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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Wegen Corona bin ich 24/7 mit Mann und Kindern eingesperrt - dabei brauche ich einfach nur Ruhe

Kleine Kinder, die kranke Mutter und dann auch noch ein enorm teurer Wasserschaden: Evas Leben besteht seit Jahren aus purem Stress. Kein Wunder, dass sie sich auf die langersehnte Auszeit freute. Doch dann kam Corona - und machte alles noch schlimmer. Gibt es einen Ausweg?

Die Corona-Krise und das enge Zusammengepferchtsein sind für viele Familien eine Belastungsprobe (Symbolbild)

Die Corona-Krise und das enge Zusammengepferchtsein sind für viele Familien eine Belastungsprobe (Symbolbild)


Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich bin völlig verzweifelt. Die letzten drei Jahre waren für mich unglaublich anstrengend. Neben meiner Halbtagsarbeit und zwei kleinen Kindern (Leo 6, Luisa 4) musste ich mich drei Jahre lang noch um meine Mutter kümmern. Sie hatte Krebs und ist im Dezember letzten Jahres verstorben und ich habe im Januar ihre Wohnung aufgelöst und mich um ihre Papiere gekümmert.

Außerdem hatten wir kurz nach Luisas Geburt einen Wasserschaden im Keller, bei dem wir neun Monate lang große Diskussionen mit Versicherungen, Handwerkern und Gutachtern hatten, bei denen letztlich auch nicht klar war, wer die Kosten übernimmt (100.000 Euro). Der ganze Kellerinhalt mit Werkzeugen, Möbeln, Arbeitszimmer, Kleidern, Erinnerungsstücken, Vorräten, Waschmaschine etc.) musste abtransportiert und gereinigt werden, die Wände und Böden wurden abgeschlagen. Es war laut, staubig, stressig, wir hatten immer Handwerker im Haus. Ich war kurz vor einem Nervenzusammenbruch, und jeder, der so etwas schon einmal hatte, wird das bestätigen.

Nachdem der Wasserschaden vorbei war, wollte ich einfach nur Ruhe und mich erholen, aber es ging nicht, weil ich mich um die so kleinen Kinder kümmern musste, arbeiten, dann wurde meine Mutter krank und ich bin zwei- bis dreimal die Woche zu ihr gefahren.

Als sie gestorben ist, habe ich gehofft, dass ich jetzt endlich wieder zu meinem normalen Leben, das ja auch schon anspruchsvoll genug ist, zurückkommen kann. Ich habe mit meinem Mann vereinbart, dass ich mich erst einmal in den Märzferien und eine Woche davor alleine ausruhen kann. Ich wollte einmal ganz alleine zu Hause bleiben und ausschlafen, Zeit für mich haben, spazieren gehen, lesen. Und dann wollte ich alleine zwei Wochen nach St. Peter Ording, während mein Mann mit seiner Mutter und den Kindern verreist.

Ich hatte mich so daran geklammert. Und dann kam die Coronakrise. Mein Mann konnte nicht verreisen und seine Mutter, die Asthma hat, nicht mehr sehen. Die Kita und Schule wurden geschlossen, und wir alle blieben auf 110 Quadratmetern mit einem sehr kleine Garten zu Hause. Ich kann mich einfach nicht richtig entspannen, wenn die Kinder und mein Mann da sind. Ich kann nicht ausschlafen, weil die Kinder um 7 wach sind, ich kann nicht unbeteiligt daneben sitzen, wenn mein Mann alles erledigt. Ich bekomme Schuldgefühle und mache dann doch im Haushalt mit, gehe mit den Kindern raus, denen man auch nicht erklären kann, dass ich mich eigentlich rausziehen will. Sie verstehen das nicht und kommen doch dauernd zu mir.

Hören Sie passend zum Thema auch den "Wir und Corona"-Podcast:

Und natürlich muss man Kinder, die sich zu Hause langweilen, den ganzen Tag beschäftigen, und mir fehlt dazu einfach die Kraft. Ich habe jetzt schon öfter Migräne bekommen und habe Angst, dass sich das einschleift. Ich bin viel gereizter und ungeduldiger als früher, und ich habe überhaupt keine Lust, irgendetwas zu machen. Ich will nur im Bett liegen und mich ausruhen. Ich bin sehr traurig und frustriert, dass diese Auszeit, die wir geplant hatten, ausgefallen ist. Das tut mir überhaupt nicht gut. Absprachen, Erwartungen, feste Zeiten, der ganze Haushalt. Die Kinder streiten viel, sind laut, quengeln. Ich bin ein Mensch, der sich eigentlich erst entspannen kann, wenn alles sauber und ordentlich ist. Aber wann ist es mit Kindern schon einmal alles sauber und ordentlich, wenn man nicht den ganzen Tag räumt und wischt? Ich bin so genervt davon, und dann habe ich wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich genervt bin.

Es würde mir nichts bringen, wenn Sie mir raten, eine Therapie zu machen. Ich möchte nicht reden. Ich möchte nicht auch noch zu Therapiesitzungen fahren. Ich möchte einfach nur ein paar Wochen Zeit für mich haben und alleine sein, mich nur um mich kümmern und dann vielleicht wieder Yoga machen. Eigentlich ist das für mich immer am besten, um wieder zu Kräften zu kommen.

Was haben Sie für eine Rat?

Verzweifelte Grüße,

Eva S.

Liebe Eva S.,

Ihre Geschichte hat mich beim Lesen sehr berührt und traurig gemacht. Es ist so gut verständlich, dass Sie Ruhe und eine Erholungspause brauchen. Sie haben zwei Kinder bekommen, gearbeitet, nebenbei Ihren Anteil an Hausarbeit übernommen und wahrscheinlich sehr gewissenhaft ausgeführt. Darüber hinaus haben Sie Ihr Haus nach einem Wasserschaden renoviert, was ich mir unglaublich nervenzerreibend vorstelle, gerade weil Sie zu Hause keine Ruhe mehr finden konnten. Dann haben Sie jahrelang Ihre Mutter betreut, was zeitlich und bestimmt auch emotional belastend war.  Und danach waren Sie so erschöpft und ausgebrannt, dass Sie sich nur noch erholen wollten. 

Ich finde es übrigens gut, dass Sie so ein gutes Gespür für Ihre Bedürfnisse haben und Ihre Symptome und Wünsche ernst nehmen. Es war ein sehr guter Ansatz, drei Wochen Auszeit für sich alleine zu planen, um erst einmal wieder zu sich selbst zu finden. Und es ist auch aus psychologischer Sicht völlig angebracht, dass Sie Ihre Symptome wie Migräne, Kraftlosigkeit, Gereiztheit und Müdigkeit sehr ernst nehmen. Sie sind genauso real wie körperliche Symptome und können nicht ignoriert werden, nur weil man sie in der Form nicht sehen und objektiv messen kann wie z.B. einen gebrochenen Arm oder eine Grippe mit Fieber. Viele meiner Patienten nehmen seelische Symptome nicht für voll und zwingen sich, immer weiter zu funktionieren, weil es ja "nur psychisch" ist und man sich zusammenreißen muss. Oft werden sie von ihrem Umfeld noch dazu bestärkt, indem sie Tipps bekommen, wie man sich motiviert.

Doch psychische Probleme können einen genau so schädigen wie rein körperliche. Sie machen kraftlos bis hin zur Depression oder zum Burn-Out, beeinträchtigen die Stimmung und die Lebensfreude, verschlechtern das Immunsystem, rauben einem den Schlaf, können einen zum Suizid treiben und führen oft noch durch die enge Kommunikation von Körper und Seele zu organischen Problem z.B. im Magen-Darm-Trakt, zu chronischen Schmerzen, zu Schwindel, Panikattacken oder vielen anderen Problemen.

Ich bin also ganz Ihrer Meinung, dass Sie eine Auszeit brauchen und sich gönnen sollten. Und Ihr Mann ist ja auch sehr unterstützend und bereit, Ihnen zu helfen. Nur leider hat die Corona-Krise Ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht! Sie haben jetzt gemerkt, dass Sie sich mit Ihrer Familie zu Hause nicht ausruhen und entspannen können. Auch das ist eigentlich kein Wunder. Ich rate vielen, die kleine Kinder haben, ihre Entspannung außerhalb des Hauses zu suchen. In der Sauna, beim Yoga, in einem Urlaub ohne Kinder. Auch mit Kindern ist es oft draußen entspannter als drinnen, weil man einen Waldspielplatz nicht nach der Benutzung staubsaugen muss. Zum Glück. Da kann man besser loslassen. Aber die Möglichkeit zu verreisen, fällt ja durch die Ausgangsbeschränkungen flach.

Wie wäre es, wenn Sie sich für ein paar Wochen ein möbliertes Zimmer in Ihrer Gegend mieten? Ferienwohnungen müssten ja zur Zeit Flaute haben. Es geht ja nicht um touristische Zwecke, sondern einfach um Ruhe. Überlegen Sie sich doch, was Sie bräuchten, um sich auszuruhen (eine Terrasse, Bücher, Serien auf DVD, eine Yogamatte…). Und natürlich müssten Sie mit Ihrem Mann sprechen und ihn fragen, ob er auch unter diesen Bedingungen mit geschlossenen Kitas und ohne seine Mutter alleine mit den Kindern klar kommt. Eventuell könnte er sich auch stundenweise Hilfe holen. Langfristig könnten Sie zudem darüber nachdenken, eine Mutter-Kind-Kur zu beantragen. Sie sind bei Weitem nicht die einzige Mutter, die durch die Mehrfachbelastung erschöpft ist. 

Ich hoffe sehr, dass es Ihnen gelingt, eine Lösung zu finden. Auch wenn sie Geld kostet, sollten Sie das nicht scheuen. Es wird langfristig viel teurer und schwieriger, wenn Sie krank werden. Und Ihre Frühwarnzeichen machen deutlich, dass das passieren könnte, wenn Sie nicht den Fuß vom Gas nehmen und auf sich hören.

Herzliche Grüße und alles Gute für Sie, Julia Peirano

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