VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Eltern brachten mich nach Deutschland - nun wollen sie mir meine Ehe verbieten

Amaya leidet unter den strengen Vorstellungen ihres Vaters (Symbolbild)
Amaya leidet unter den strengen Vorstellungen ihres Vaters (Symbolbild)

© LaylaBird / Getty Images
Jahrzehntelang unterwarf sich Amaya ihrem strengen Vater. Doch nun ist sie verliebt. Und obwohl ihr Freund aus dem gleichen Kulturkreis kommt, will ihr Vater die Ehe verbieten. Kann sie Liebe und Familie vereinen?

Liebe Frau Dr. Peirano,

meine Eltern sind vor circa 29 Jahren nach Deutschland ausgewandert und haben ihre Heimat für ein besseres Leben und bessere Möglichkeiten hinter sich gelassen. Was sie aber nicht in der Heimat gelassen haben, sind die Traditionen. 

Es ist sehr schwierig, Außenstehenden zu verdeutlichen, wie es ist, in einer anderen Kultur aufzuwachsen und man nicht "einfach mal so" über sein eigenes Leben entscheiden darf. Meine Eltern (Vater) war schon immer sehr streng.  Sein Hauptziel war es immer, den guten Ruf der Familie zu wahren und anderen Leuten zu präsentieren, wie wir Kinder gehorchen. Meine Mutter nehme ich hier mal außen vor. So viel wie sie durchgemacht hat und für uns Kinder gekämpft hat und wenig in der Ehe zusagen hatte, möchte ich hier gar nicht so ausführen - das wäre ein ganzes Buch geworden! 

Weswegen ich eigentlich schreibe, ist wegen mir. Ich bin jetzt mittlerweile 26 und lebe noch Zuhause. Ich war immer ein braves Kind und habe alle Befehle ausgeführt und das besser als jeder Soldat! Mein Vater ist seit 20 Jahre in Frührente (Schlaganfall) und ist seither zuhause und hat somit sehr viel Zeit, sich in Dinge einzumischen, die ihn eigentlich kaum etwas angehen.

Meine Mutter durfte früher den Führerschein nicht machen (Vater ist davon ausgegangen, dass sie ihn ja nicht benötigt, wenn er immer fährt). Daher sind beide seit 20 Jahren auf Bus, Bahn und uns Kinder angewiesen. Seit ich meinen Führerschein habe, fahre ich meine Eltern überall hin, das mache ich auch gerne. Sei es zum Einkaufen, zu Ärzten oder zu Besuchern quer durch Deutschland. Auch im Haushalt helfe ich so gut es geht. Papiere, Rechnungen und wichtige Unterlagen sind meine Aufgabe. Mein jüngerer Bruder wurde – wie in unserer Tradition so üblich – von meinem Vater immer wie ein Pascha behandelt. 

Mein Vater und ich haben nicht so ein gutes Verhältnis. Wir leben halt in einem Haushalt und gute Tage sind leider seltene Angelegenheiten. Was ich eigentlich damit sagen wollte ist, dass ich wirklich seit ich denken kann versucht habe, alles für meine Familie und insbesondere für meine Eltern zu tun. Anerkennung und Dank habe ich stets von meiner Mutter bekommen und von meinem Vater meistens nur dann, wenn Besuch da war und er vor anderen "angeben" konnte. 

Trotz allem bereue ich nichts und habe mich auch damit sehr gut abgefunden und war glücklich. Bis ich mich verliebt habe. Ich muss hier sagen "leider" habe ich mich in eine Person verliebt, die mein Vater kennt (mein Vater und der Vater meines Freundes sind Cousins). Das ist in unserer Kultur und unserer Tradition strengstens verboten. Seine Familie kam einmal im Jahr zu Besuch und so haben wir uns erst kennen und lieben gelernt. Er ist der perfekte Mann und auch meine Familie mochte ihn, bis ich es ihnen offenbart habe (genau vor einem Jahr), dass er der Mann ist, den ich heiraten möchte. 

Seitdem ist die Abneigung von meinem Vater mir gegenüber kaum auszuhalten und unerträglich. Ich habe die Unterstützung meiner Schwester und meiner Mutter, aber die haben da nicht viel mitzureden. Ich habe mein Leben lang nach Wertschätzung und Liebe von Vater gesucht und habe sie leider nur sehr selten erhalten. Dennoch besitze ich nicht den Mut, meinen Willen durchzusetzen und für das einzustehen, was mir wichtig ist – meinen Freund. 

Ich habe nie Widerspruch geleistet und war immer gehorsam. Und all das über Bord zu werfen und zu "rebellieren" schafft mein Herz nicht. Ich bin am Ende und weiß nicht, ob ich mich wirklich schuldig führen muss, weil wir irgendwie verwandt sind und das die Moral nicht zulässt oder ob es legitim und akzeptabel ist. Laut meinem Vater und Brüdern ist es das Unmoralischste und Schlimmste, was ich tun könnte.

Ich habe Angst, meine Familie zu verlieren, wenn ich mich für mich und meinem Freund entscheide. Ich weiß auch nicht, wie ich mich dagegenstellen kann. Einfach mal so zusammensitzen und darüber sprechen, gibt es bei uns nicht und wäre auch nicht denkbar. Bei uns gibt es nur das, was Eltern von einem verlangen und was sie sagen, ist Gesetz. Wie kann ich aus dieser Situation herauskommen, ohne einen Part zu verlieren?

Mit freundlichen Grüßen

Amaya K.

Liebe Amaya K.,

Sie scheinen in einem sehr tiefen Konflikt zu stecken, bei dem die Vorstellungen unterschiedlicher Generationen und Kulturen aufeinander prallen. Eigentlich könnte man vereinfachend sagen, dass Ihre Situation sehr häufig bei Kindern vorkommt, die im liberalen Westen aufgewachsen sind und deren Eltern aus traditionelleren Kulturen eingewandert sind. Oft prallen Welten aufeinander, wenn die Kinder versuchen, freier zu leben, als ihre Eltern (und insbesondere die Väter) sich das vorstellen.

Und Sie stecken mittendrin und werden massiv unter Druck gesetzt. Obwohl Sie sich bemühen, eine gute Tochter zu sein (wie ein "Soldat"), und Ihre Eltern massiv unterstützen, bekommen Sie nur wenig Wertschätzung. Ich kann mir vorstellen, dass Sie das verletzt und Ihnen nicht die Selbstsicherheit gibt, die Sie bräuchten, um eigene Entscheidungen auch gegen den Willen der Eltern durchzusetzen.

Sie haben Angst, Ihre Familie zu verlieren, wenn Sie jemanden heiraten, den Sie in den Augen Ihres Vater nicht heiraten dürfen. Das wäre eine sehr harte Strafe! Insbesondere, weil Ihre Eltern Ihren Freund ja mögen und er aus Ihrem Kulturkreis kommt. Aus meiner (westlichen) Sicht müssten Ihre Eltern Ihnen schon einen guten Grund nennen, warum Sie Ihren Cousin zweiten Grades nicht heiraten dürfen. 

Wenn es um humangenetische Risiken geht, kann man sagen, dass das Risiko für Erbkrankheiten der Kinder bei Cousin-Cousine zweiten Grades bei 3-4 Prozent liegt (im Vergleich: bei Geschwistern liegt es bei 30-50 Prozent). Allerdings liegt das übliche Risiko für Erbkrankheiten bei nicht verwandten Personen bei 2-3 Prozent, also ist das Risiko für Kinder von Cousin-Cousine zweiten Grades gegenüber kaum erhöht. Haben Sie mit Ihrem Vater schon einmal darüber gesprochen, welchen Hinderungsgrund er für eine Hochezeit sieht? Vielleicht ist er über die wirklichen Risiken nicht richtig informiert und es würde ihm helfen, wenn er sich von einer Ärztin oder einem Arzt aufklären lässt? Sie haben hier ja gute Argumente in der Hand.

Ich glaube, dass es bei dem momentanen Konflikt mit Ihren Eltern für Sie wirklich um sehr viel geht: Es geht darum, sich von Ihren Eltern zu lösen und auszutarieren, wie Sie (als Einwandererkind der zweiten Generation) leben wollen. Welche Traditionen und Spielregeln Sie von Ihren Eltern und deren Herkunftsland übernehmen wollen, und inwieweit Sie Ihre eigenen Regeln aufstellen möchten.

Da Sie zur Gehorsamkeit erzogen wurden, wird es Ihnen große Angst machen, sich Ihren Eltern zu widersetzen. Deshalb empfehle ich Ihnen, sich Unterstützung zu holen. Und da Sie die Ansichten und Wertvorstellungen Ihrer Eltern, aber auch moderne deutsche Ansichten in sich tragen, würde Unterstützung aus beiden Kulturkreisen wichtig, um Ihr Puzzle zusammen zu setzen.

  • Eine Psychotherapie (Verhaltenstherapie) würde bestimmt helfen, Ihren Standpunkt zu definieren und selbstsichererer zu werden, Grenzen zu setzen usw. Sie sollten sich überlegen, ob Sie sich bewusst eine Therapeutin mit ähnlichen Wurzeln wie den Ihren suchen (die Ihre Familienstruktur aus erster Hand nachfühlen kann) oder eine deutsche Therapeutin, die Ihnen vielleicht eine bessere Sicht von außen bieten kann.
  • Es gibt garantiert Selbsthilfegruppen für Frauen, deren Eltern aus einer traditionelleren Kultur eingewandert sind. Ich habe oft beobachtet, dass der Austausch mit anderen Betroffenen und deren Lösungsansätze extrem hilfreich sind. Man sieht die eigenen Probleme im Leben der anderen Frauen gespiegelt, und man erfährt, wie andere es lösen. Wenn Sie keine Gruppe finden, schauen Sie, ob Sie Gesprächspartnerinnen in Ihrem privaten Umfeld finden.
  • Überlegen Sie sich, wen Ihr Vater respektiert und auf wen er hört. Vielleicht kann Ihr Freund auch daran arbeiten, seinen eigenen Vater zu überzeugen, oder zumindest einen anderen Verwandten, der wieder Einfluss ausüben kann. 

Ich denke, dass Sie viele Gespräche brauchen werden, um Ihren eigenen Standpunkt zu klären und sich darin zu wappnen, Ihren Vater umzustimmen. Aus meiner Sicht gibt es kein "wirkliches" Problem darin, einen Cousin zweiten Grades zu heiraten, und die Traditionen sollten Ihrem Glück nicht im Wege stehen, wenn Sie diesen Mann lieben. Aber das alles ist leichter gesagt als getan und dann noch gegen einen autoritären Vater umgesetzt.

Ich bin aber auch sicher, dass es für Sie wichtig und wertvoll ist, sich von einigen Fesseln zu lösen und Ihr eigenes Leben zu leben. Es gab schon viele Eltern auf diesem Planeten, die zuerst mit der Partnerwahl Ihrer Kinder nicht einverstanden waren (falsche Religion, falsche Hautfarbe, falscher familiärer Hintergrund…), sich dann aber damit abgefunden haben. Und hier geht es um Ihr Glück und Ihre Zukunft!

Ich hoffe, dass Sie gemeinsam mit Ihrem Partner, der ja aus dem gleichen Kulturkreis kommt, und mit viel Hilfe von außen Ihren Weg finden werden.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker