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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Partner führte ein heimliches Doppelleben - inklusive Hund und Kind

Von der zweiten Familie ihres Partners ahnte Stefanie nichts (Symbolbild)
Von der zweiten Familie ihres Partners ahnte Stefanie nichts (Symbolbild)
© Noel Hendrickson / Getty Images
Eigentlich fühlte sich Stefanie in ihrem Leben mit Beruf, Kind und einer stabilen Beziehung sicher. Doch durch ein Unglück kam die Wahrheit heraus: Ihr Partner hatte eine zweite Familie, die genauso arglos war wie sie. Wie soll sie nun reagieren?

Liebe Frau Peirano,

Ich dachte eigentlich, ich hätte mein Leben im Griff. Ich bin leitende Ärztin (50), hatte einen netten, wenn auch etwas langweiligen Freund (Fehlanzeige, wie Sie noch sehen werden) und eine 17-jährige Tochter. Mein Freund und ich sind seit acht Jahren zusammen und führen eine Fernbeziehung, weil er in München arbeitet und ich in einer anderen Stadt lebe.

Vor drei Wochen bekam ich einen Anruf von der Polizei: Mein Freund war in einen Autounfall verwickelt, er verstarb noch am Unfallort. Das war eigentlich schon erschütternd genug, aber dann folgte eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Neben ihm im Auto saßen eine Frau, die den Unfall überlebt hat, und ein vierjähriges Kind. Sie war keine Affäre, sondern seine feste Lebensgefährtin. Die beiden sind seit sechs Jahren zusammen. Sie wohnen zusammen, haben einen Freundeskreis in München, besuchen Elternabende, haben einen Hund - also ein ganz normales Familienleben. Mit der Ausnahme, dass weder die andere Frau von mir wusste noch ich von ihr.

Mein Freund, der angeblich so langweilig und solide wirkte, hat also über mindestens sechs Jahre ein Doppelleben geführt (mit einer eigenen heimlichen Wohnung in München).

Ich bin total erschüttert, weine sehr viel, kann nur mit Schlafmitteln schlafen, habe Rückenschmerzen und in drei Wochen fünf Kilo abgenommen. Ich kann es überhaupt nicht glauben, dass MIR das passiert ist. Solche Geschichten liest man eigentlich nur in Thrillern und denkt sich dann: Das ist an den Haaren herbei gezogen. 

Ich bin eine gestandene Frau und Mutter, ziemlich normal und wenig neurotisch, vielleicht etwas zu viel auf meine Karriere fixiert. Und jetzt das?

Bei der Beerdigung bin ich der anderen Frau und seiner Tochter begegnet, sie war mir sogar sympathisch. Und sie kann ja nichts dafür, dass er uns beide angelogen hat. Aber sie wirkte so, als würde sie gleich zerbrechen. Sie war sehr abhängig von ihm, auch finanziell. 

Wir sind nach der Beerdigung sogar noch etwas trinken gegangen und haben herausgefunden, wie mein Freund sein Lügenleben organisiert hat. Alles nach Plan. Hatte ich Fortbildung, fuhr er mit seiner anderen Frau in den Urlaub. War sie bei ihren Eltern, fuhr er mit mir weg. Jetzt wird mir auch klar, warum er immer so stark vorausplanen wollte. Und angeblich hatte er in meiner Stadt beruflich zu tun - also konnte er sich für die Zeit mit mir rechtfertigen. Er hatte zwei Handys, jeweils mit einem Foto der "richtigen" Frau als Hintergrund.

Ich bin so durcheinander, ich weiß nicht, ob ich mir die ganzen Jahre mit ihm noch in guter Erinnerung halten kann oder mich schämen soll für meine Dummheit. Ich weiß nicht, ob ich wütend oder traurig sein soll. Immerhin ist er gestorben, und ich kann ihn nicht mal zur Rede stellen.

Wie konnte das passieren? Ich bin nicht naiv. Ich hatte ein gutes Gefühl in unserer Beziehung und habe mich sicher gefühlt. Meine Freunde mochten meinen Freund.

Wie komme ich wieder auf die Beine?

Viele Grüße 

Stefanie B.

Liebe Stefanie B.,

Die Geschichte muss Ihnen wirklich vorkommen wie in einem schlechten Film, aber leider geschieht es eben auch in der Realität, und zwar gar nicht mal so selten. Sie befinden sicher auf einer Achterbahn der Gefühle und wissen nicht, was Sie glauben oder denken sollen. Der Mann, dem Sie vertraut und den Sie als solide und zuverlässig eingeschätzt haben, hat Ihnen eine andere Frau und sogar ein Kind verschwiegen, die er während der Zeit mit Ihnen kennengelernt hat. Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg.

Ich denke, dass es jetzt wichtig ist, dass Sie sich Zeit nehmen für Ihre Gefühle. Lassen Sie sich am besten krank schreiben, sofern das noch nicht geschehen ist, und planen Sie eine angenehme, einfache Tagesstruktur mit festen Mahlzeiten, ein bisschen Bewegung an der frischen Luft und den wichtigsten Aufgaben im Haushalt. 

Am Besten kaufen Sie sich ein Tagebuch und schreiben alles, was Sie belastet und beschäftigt, hinein. Alternativ haben Sie vielleicht eine Freundin, der es auch schlecht geht, und mit der Sie sich eine Form von Sprachnachrichten-Austausch vorstellen können? Eine Freundin, der es schlecht geht, hat unter Umständen mehr Einfühlungsvermögen als eine stabile Freundin.

Durchleben Sie jedes Gefühl, dass hochkommt, sei es Trauer, Wut, Verwirrung, Enttäuschung, Sehnsucht. Alle Gefühle haben Ihre Berechtigung, und es ist wichtig, sie zu akzeptieren und zu durchleben. Also nicht darüber nachzudenken und sie aus einer sicheren Distanz analysieren, sondern wirklich weinen, auf ein Kissen einschlagen oder vor Wut im Wald herumbrüllen, joggen oder schwimmen gehen oder sich auch Trostessen oder andere tröstende Dinge zu erlauben.

Und legen Sie etwas bereit, das Sie machen können, um sich zu beruhigen oder bewusst abzulenken: Eine spannende oder unterhaltsame Fernsehserie (ich oute mich jetzt: ich selbst schaue manchmal Großstadtrevier, wenn ich durcheinander bin, weil es so langsam und harmlos ist), bügeln, stricken oder Yoga zu praktizieren. Hier würde ich raten, ein paar Privatstunden zu nehmen und stabilisierende Asanas (Körperhaltungen) in einer festen Folge zu üben.  Kurzum: Schauen Sie einfach, was Ihnen jetzt gut tut. Ordnen Sie Ihre Musik und machen Sie sich doch verschiedene Playlists, die zu Ihren jeweiligen Stimmungen und Bedürfnissen passen.

Sehr wichtig ist es auch, mit vertrauten Menschen Zeit zu verbringen und schöne oder beruhigende Dinge gemeinsam zu machen. 

Es ist wichtig herauszufinden, was das Problem und das Motiv Ihres Freundes ist bzw. war. Erst wenn Ihnen klar war, dass ER Probleme und charakterliche Defekte hatte, können Sie Ihre Schamgefühle bearbeiten, denn es ist klar, dass Sie das Opfer waren. Und er ist anscheinend sehr geschickt und skrupellos vorgegangen.

Es wäre bestimmt wichtig, dass Sie herausfinden, was mit Ihrem Freund los war, der es geschafft hat, Sie und die andere Frau (immerhin seine liebsten und nächsten Menschen) systematisch zu belügen. Vielleicht könnten Sie sich weiterhin mit der anderen Frau austauschen - immerhin ist sie genau so betroffen? Das ist bestimmt aufwühlend, aber wer hat mehr Informationen über Ihren Partner?

Hat Ihr Freund möglicherweise eine gravierende Bindungsstörung, d.h. sind seine Beziehungen eher oberflächlich und ohne emotionale Tiefe? Hatte er das Gefühl, er stünde über anderen Menschen und bräuchte sich nicht an die üblichen Spielregeln zu halten? Hat er unter Gewissenlosigkeit und Gefühlsarmut gelitten, also war es ihm gleichgültig, dass er Ihnen oder der anderen Frau und dem Kind Schmerzen zufügt? Hat er möglicherweise seine Gefühle der Zuneigung nur gespielt?

Diese Indizien könnten darauf hinweisen, dass er Eigenschaften eines Psychopathen besitzt.

Es wäre theoretisch auch denkbar, dass er in die Situation mit Ihnen und der anderen Frau hinein geraten ist, als er ihr begegnet und sich auch in sie verliebt hat. Ihm ist keine Lösung eingefallen, bei der er beide Frauen in seinem Leben behalten konnte, außer ein heimliches Spiel zu spielen, das sich dann verselbstständigt hat. Allerdings passt bei dieser Lösung nicht ins Bild, dass er von Anfang an eine starke Kontrolle über die Situation ausgeübt hat und sehr strategisch und zielführend vorgegangen ist. 

Immerhin hat er es aufgrund genauer Planung, sorgfältiger Kontrolle seiner Bilder, seiner persönlichen Gegenstände und seines Zeitplans geschafft, dass sein Doppelleben über sechs Jahre lang unentdeckt blieb. Das passt aus meiner Sicht nicht zum Bild eines konturlosen, entscheidungsschwachen Mannes.

Auf jeden Fall würde ich Ihnen raten, sich möglichst schnell eine therapeutische Hilfe zu suchen und in Ruhe ihren Vertrauensverlust aufzuarbeiten. Es ist traumatisch, was Ihnen passiert ist.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Mut!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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