrengend und vergiftet empfinden und immer wieder das Bedürfnis hatten, auf Distanz zu gehen. Sie scheinen selbst sehr viel nachgedacht zu haben. Ihre Gefühlswelt kann ich noch nicht richtig einordnen, da Sie sehr gefasst klingen. Aber es wäre bestimmt wichtig, diese schädlichen Beziehungsmuster in einer vertrauensvollen Beziehung zu einer Therapeutin oder einem Therapeuten noch einmal aufzudecken und zu verarbeiten. Da wäre dann auch der Raum, Ihren Gefühlen Raum zu geben, die Sie bisher immer unterdrücken mussten. Haben Sie bereits eine Therapie gemacht und die Beziehung zu ihr aufgearbeitet? Wenn nicht, würde ich das an dieser Stelle wärmstens empfehlen! Aus meiner Sicht wäre eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie passend.

Seit 10 Jahren haben Sie den Kontakt zu Ihrer Mutter auf ein Minimum reduziert. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie diesen Schutz brauchen. Jetzt kommt Ihre Mutter in Ihr Leben, weil Sie ein Kind bekommen haben, und fordert Kontakt zu ihrem Enkel. Ich kann mir vorstellen, dass diese Forderung Sie sehr aufwühlt und unter Druck setzt. Es ist sehr stark zu vermuten, dass es in dieser konfliktbehafteten Beziehung sehr schnell (beim nächsten Kontakt) zu Streit und Zerwürfnissen kommen wird. Denn es hat sich ja an Ihrer Beziehung nichts verändert oder befriedet. Und Ihre Mutter ist psychisch krank! 

Sie können es darauf ankommen lassen und Ihrer Mutter eine Chance geben, wenn Sie das starke Bedürfnis danach haben. Allerdings sehe ich es so, dass Sie Ihrer Mutter nichts schulden und das nur machen sollten, wenn Sie es selbst wirklich ausprobieren wollen.

Sie könnten Ihrer Mutter klare Bedingungen diktieren. Zum Beispiel: Wir treffen uns eine Stunde auf dem Spielplatz (ein neutraler Ort wäre am besten!). Sobald du ein böses Wort äußerst (Kritik, Vorwürfe, Manipulationen oder ähnliches) oder versuchst, die Spielregeln zu diktieren, gilt das Treffen als gescheitert und ich fahre nach Hause. Sie könnten vielleicht Ihren Partner oder eine Freundin mitnehmen, damit es Zeugen gibt und damit Ihre Mutter sich etwas beherrschen muss. 

Wenn Sie das starke Bedürfnis nach einem Versuch haben, könnten Sie es ja unter diesen Bedingungen einmal versuchen. Ob Ihre Mutter von den Spielregeln wissen soll oder nicht, können Sie sich ja noch gründlich überlegen. Aus meiner Sicht wäre wichtig, dass SIE vorbereitet sind, um sofort das Treffen abzubrechen, wenn Ihre Mutter unangenehm wird. Das ist leider die einzige Methode, die bei Menschen ohne Mitgefühl wirkt: Sofortiger Kontaktabbruch bei Fehlverhalten.

Vielleicht hilft es Ihnen, Ihrer Mutter eine Chance zu geben, einen zivilen und friedlichen Kontakt mit Ihnen und Ihrem Sohn aufzubauen. Halten Sie Ihre Hoffnungen flach, da es in der Vergangenheit ja auch nicht geklappt hat, und lassen Sie den Kontakt sorgfältig begrenzt (z.B. darf Ihrer Mutter Ihren Sohn niemals alleine sehen, nicht zu Ihnen in die Wohnung kommen oder Sie zu ihr etc). Dann ist auch die Möglichkeit sehr gering, dass Ihre Mutter Ihren Sohn manipuliert und gegen Sie aufhetzt. 

Ich hoffe, dass Sie mit diesem Vorschlag selbst noch einmal in sich gehen können und überlegen, was Sie wirklich wollen. 

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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