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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich war sexuell sehr abenteuerlustig - jetzt vergeht mir in einer Beziehung die Lust

Nach langen Abenteuern wirkt der Beziehungsalltag manchmal wenig anregend
Nach langen Abenteuern wirkt der Beziehungsalltag manchmal wenig anregend
© South_agency / Getty Images
Sex war für Jeanette lange ein aufregendes Abenteuer - ungebunden, schnell und unkompliziert. Jetzt ist sie mit einem Mann zusammen. Doch obwohl sie glücklich und verliebt ist, fehlt ihr die Lust. Gibt es einen Ausweg?

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

ich (28) bin jetzt knapp vier Jahre mit meinem Freund (30) zusammen. Das erste halbe Jahr hatten wir regelmäßig Sex, doch langsam schlich es sich ein, dass ich nicht wollte und gemerkt habe, dass ich die Zeit mit ihm ohne Sex ebenso genieße. Das bedeutet nicht, dass wir nicht intim sein können, mit kuscheln oder küssen, aber der Liebesakt an sich war einfach nicht mehr so reizvoll für mich. 

Ich muss dazu sagen, dass ich vor dieser Beziehung sexuell sehr aufgeschlossen und auch aktiv war. Als Single habe ich es eine Zeit lang drauf angelegt und auch wechselnde Sexualpartner gehabt. Zu dieser Zeit empfand ich das als nicht schlimm, aber im Nachhinein denke ich, dass sich das auf mein jetziges Sexleben negativ ausgewirkt hat. 

Sex war für mich immer etwas schnelles, aufregendes mit vielen Männern, die ich kaum kannte und damit auch versucht habe von mir zu überzeugen. Mit meinem Freund ist das anderes, ich spüre eine tiefe Liebe und werde immer etwas zurückkatapultiert in diese Zeit, in der ich eben Zuneigung durch schnellen Sex gesucht habe. Demnach fühlt sich das ganze wie "falsch" an, wenn ich es mit ihm tue. 

Er hat Verständnis und drängt mich zu nichts, aber dieses schlechte Gewissen ihm gegenüber macht mich teilweise wirklich extrem traurig und wütend. Ich möchte gerne Kinder mit ihm und mit ihm zusammenbleiben, habe aber Angst, dass es eben nicht "normal" sein kann, seit fast 1 1/2 Jahren keinen Sex mehr zu haben. Je größer die Liebe wurde, desto weniger Lust hatte ich.

Das Reden mit Freundinnen über dieses Thema zeigte mir eben genau, dass es nicht normal sein kann, in einer Beziehung so lange keinen Sex zu haben. Für sie ist Sex ein sehr wichtiger Aspekt und in einer Beziehung länger als vielleicht 4 Wochen nicht wegzudenken. Teilweise hatte ich auch das Gefühl, dass sie meine gesamte Beziehung in Frage stellen und vielleicht sogar davon ausgehen, dass es sich nur um eine Freundschaft handelt. Genau diese äußeren Einflüssen sind es, die mich dann zeitweise auch komplett an der Beziehung zweifeln lassen, obwohl ich das gar nicht möchte!

In ihrem Buch "Better Sex through Mindfulness"  berichtet die kanadische Sexualwissenschaftlerin Lori Brotto, wie Achtsamkeit die Lust von Frauen verändern kann. 
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Vielleicht haben Sie Tipps, wie ich aus diesem Gedankenkarussell aussteigen kann und Sex nicht mehr mit der Vergangenheit verbinde.

Mit liebsten Grüßen

Jeanette R.

Liebe Jeanette R.,

Aus meiner Sicht kommen bei Ihnen zwei Dinge zusammen, die Ihnen die Lust auf Sex gründlich verhageln.

Zum Einen haben Sie sich in den Jahren, in denen Sie Sex eher als Eroberung, Abenteuer, Ausprobieren und häufigen Wechsel gelebt haben, bestimmte Gefühlswelten und Erwartungen geschaffen. Wir alle wiederholen ja bestimmte Erlebnisse und erinnern dann die Gefühle, die wir dabei hatten. Sie werden für uns zur Normalität. 

Es gibt zum Beispiel viele Menschen, die Weihnachten hassen, weil Jahr für Jahr ihre Eltern Heiligabend Streit und Stress hatten und der Vater irgendwann betrunken ankam und das Fest verdorben hat. Andere wiederum lieben Weihnachten über alles, weil es in ihrer Familie harmonisch und freudvoll war (und nicht zu vergessen die liebgewonnenen Weihnachtsplätzchen, den selbst gebastelten Adventskalender und den Puter am 1. Weihnachtstag …).

Sie haben sich über Jahre angewöhnt, dass Sex aufregend ist, dass er ungewiss ist, dass man vielleicht eher auf die eigene Lust achtet als darauf, dass der Sex der Partnerschaft gut tut. Und Sie haben Bestätigung gesucht und durch Sex bekommen. Möglicherweise waren Sie nachts unterwegs und wussten noch nicht, mit wem Sie nach Hause gehen. Vielleicht war Musik im Spiel, oder Alkohol. Vielleicht Partykleidung. Auf jeden Fall hat dieses ganze Thema rund um die Sexualität für Sie große Freiheit und Aufregung bedeutet, und gleichzeitig ein Ringen um Bestätigung. 

Und dieser ganze Reiz ist nun über die Jahre mit Ihrem Freund schleichend verschwunden. Sie wissen, dass Sie nur noch mit einem Partner schlafen dürfen (oder haben Sie sich Freiräume eingeräumt?), vielleicht gibt es Routinen, wann Sex in den Wochenablauf passt und wann nicht, und möglicherweise auch Routinen darüber, wie der Sex abläuft.

Und wenn Sie mal ganz ehrlich zu sich sind und sich nicht beurteilen und abwerten, können Sie sich den Sex ja mal innerlich wie einen Film anschauen und sich bewusst darauf konzentrieren, wie Sie sich dabei fühlen. Ist Ihnen vielleicht langweilig dabei? Oder fehlt es Ihnen, sich anzustrengen zu müssen, um Bestätigung zu bekommen? Das wäre ein interessanter Gedanke, den Sie verfolgen sollten. Vielleicht ist es zu leicht, Ihren Partner zum Sex zu bewegen. Katzen finden es jedenfalls viel spannender, wenn sie sich ihr Essen selbst erjagen müssen (oder zumindest Trockenfutter aus einer Box herausfischen müssen), als wenn sie jeden Morgen um die gleiche Zeit eine Dose geöffnet bekommen…

Und hier kommen wir auch zum zweiten Punkt, der mir aufgefallen ist. Sie haben sich einerseits Ihre Freiheiten (das Nachtschwärmen, das Auswählen eines Partners für den Moment, die Konzentration auf die eigene Lust) hinter sich gelassen, und dazu kommt noch, dass Sie sich gedanklich ein Gefängnis schaffen. So wie Sie es beschreiben, war es eventuell "schlimm" (und schädlich), was Sie früher gemacht haben, und deshalb empfinden Sie es jetzt auch noch als Ihre Schuld, dass Sie jetzt so wenig Sex wollen (Hat Ihr Partner nicht auch einen Anteil daran, der bisher noch nicht klar ist?) 

Zudem bestätigen Ihnen Ihre Freundinnen auch noch, dass Ihre Beziehung eventuell nicht "richtig" ist und Sie einfach mehr Lust haben sollten. Paradoxerweise ist das aber genau der beste Weg, um jegliche Lust im Keim ersticken zu lassen: Sich zu etwas zu zwingen. Und sich dann auch noch zu kritisieren, wenn man nicht will. 

Wie wäre es denn, wenn Sie sich mal genau fragen, welche Faktoren es waren, die Ihnen früher so viel Lust bereitet haben. Und sich dann überlegen, wie Sie das vielleicht wieder finden können - in Ihrer Partnerschaft?  Vielleicht ist Ihre jetzige Sexualität nicht genau das, was Ihnen Lust bereitet? Sie scheinen mehr Abwechslung zu brauchen als andere, und ich kann Ihnen nur wärmstens empfehlen, genau dort anzusetzen und sich um mehr Lebendigkeit zu kümmern.

Nur ein Beispiel: Ich kenne ein Paar, beide um die 50, seit über 20 Jahren zusammen, die sich Rollenspiele ausdenken. Sie finden es nämlich schwer, von der Steuererklärung und dem Aufräumen der Küche den Übergang zu finden, ihren Rollen als Eltern und routiniertes Paar zu entfliehen und leidenschaftlichen Sex zu haben. Aber beim Rollenspiel lassen sie genau ihre eingefahrenen Rollen und Routinen hinter sich, probieren sich aus und spielen miteinander.  

Der Mann ist zum Beispiel der abenteuerlustige Nachbar, der sich nur etwas von seiner Nachbarin ausleihen will und dann nach einem intensiven Flirt bei ihr im Bett landet. Oder: sie spielen orientalischen Massagesalon (wenn einer von beiden verwöhnt werden möchte). Einmal hatte er ein Hotelzimmer in der City gemietet und Sie setzte sich in High Heels an die Bar. Es war allerdings nicht von vornherein klar, ob sie mit in sein Zimmer gehen würde. Dazu mussten beide sich schon etwas anstrengen und sich gegenseitig verführen.

Haben Sie eigentlich schon einmal in aller Offenheit mit Ihrem Partner über Ihre Wünsche und Vorlieben gesprochen? Wissen Sie beide genau voneinander, was der andere will und braucht? Und da das ja möglicherweise auch von Situation von Situation wechselt, wie Sie es sich gegenseitig sagen können? Eine offene und schamfreie Kommunikation über Sex hilft sehr, das geistige Gefängnis zu verlassen.

Ich glaube, dass es sich für Sie und Ihren Partner sehr lohnt, nach Ihrer eigenen Form von befriedigender Sexualität zu suchen und sich nicht mehr einzureden, dass Sie eine Norm erfüllen müssten.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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