HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Mein erster Mann ist gestorben. Ich habe Angst, meinen neuen Freund auch zu verlieren."

Miriam verlor in jungen Jahren ihren Mann. Nun hat sie eine neue Liebe kennengelernt. Doch ständig hat sie Angst, dass sie auch ihn verlieren könnte. Gibt es einen Ausweg aus der Misere?

Wer bereits einmal einen Partner verloren hat, hat diese Angst womöglich sein Leben lang.

Wer bereits einmal einen Partner verloren hat, hat diese Angst womöglich sein Leben lang.

Liebe Frau Peirano

ich bin 36. Vor vier Jahren ist mein Mann an einem Gehirntumor gestorben. Wir kannten uns, seit wir 17 waren und waren sehr eng. Sein Verlust war furchtbar, dennoch habe ich es durch die Unterstützung meiner Eltern und Freunde geschafft, weiterzuleben und wieder auf die Beine zu kommen.

Vor einem Jahr habe ich wieder einen Mann an mich herangelassen. Zwischen uns entwickelt sich etwas sehr Schönes, und er wird mir von Tag zu Tag wichtiger. Mein Problem ist, dass ich Panik habe, ihn auch zu verlieren. Ich habe keine Angst vor einer anderen Frau oder vor einer Trennung, sondern viel Schlimmeres. Ich stelle mir vor, wie er einen Autounfall hat oder schwer krank wird und stirbt. 

Wenn wir zusammen sind, kann ich das ausblenden. Aber wenn er unterwegs ist, verliere ich mich manchmal in Sorgen und bin danach sehr verunsichert. Was kann ich tun, um das abzustellen?

Vielen Dank,

Miriam S.

Liebe Miriam S.,

im Grunde genommen bedeuten Ihre Ängste, dass Sie gerade dabei sind, sich ernsthaft auf Ihren neuen Partner einzulassen. Sie fühlen, dass er Ihnen sehr wichtig wird und dass Ihr Wohlbefinden von der Beziehung zu ihm abhängt. Deshalb möchten Sie ihn verständlicherweise nicht verlieren. Verlustängste und Sorgen um den Partner kommen in vielen Liebesbeziehungen vor. Sie sind der Preis, den man dafür bezahlen muss, dass man sich emotional tief bindet.

Leider haben Sie es schon einmal erleben müssen, Ihren Partner (und auch noch in jungen Jahren) zu verlieren. Für Sie ist es keine Befürchtung, die man mit einem "Ach, wird schon nicht passieren" beiseiteschieben kann. Sie haben am eigenen Körper erfahren, dass eine Krankheit oder ein Unfall einem den geliebten Mann nimmt. Ich denke, dass es zwar möglich ist, über bestimmte Lebensereignisse hinweg zu kommen und damit glücklich weiter zu leben. Doch die Erinnerungen an die schlimme Zeit lassen sich nicht auslöschen. Sie sind tief in Ihr Gedächtnis und Ihren Körper eingebrannt. Es ist wichtig, dass Sie an dieser Stelle sehr viel Mitgefühl und Liebe für sich selbst haben und sich zugestehen, aufgrund Ihrer Geschichte Ängste und Sorgen um Ihren neuen Partner zu haben.

Ängste äußern sich auf verschiedenen Ebenen: Einerseits auf der körperlichen Ebene. Da können die Hände zittern, der Schweiß ausbrechen, das Herz rasen oder man in eine Starre geraten, aus der man nicht leicht herauskommt. Außerdem zeigen sich Ängste auf der Ebene der Gefühle: Hilflosigkeit, das Gefühl, von negativen Ereignissen überflutet zu werden, Unruhe. Und als Drittes fahren die Gedanken bei Angst Karussell. Sie drehen sich um schlimme Ereignisse, die eintreten könnten, überschätzen die Wahrscheinlichkeiten, kombinieren sie mit weiteren schlimmen Ereignissen und ziehen einen dann in einen Tunnel, der unweigerlich in einer Katastrophen-Phantasie endet.

Es ist am wirkungsvollsten, bei der Angstbekämpfung direkt auf der Ebene der Gedanken anzusetzen. Dazu müssten Sie gedanklich in eine Beobachterposition gehen und die angstauslösenden Gedanken bemerken, wenn sie gerade frisch auftreten. Sie könnten dann üben, sofort ein "Stopp-Signal" zu setzen und zu sagen: Miriam, du bist gerade dabei, dir Katastrophen-Szenarien auszumalen. Das alles kann eintreten und man kann es nicht verhindern, aber es nützt nichts, sich darüber Gedanken zu machen, bevor es auftritt.

Als zweiten Schritt können Sie sich wieder in die Gegenwart holen, indem Sie sich bewusst fragen: Was ist JETZT? Gibt es JETZT irgendwelche Beweise oder handfeste Anzeichen dafür, dass Dein Freund in Gefahr ist oder schwer erkrankt ist? Nein? Dann beschäftige dich nicht weiter mit dienen Katastrophen-Phantasien.

Das ist leichter gesagt als getan, aber mit Übung und Willenskraft werden Sie immer besser darin.

Sehr gut wäre es, wenn Sie zudem üben, sich zu entspannen. Denn Angst und Entspannung treten nie gleichzeitig auf, und wenn die Entspannung aktiv hervorgerufen werden kann, muss die Angst sich zurückziehen.

Wie wäre es, wenn Sie lernen, einen Kurs in Autogenem Training oder Progressiver Muskelentspannung nach Jacobson zu machen? Sie könnten ja schon einmal ausprobieren, was Ihnen liegt, indem Sie sich CDs bestellen. Sehr gut ist sind auch die körperbezogenen Achtsamkeitsübungen von Jon Kabbat-Zinn. Sie lenken die Wahrnehmung auf den Körper und führen so schnell tiefe Entspannung herbei.

Sehr sinnvoll ist es auch, einen Achtsamkeitskurs zu belegen. Dabei wird die Wahrnehmung bewusst auf das Erleben der Gegenwart gelenkt, z.B. Empfindungen im Körper wie Schmerz, Freude, Aufregung deutlich gespürt.

Ein wichtiger Fokus liegt bei diesen Techniken auf der Körperwahrnehmung und der Atmung. Die Atmung bringt Sie immer wieder ins Jetzt. Man kann nicht in der Zukunft atmen, sondern immer nur den Atemzug wahrnehmen, den wir jetzt gerade tun.

Es wird Ihnen bestimmt helfen, auf die beschriebene Art gegen die Angst anzugehen. Sie werden einen besseren Bezug zu sich selbst und Ihren Gefühlen bekommen und sich in sich sicherer fühlen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity