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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Partner kann sich nicht vom Leben mit seiner Ex-Frau lösen

Schon zwei Jahre ist Annette mit ihrem Freund zusammen. Doch obwohl der sich schon lange vorher von seiner Frau getrennt hatte, teilen die beiden immer noch das Haus, den Garten - und lange selbst die E-Mail-Adresse. Wie soll sie sich ihren Platz erobern?

Ein ständig präsenter Ex-Partner kann Beziehungen auf die Probe stellen (Symbolbild)

Ein ständig präsenter Ex-Partner kann Beziehungen auf die Probe stellen (Symbolbild)

Getty Images

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

seit etwa zwei Jahren bin ich, 54, nach zwei eigenen, langjährigen Ehen mit einem sehr netten und liebevollem Mann zusammen. Wir haben an vielen Stellen große Unterschiede, die wir aber auch als bereichernd erleben.

Zehn Jahre lang war er verheiratet, ist allerdings seit etwa acht Jahren geschieden. Bei der Scheidung beschloss man, "im Guten" auseinander zu gehen.

Im konkreten Leben heißt das, dass die beiden ihre Leben nicht wirklich getrennt haben. Zwar wohnen sie nicht mehr zusammen und haben inzwischen relativ wenig freundschaftlichen Verkehr miteinander, allerdings teilen sie unverdrossen weiter sozusagen ihren Hausstand. Sie besitzen gemeinsam ein Haus, an dem beide so hängen, dass sie es gemeinsam weiter besitzen und nutzen. Konkret bedeutet das, dass sie im Fünf-Jahres-Rhythmus abwechselnd in diesem Haus wohnen. Der Einfachheit halber wurde der Hausstand nicht getrennt, sodass der jeweils andere alles weiternutzt, was der Ex-Partner verlassen hat, Geschirr beispielsweise, Möbel etc. Aktuell lebt er in dem Haus.

Da einer der Partner jeweils dann ausgezogen ist, gibt es eine Mietwohnung, die gleichermaßen gemeinsam genutzt wird. Sie darf natürlich große Teile des Hauses benutzen, um dort Sachen zu lagern, ihren Hobbies, wie Garten oder Sauna nachzugehen. Seit ich seine Partnerin bin, konnte ich wenigstens erreichen, dass sie nicht im Urlaub dort wohnt.

Sie haben noch einen gemeinsamen Nachnamen. Bis vor kurzem benutzte sie seinen Email-Account, was wegen des gemeinsamen Nachnamens als praktisch empfunden wurde. Dies zu trennen hat er, ohne es zu verstehen, nach endlosem Zögern auf intensiven Druck von mir geändert. Ich empfinde das als extreme Belastung und verstehe nicht, was mein Partner damit bezweckt. Er begründet sein Verhalten damit, dass es ein so schönes Objekt wie das Haus nicht ein zweites Mal geben könne. Die Nutzung der Wohnung wird ähnlich begründet, eine derart gute Wohnung sei ein zweites Mal in der Stadt nicht zu bekommen.

Alle meine Versuche, das Haus für unsere neue Beziehung lebbar zu machen, in dem ich ihn bitte, die alten Sachen der Ex zu entfernen oder mit mir zusammen neue Gegenstände anzuschaffen, laufen ins Leere. Er reagiert mit völligem Unverständnis und einer massiven Verzögerungstaktik nach vordergründigem Zugeständnis.

Unterm Strich hat sich nach fast zwei Jahren nichts bewegt. Besuche in dem Haus setzen mir sehr zu. Ich bin regelmäßig erleichtert, wenn ich das Haus wieder verlassen kann.

Wenn er bei mir ist, in meinem ehemaligen Familienhaus, das allerdings nach Auszug meines Ex-Partners vollständig umgebaut wurde, fühle ich mich lebendiger in der Beziehung. Allerdings kommt mein Haus, da es nicht an seines heranreicht, genauso wenig wie jede andere Wohnmöglichkeit für ihn in Frage. 

Ich versuche natürlich immer, auch seine Position zu verstehen. Er findet sein Verhalten völlig okay, denkt vielleicht im Gegenteil sogar, dass er gegenüber anderen eine sehr reife Form der Trennung lebt. Vielleicht sehe ich ja nur die richtigen Argumente nicht. Ihren Überlegungen zu dieser Fragestellung sehe ich sehr gespannt entgegen.

Herzlichen Dank und freundliche Grüße

Annette J.

Liebe Annette J.,

Als ich Ihre Schilderung gelesen habe, war ich etwas verwirrt von der Situation Ihres Ex-Partners. In der Theorie ist es vielleicht sehr schön, wenn man nach der Trennung noch friedlich miteinander umgeht und seine Immobilien nicht verkaufen muss. Aber wie genau läuft dieses Modell denn in der Praxis? Kommt die Ex-Frau Ihres Partners immer mal ins Haus, um sich um den Garten zu kümmern und in die Sauna zu gehen? Und wenn ja: Sind Sie dann auch dort? Wie läuft denn der Kontakt zwischen Ihnen und der Ex-Frau? Haben Sie sich bereits richtig kennengelernt (nach zwei Jahren wäre es ja an der Zeit)?

Und mal Hand aufs Herz: Mögen Sie seine Ex-Frau oder ist Sie Ihnen nicht sympathisch?

Ich höre nämlich fast einhellig von Frauen, dass Sie richtig wütend, genervt und empört von den Spuren ihrer Vorgängerin im Leben des Mannes sind. Das Bild an der Wand, das sie gemalt oder gekauft hat: Muss weg. Ihre Kosmetik im Bad: Ab in den Müll. Ihr Foto an der Fotowand: Weg damit! Und die Ex-Freundin am liebsten auch gleich auf den Jupiter!

Diese Gefühle der Frauen sind so stark, dass ich mir vorstellen könnte, dass sie auch evolutionär bedingt sind. Menschenweibchen möchten ihre Vorgängerin und  damit mögliche Rivalin vertreiben, um sich ihren Platz zu sichern.

Ich möchte damit sagen: Ihre Gefühle sind völlig normal. Ich kenne keine einzige Frau, die das Parfüm der Ex-Freundin Ihres Liebsten benutzen würde, auch wenn es sich um ein sensationelles Parfüm handeln würde. So etwas geht nur in den Ausnahmesituationen, in denen beide Frauen sich sehr mögen und respektieren.

Sie halten ganz schön viel aus: Überall im Haus, das beiden gehört, sind Spuren des gemeinsamen Lebens, das die beiden geplant haben. Die Möbel und den Hausrat, die beide gekauft haben, der Garten, den sie gemeinsam angelegt haben. Und weil es keine richtige Trennung mit einem Abschied und Betrauern und Aufteilen des Hausrats gab, ist noch viel Energie der beiden an das Haus gebunden. Ihr Partner möchte auf keinen Fall wegziehen - anscheinend hat er große Angst, sich zu trennen und etwas loszulassen.

Und weil er sich nicht trennt, sondern viel Energie in Entscheidungen gebunden ist, die er in seiner alten Beziehung getroffen hat, können Sie beide keine gemeinsamen Pläne machen. Sie können nicht zusammen leben und planen, wie Sie beide Ihren Garten anlegen. Sie können nicht einmal ein gemeinsames Teeservice kaufen. Und anscheinend ist es für Sie nicht befriedigend, es dabei zu belassen und nur schöne Zeit zusammen zu verbringen. Sie wünschen sich die Freiheit, gemeinsam zu planen.

Ich würde mal behaupten, dass mit dem Geld vom Verkauf des halben Hauses Ihres Partners plus der Miete seiner halben Wohnung plus Ihrem Haus schon ein schönes Haus zu finden wäre. Aber Ihr Partner hält an alten Systemen fest und damit gibt es auch keinen Spielraum für das neue Leben. Gerade bei einem Mann, dem Besitz etwas bedeutet, ist das schwer zu verstehen, dass er mit Ihnen nicht langfristig auch gemeinsamen Besitz möchte.

Interessant - und für Sie wahrscheinlich kränkend - ist auch, wie er seine Grenzen zieht. Gegenüber seiner Ex-Frau gibt es wenig Grenzen, beide haben ein gemeinsames Email-Account genutzt, sie konnte bei ihm ein- und ausgehen und Sachen abstellen. Ihnen gegenüber aber zieht er viele Grenzen: Sie sollen alles so akzeptieren, wie es ist. 

Für mich ist außerdem es auch schwer zu verstehen, warum Ihr Partner kein Verständnis für Sie hat. Er scheint von starken, unbewussten Kräften angetrieben zu werden. Was glauben Sie, wie er sich fühlen würde, wenn er sich wirklich auf allen Ebenen von seiner Ex-Frau lösen würde? Wäre er möglicherweise sehr traurig? Bisher hat er ja noch nicht wirklich trauern müssen, denn sie ist ja ständig da.

Es scheint tieferliegende Ursachen zu haben, dass er so daran festhält. Nur diese Ursachen will er sich nicht anschauen und hält sie in Schach, indem er alles so belässt wie es ist. Dafür muss er es in Kauf nehmen, dass Sie unzufrieden sind, nur scheinbar ist es das kleinere Übel.

Ich bin ehrlich gesagt auch etwas ratlos angesichts der nächsten Schritte. Denn Ihr Partner signalisiert Ihnen, dass für ihn alles bestens ist. Und er bedeutet Ihnen so viel, dass Sie sich nicht trennen wollen, trotz der Probleme. Das sieht nach einer sehr festgefahrenen Situation aus, die Ihr Partner auch nicht ändern will. Und ich weiß auch nicht, wie viel Erfolg Sie damit hätten, ihm eine Pistole vor die Brust zu setzen und ihm zu sagen: Entweder dein Haus oder ich.

Vielleicht können Sie sich alleine eine psychologische Beratung suchen und für sich eine Lösung suchen, mit der Sie klarkommen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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