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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich habe Zweifel, ob ich der Vater meiner jüngsten Tochter bin

Ist Matthias' jüngste Tochter wirklich sein Kind? Und was wäre, wenn nicht? (Symbolbild)
Ist Matthias' jüngste Tochter wirklich sein Kind? Und was wäre, wenn nicht? (Symbolbild)
© laflor / Getty Images
In den letzten Jahren lief es zwischen Matthias und seiner Frau nicht mehr so harmonisch wie früher. Dann entdeckte er Tinder auf ihrem Handy. Wie kann er die Zweifel über die Vaterschaft seiner jüngsten Tochter klären?

Hallo Frau Dr. Peirano,

ich (45) bin seit zwölf Jahren mit meiner Frau verheiratet, wir haben drei Kinder (Malte, 10, Lena, 8 und Antonia, 5). Seit einiger Zeit läuft es mit meiner Frau nicht so gut wie früher, wir leben eigentlich eher nebeneinander her, haben aber viel gemeinsame Verantwortung für die Kinder und sind gute Eltern.

Trotzdem hat es mich schockiert, als ich mal das Handy meiner Frau benutzt habe und gesehen habe, dass sie auf Tinder angemeldet ist. Das soll hier jetzt aber nicht das Thema sein. Ich habe sie zur Rede gestellt und sie hat erst alles abgestritten und klein geredet, aber als ich nachgebohrt habe, hat sie dann zugegeben, dass sie wohl aus "Frust" auf der Suche ist. Was genau läuft, habe ich nicht erfahren.

Was mich nun wirklich beschäftigt, ist die Unehrlichkeit meiner Frau. Wenn sie jetzt in der Lage ist, hinter meinem Rücken andere Männer zu treffen und was weiß ich alles noch, dann wird sie das womöglich schon früher gemacht haben. Und da kommen wir zu meiner jüngsten Tochter Antonia. Im Gegensatz zu den anderen beiden Kindern sieht sie mir überhaupt nicht ähnlich (ich wurde schon öfter darauf angesprochen), ist mir vom Charakter her am Fremdesten, und sie wurde in einer Zeit gezeugt, in der ich für ein Jahr in einer anderen Stadt gearbeitet habe und nur jedes zweite Wochenende nach Hause gekommen bin. Meine Frau und ich hatten damals wenig Sex. Das kommt mir alles zusammen sehr verdächtig vor, und ich frage mich, ob Antonia wirklich meine leibliche Tochter ist.

In meinem Kopf verdichtet sich der Gedanke nach einem Vaterschaftstest, um Klarheit zu schaffen. Das Ergebnis würde sicher im schlechtesten Fall einiges aufwirbeln und möglicherweise zur Trennung von meiner Frau führen. Aber vielleicht ist es für mich auch gerade der richtige Zeitpunkt, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, denn ich möchte nicht mit einer Frau weiter leben, für die Ehrlichkeit und Treue Fremdworte sind.

Nur wie gehe ich das mit dem Vaterschaftstest an und welche Konsequenzen ziehe ich aus den möglichen Ergebnissen? Ich wäre sehr dankbar über Erfahrungsberichte und eine erhellende Einschätzung aus Ihrer Sicht.

Viele Grüße, Matthias T.

Lieber Matthias T.,

kein Wunder, dass Sie sehr verärgert und verunsichert sind. Es ist wirklich kein partnerschaftliches und schon gar kein respektvolles Verhalten von Ihrer Frau gewesen, sich hinter Ihrem Rücken bei Tinder anzumelden und Sie hinterher darüber auch noch zu belügen oder mit der Salami-Taktik abzuspeisen. Geklärt ist so gar nichts, und das Vertrauen ist erst einmal stark angeknackst.

Ich kann es unter den gegebenen Umständen verstehen, dass Sie den Wunsch haben, zu erfahren, ob Ihre Frau Ihnen auch in Bezug auf Antonias Abstammung nicht die Wahrheit erzählt hat. Sie haben sich sicher schon über einen Vaterschaftstest informiert und herausgefunden, dass in Deutschland ein Vaterschaftstest ohne die Zustimmung Ihrer Frau rechtswidrig ist und ein heimlicher Vaterschaftstest eine Strafe von bis zu 5000 Euro nach sich ziehen kann. Viele Männer, die an Ihrer Vaterschaft zweifeln, lassen heimlich einen Vaterschaftstest im Ausland machen. 

Stellen wir uns vor, dass Sie sich dazu entschließen, einen heimlichen Vaterschaftstest im Ausland durchzuführen. Wenn Sie das Ergebnis bekommen, dass Sie der Vater sind, ist der Zweifel beseitigt und Sie müssten niemandem davon erzählen (solange Sie nicht erwischt werden). Das wäre natürlich eine Erleichterung.

Aber was hätte es für Sie und für Ihre Familie für Folgen, wenn sich herausstellt, dass nicht Sie Antonias Vater sind? Ich höre heraus, dass Ihre Ehe zur Zeit an einem seidenen Faden hängt. Wären Sie sich sicher, dass Sie sich von Ihrer Frau trennen, wenn diese Ihnen ein Kind "untergeschoben" hätte? Und anders gefragt, was müsste jetzt passieren, damit Sie sich guten Herzens entschließen können, Ihre Ehe weiter zu führen? Müssten Sie vielleicht beide in Ruhe und Offenheit darüber sprechen, wie es Ihnen miteinander geht, was Ihnen fehlt und wie Sie Ihre Verbindung wieder verbessern könnten? Das könnte ein langwieriger Weg werden, auch mit Paartherapie - wären Sie dazu bereit? Was bedeutet Ihre Frau und Ihre Beziehung Ihnen noch, und welche Gründe stehen einer Trennung im Wege? Haben Sie eigentlich schon längst resigniert?

Steckt vielleicht bei Ihrem Wunsch nach einem Vaterschaftstest auch die (vielleicht unbewusste) Hoffnung dahinter, dass Ihnen die Entscheidung für oder gegen Ihre Ehe durch ein negatives Vaterschaftsergebnis abgenommen würde? Wären Sie vielleicht auch insgeheim erleichtert, wenn Sie sich nicht um Ihre Frau und die Fortsetzung der Ehe bemühen müssten, sondern wenn es klar wäre, dass Ihre Frau tatsächlich Sex mit (mindestens) einem anderen Mann hatte und sich entschlossen hat, Sie darüber zu belügen? Dann hätten Sie einen triftigen Grund, zu gehen.

Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass Sie sich unabhängig von einem Vaterschaftstest erst einmal darüber im Klaren werden, ob Sie Ihrer Ehe noch eine Chance geben wollen. Oder ob Sie sich dazu entschließen können, die Familie zu schützen und neue, realistische Spielregeln und sexuelle Freiräume mit Ihrer Frau auszuhandeln. Sie wünschen sich Ehrlichkeit und Transparenz, und vielleicht wäre es auch ein Weg, dass Sie und Ihre Frau sich eingestehen, dass Sie seelisch und sexuell nicht mehr verbunden sind, aber im Interesse der Kinder noch einige Zeit als Eltern zusammen leben wollen (mit Freiraum für andere Sexualpartner und Sexualpartnerinnen). Auch das ist erst einmal nur ein Gedankenexperiment, das Ihnen helfen kann, Ihre Position zu bestimmen.

Die nächste wichtige Frage ist, wie es Ihrer Tochter Antonia gehen würde, wenn sich herausstellt, dass Sie nicht ihr leiblicher Vater sind (aber dafür der Vater von Malte und Lena). Würden Sie sich weiterhin um Antonia kümmern, mit ihr Zeit verbringen, finanziell für sie aufkommen -oder würden Sie da einen Schlussstrich ziehen? Was würde es für Antonia bedeuten, wenn Sie und Ihre Frau weiterhin als Familie zusammen leben? Würden Sie sich vorwiegend um Ihre leiblichen Kinder kümmern oder würden Sie es wollen und schaffen, Antonia genau so viel Liebe und Aufmerksamkeit zu geben?

Im schlimmsten Fall würde Antonia sich so fühlen, als wenn sie von einem Tag auf den anderen ohne Vater dasteht oder mit einem, der sich nur halbherzig um sie kümmert und ihr (im Vergleich zu ihren Geschwistern) das Gefühl gibt, weniger wert zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass es schwere seelische Schäden bei ihr hinterlassen würde, vor allem, wenn im Rahmen einer Scheidung ihrer Eltern angeführt wird, dass sie nicht Ihre leibliche Tochter ist. Sie würde sich womöglich schuldig an der Scheidung fühlen, obwohl Sie ja überhaupt nichts dafür kann. Und wahrscheinlich würde das Klima zwischen Ihrer Frau und Ihnen sehr eisig werden, wenn ans Licht käme, dass Ihre Frau Sie bezüglich Antonias Vaterschaft fünf Jahre belogen hat. Und darunter leidet Antonia am meisten, und auch die anderen Kinder werden sich zerrissen fühlen und nicht wissen, wem sie glauben können.

Eine weitere wichtige Frage ist: Wie genau würden Sie die Ergebnisse eines heimlichen Vaterschaftstest bekannt geben? Ihre Frau könnte Sie anzeigen und dann stünden Sie, auch in den Augen der Kinder, erst einmal als der Schuldige da.

Wie wäre es denn, wenn Sie die Gelegenheit nutzen und Ihrer Frau anlässlich ihres jetzigen unaufrichtigen Verhaltens (Tinder) sagen, dass Ihr Vertrauen sehr angeknackst ist und Sie sich auch Gedanken um die leibliche Vaterschaft von Antonia machen und einen Vaterschaftstest wünschen?  Das Ergebnis des Vaterschaftstest könnte dann dabei helfen, dass alle Karten offen auf dem Tisch liegen und Sie auf der Basis entscheiden können, wie Sie weitermachen wollen (grob gesagt: gemeinsam oder als getrennte Eltern).

Das halte ich aus mehreren Gründen für eleganter: Sie zeigen Ihrer Frau, wie es in Ihnen aussieht und sie zeigen ihr die rote Karte. Damit verschaffen Sie sich wieder Respekt. Außerdem verhalten Sie sich ehrlich und aufrichtig, so wie Sie es sich auch von Ihrer Frau wünschen. Zudem stellt Ihre Anfrage für Ihre Frau nur ein Problem dar, wenn Sie sich über die Vaterschaft von Antonia nicht sicher ist (oder sicher ist, dass Sie nicht der Vater sind). Wenn sie nichts zu verbergen hat, weil nur Sie der Vater sein können, sollte der Test kein Problem darstellen. Natürlich ist unter harmonischen Bedingungen die Frage nach einem Vaterschaftstest immer ein Zweifel an der Treue, aber unter den jetzigen Umständen ist der Zweifel ja nicht aus der Luft gegriffen. Es wird bestimmt aufschlussreich, die Reaktion Ihrer Frau zu beobachten, wenn Sie sie nach einem Test fragen.

Sie haben als rechtlicher Vater das Recht, einen Vaterschaftstest beim Amtsgericht geltend zu machen. Wird dem Antrag zugestimmt, können Sie auch ohne Einwilligung der Mutter einen Vaterschaftstest machen. Bitte informieren Sie sich hierzu noch einmal juristisch.

Ich würde Ihnen empfehlen, sich noch etwas gedulden und erst einmal alle Szenarien in Ruhe durchzuspielen. Die Konsequenzen sind doch sehr weitreichend und betreffen auch das Wohlbefinden aller drei Kinder. Deshalb sind Besonnenheit und Weitblick sehr wichtig.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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