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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich liebe eine Jüngere und meine Frau - doch nun will meine Freundin eine Entscheidung

Die Ehefrau oder die jüngere Freundin - Mike liebt beide. Doch nun will seine Freundin endlich eine Entscheidung. Kann Julia Peirano ihm helfen?

Zwischen der Ehefrau und der Affäre zu entscheiden, ist nicht einfach (Symbolbild)

Zwischen der Ehefrau und der Affäre zu entscheiden, ist nicht einfach (Symbolbild)

Getty Images

Guten Tag Frau Peirano,

Ich (34) schreibe Ihnen aus der Verzweiflung heraus und hoffe auf ein paar kleine Hinweise, wie ich mich weiter verhalten kann. Ich bin vor über einem Jahr einer jüngeren Frau (21) sehr nahe gekommen. Da war ich schon fünf Jahre verheiratet. Dass das nicht okay ist, weiß ich. Doch die Gefühle für die Frau waren zu groß. Es ist nicht so, dass ich meine Ehefrau (33) nicht lieben würde, ganz im Gegenteil, ich liebe sie sogar sehr. Doch mit der Anderen habe ich eine andere, ganz spezielle Verbindung, nicht besser, aber anders.

Sie hat sich mittlerweile auch immer mehr in mich verliebt und sagt, ich sei die Liebe ihres Lebens. Und jetzt möchte sie keine heimlichen Treffen mehr, sie möchte eine richtige Beziehung zu mir und stellt mich vor die Wahl: In drei Monaten muss ich mich entscheiden. Diese Entscheidung fällt mir aber einfach unfassbar schwer. Seitdem wir "zusammen sind", war sie mir allerdings auch nicht immer ganz treu, sie ist bisexuell und hatte zwei "Affären" mit Frauen, sagt aber, dass dies nicht so gewesen wäre, wenn wir fest zusammen gewesen wären. Meine Frau und ich hatten zwar schon mal über sowas wie eine "Offene Ehe" gesprochen, sie selbst hat das Thema aufgegriffen, nachdem ich es beiläufig erwähnt hatte, aber am Ende klang es dann aber doch eher wie ein Rückzieher ihrerseits. Zumal es hier halt nur um Sex ging, nicht um eine weitere Beziehung.

Meine Ehefrau, wir sind schon seit über 16 Jahren zusammen, ist zuverlässig, treu, süß, etwas konservativ und was mir nicht so zusagt, gläubig. Meine, nennen wir sie mal "Freundin", ist frech, keck, spontan, widerspricht mir auch mal, hat manchmal aber sehr starke Launen und Stimmungsschwankungen und wirkt somit etwas unzuverlässig auf mich. Mit ihr kann ich allerdings einen Fetisch ausleben, sie hat wirklich sehr schöne Füße, den ich bei meiner Frau nicht ausleben kann, aber auch nicht unbedingt möchte.

In Gedanken spiele ich alle Szenarien immer mal wieder durch, doch wie ich mich auch entscheide, es geht mir nicht gut damit. Klar, sich von der "Freundin" zu trennen ist auf dem Papier leichter, da besteht keine rechtliche Verbindung, aber ich liebe sie. Das Problem ist, dass ich meine Frau auch liebe, natürlich anders, nicht mehr so heiß und innig wie früher, aber das ist, wie ich finde, normal in einer längeren Beziehung. Das Ganze macht mich langsam innerlich kaputt. Ich weiß, egal welche Entscheidung ich treffe, am Ende werden mindestens zwei Personen leiden müssen, mich eingeschlossen.

Mit besten Grüßen Mike T.

Lieber Mike T.,

Sie haben gut nachvollziehbar beschrieben, warum Sie sich innerlich zerrissen fühlen und sich sehr schwer entscheiden können zwischen den möglichen Szenarien. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage: Sie können sich nicht nur nicht schwer, sondern überhaupt nicht entscheiden. Wie Sie es drehen und wenden, werden Sie sich mit keiner der skizzierten Möglichkeiten anfreunden können. 

Ich habe viele Prozesse begleitet, in denen ein Mann für zwei Frauen starke Gefühle hatte, so wie Sie. Es ist aus eigenem Antrieb eigentlich nie zu einer klaren, finalen Entscheidung gekommen, wenn die Parallelbeziehung schon über mehrere Monate lief. Meistens kam es zu einer Art Pseudo-Entscheidung für eine der beiden Frauen, die dann nach einer gewissen Zeit wieder revidiert wurde. Zum Beispiel: Max trennte sich von seiner Frau und zog mit seiner Freundin zusammen, um dort ein sehr schlechtes Gewissen und Sehnsucht nach seiner Familie zu verspüren. Er machte nach einem knappen Jahr noch einen Versuch, die Beziehung zu seiner Frau zu klären, zog zu ihr, ging mit ihr zur Paartherapie und zerstörte in der Zeit viel Vertrauen seiner Freundin. Nach der gescheiterten Paartherapie lebt er jetzt mit seiner Freundin zusammen, mit unklarem Ausgang (da Sie von den Jahren des Wartens auch sehr erschöpft ist).

Um ein Bild für Ihre Situation zu schildern, können Sie es sich so vorstellen, als wenn Sie in der Mitte einer Wippe sitzen, die zwischen Ihrer Freundin und Ihrer Frau hin und herwippt. Wenn Sie gerade mehr bei einer Frau sind, bewegt sich die Wippe und die andere schwingt nach oben. Sind Sie dann bei der anderen, wollen Sie wieder zu ersten. Und so weiter, und so fort.

Ich denke, dass ich Ihnen bei der ausgewogenen Gefühlslage, die Sie beschreiben, zu keiner Entscheidung raten kann. Sie lieben beide Frauen, beide haben Vorteile, beide Nachteile, es gibt keine Kinder, die den Ausschlag geben könnten. Finden Sie sich am besten damit ab, dass Sie sich NICHT entscheiden werden. Entweder Ihre Freundin zieht die Reißleine, wenn Sie sich nach dem Ultimatum von drei Monaten nicht entschieden haben. Oder Ihre Frau findet heraus, was Sie machen und stellt Sie vor die Entscheidung. Sehr oft ist der Druck des 'Wippens‘ auf der Ambivalenzwippe so stark, dass man sich unterbewusst verrät, so dass eine Lösung gefunden werden muss.

Wenn allerdings beide Frauen langfristig mitmachen (die eine wissend, die andere unwissend), sollten Sie sich darin einrichten, dass die Geschichte auch langfristig weitergeht. Vielleicht können Sie sich die Konsequenzen für alle Beteiligten vor Augen halten, wenn es noch jahrelang so weiter geht. Wen würde es am meisten belasten? 

Meine Vermutung ist, dass Ihre Frau am meisten darunter leiden würde, da Sie nichts von der Geschichte wusste und ihr Vertrauen stark angeknackst bis zerbrochen wäre. Zudem könnte es sein, dass sie Untreue und Betrug mit ihrem Glauben schlecht vereinen und verarbeiten kann. Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, mit Ihrer Frau eine Paartherapie zu machen und über die Dinge zu sprechen, die durch Ihre Außenbeziehung zutage treten? Den Verlust an Leidenschaft und vielleicht auch Lebendigkeit, vielleicht etwas Monotonie oder fehlende Perspektiven?

Es wäre aus meiner Sicht der erste Schritt gewesen, Ihre Ehe genauer zu beleuchten und zu versuchen, sie durch die Energie, die die Außenbeziehung Ihnen gibt, zu bereichern. Vielleicht können Sie noch einmal in sich gehen und schauen, ob Sie zu diesem Schritt ernsthaft bereit sind. Allerdings würde dann auch Ihre Außenbeziehung thematisiert werden. Die Therapie wäre sonst eine Farce und zum Scheitern verurteilt, wenn eine heimliche Außenbeziehung besteht und auch neben der Therapie ohne Wissen der Partnerin und der Therapeutin fortgesetzt wird.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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