HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Freund achtet extrem auf seinen Körper – und ich habe Bulimie, um mitzuhalten

Das Aussehen ist Malas Freund sehr wichtig - nicht nur sein eigenes. Doch für sie wird das sein starkes Körperbewusstsein immer mehr zum Problem. Wie kann sie dem Kreislauf aus Angst, Essen und Erbrechen entkommen?

Der Druck, fit zu sein, wirkt sich auf manche Menschen negativ aus (Symbolbild)

Der Druck, fit zu sein, wirkt sich auf manche Menschen negativ aus (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

mein Freund sieht sehr gut aus und ist sehr körperbewusst. Er trainiert 4-5 Mal die Woche und hat viele Muskeln und kein Fett. Das ist ihm auch sehr wichtig, und er guckt sich jeden Tag im Spiegel an. Aussehen ist für ihn ein sehr wichtiges Thema und er macht oft abschätzige Bemerkungen über dicke Leute. "Die sollen mal trainieren gehen" und "wie sieht die denn aus? Hat die die Kontrolle über ihr Leben verloren?" hat er mal über andere gesagt.

Ich finde es auch sehr wichtig, wie man aussieht, aber ich habe von Natur aus einen schweren Körperbau und muss oder müsste viel tun, damit ich richtig perfekt aussehe. Nach der Arbeit (Krankenschwester) bin ich oft so kaputt, dass ich es nicht mehr ins Fitness-Studio schaffe. Ich habe große Angst, dass ich meinem Freund nicht attraktiv genug bin. Ich bin 1,65 m und wiege 62 Kilo, das ist ihm eigentlich zu viel und ich kriege kaum Komplimente von ihm. 

Andere Frauen stehen sehr auf meinen Freund und er bekommt dauernd Telefonnummern zugesteckt. Er guckt auch anderen Frauen hinterher, alle superschlank und durchtrainiert. Davon kriege ich auch Komplexe.

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Diäten gemacht, um abzunehmen und 53 Kilo zu wiegen. Leider geht das Gewicht meistens rauf, und ich mache dann eine Nulldiät, um abzunehmen. Dann habe ich angefangen, absichtlich zu erbrechen. Das habe ich jetzt nicht mehr im Griff.

Ich versuche, über den Tag nichts zu essen, aber abends habe ich dann solchen Hunger, dass ich ganz viel esse. Manchmal sind das 3-4 kg. Nudeln, Joghurt, Pudding, Kuchen, Käse… Und es kam, wie es kommen musste. Ich weiß mittlerweile, dass ich das Essen ja wieder auskotzen kann und deshalb esse ich absichtlich viel, weil es ja nicht darauf ankommt. Danach geht es mir sehr schlecht und ich hasse mich. Dann fange ich an zu putzen, das kann auch 2-3 Stunden dauern. Ich habe eine 2-Zimmer - Wohnung und weiß, dass das übertrieben ist.

Aber ich komme nicht aus diesem Muster heraus. Mein Freund hat jetzt mitgekriegt, dass ich angespannt bin und mir schon ein paarmal angedeutet, dass er nicht weiß, ob das eine Chance hat mit uns, weil ich so zwanghaft bin. Das mit der Essstörung weiß er allerdings nicht, wenn er das wüsste, wäre es gleich aus.

Ich habe mich von Freunden zurückgezogen, weil ich mit der Arbeit so beschäftigt bin und danach nach Hause gehe, um zu essen, zu kotzen und zu putzen. Das klingt so furchtbar, aber so ist es. Mit meinen Eltern habe ich ein sehr distanziertes Verhältnis. Sie sind unzufrieden, dass ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe. Das sagen sie jedes Mal, wenn wir uns sehen.

Ich bin so unzufrieden, aber ich weiß nicht, wie ich da herauskomme.

Viele Grüße, Mala T.

Liebe Mala T.,

ich möchte Ihnen zuerst einmal mein Lob aussprechen, dass Sie den Mut hatten, sich mir gegenüber zu öffnen. Das war bestimmt kein leichter Schritt! Ich kann mir vorstellen, dass Sie mit vielen unangenehmen Gefühlen wie Scham, Minderwertigkeitsgefühlen, Einsamkeit, Verzweiflung und Traurigkeit zu tun haben, und das ist etwas, was Sie bisher anderen Menschen nicht zeigen konnten und durften. Toll, dass Sie einen Versuch mir gegenüber gewagt haben!

Ihr Freund interessiert sich anscheinend dafür, dass Sie einem bestimmten Bild entsprechen und sich unkompliziert verhalten. Eigentlich könnte man ja hoffen, dass er sich dafür interessiert, wie es ihnen innerlich geht und bereit wäre, Ihnen zu helfen, wenn Sie sich öffnen. Stattdessen deutet er an, dass Sie nicht in Ordnung sind (zu zwanghaft, zu angespannt, möglicherweise zu dick für ihn) und setzt Sie damit innerlich unter Druck.

Dieses Muster, dass Sie bestimmten Erwartungen genügen müssen, haben Sie anscheinend auch schon in Ihrer Kindheit kennen gelernt. Ihre Eltern kommen jetzt auch nicht auf die Idee, Sie mal zu fragen, wie es Ihnen geht, sondern stellen ihre eigenen Erwartungen in den Vordergrund: Sie sollen endlich heiraten und Kinder bekommen, und da Sie das nicht geschafft haben, sind Sie eine Enttäuschung.

Ich kann gut verstehen, dass Sie sich einsam fühlen, wenn keiner in Ihrem Umfeld sich für Sie und Ihre Gefühle interessiert! Anscheinend haben Sie es übernommen, auch mit sich selbst so umzugehen, denn Sie fordern von sich, dass Sie ein bestimmtes Gewicht haben, auch wenn Sie dafür hungern und leiden müssen, und Sie fordern, dass Sie "funktionieren", indem Ihre Wohnung stets geputzt ist und Sie Ihrer Arbeit nachgehen, auch wenn Sie sehr erschöpft sind. Und möglicherweise ist die Liste damit noch lange nicht am Ende…

Es ist an der Zeit, dass Sie jemanden finden, der sich für das interessiert, was in Ihnen vorgeht und der Ihnen beibringt, sich auch dann zu lieben und zu akzeptieren, wenn Sie keinen äußeren und inneren (!) Erwartungen genügen. Dafür wäre eine Psychotherapie sehr wichtig! Übrigens ist das grundlegende Thema bei Frauen, die eine Bulimie haben, oft genau dies: Man steht sehr unter Druck, um perfekt zu wirken und vernachlässigt sich selbst dabei. Auch elementare Bedürfnisse wie Hunger, Ruhe und Schlaf werden oft ganz weit hintenan gestellt, um für eine perfekte Fassade (ich bin tüchtig, nett und attraktiv) zu sorgen. Vielleicht wäre es auch gut für Ihr Selbstwertgefühl, wenn Sie sich von Ihrem Freund trennen, um ihm und sich zu signalisieren: Ich möchte nicht mit jemandem zusammen sein, der sich nicht für mich interessiert.

Das gestörte Essverhalten verschlimmert den Teufelskreis dann noch: Viele Frauen mit Bulimie versuchen, am Tag mit zwei Radieschen und einer Reiswaffel auszukommen (etwas übertrieben gesagt), um dann am Abend die Kontrolle zu verlieren und sich alles zu "gönnen", was sonst versagt ist. Nur ist das heimliche Verschlingen von Unmengen von Essen und das anschließende Erbrechen extrem schambesetzt. Keiner darf das erfahren, keiner darf davon wissen. Sie selbst wissen das jedoch, und es schadet Ihrem Selbstwertgefühl extrem. 

In einer Psychotherapie würden Sie über Ihre Bedürfnisse sprechen und sich Ihre Gefühle genauer anschauen. Es kostet unglaublich viel Energie, die eigenen Gefühle wegzuschieben und zu unterdrücken. Man nennt das auch "dirty pain" (schmutzigen Schmerz). Es wäre sehr wichtig, sich im Rahmen der Therapie und damit einer vertrauensvollen Beziehung all dem zu widmen, was Ihnen fehlt und die Gefühle der Einsamkeit, Trauer, Verlustangst, Scham usw. zuzulassen und sie aufmerksam zu spüren. Das ist dann "clean pain" - (sauberer Schmerz), der auch zu Veränderungen führt. Dirty pain hingegen kostet nur Kraft.

In der Therapie würden Sie auch gesundes Essverhalten aufbauen und Ihrem Hungergefühl vertrauen lernen. Es ist übrigens völlig normal, dass man Heißhungerattacken bekommt, wenn man nicht genug isst. In einer Studie mit Soldaten, die ausgehungert wurden, stellte man fest, dass diese an nichts anderes mehr denken konnten als ans Essen und sich die kalorienreichsten Nahrungsmittel kauften, sobald sie die Gelegenheit hatten. 

Und solange Sie mit Ihrem Kopf in diese Prozesse eingreifen wollen, gerät alles durcheinander und der Kreislauf von Hungern - Heißhungerattacken - Erbrechen - Hungern setzt ein.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie eine gute Therapeutin oder einen guten Therapeuten finden, um Ihren Gefühlen auf die Spur zu kommen. Nur dann können Sie besser mit sich umgehen und auch ein gesundes Essverhalten erlernen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity