HOME

Partnerschaft: Der kleine Unterschied

Die neue Frauenbewegung setzt auf Reizwäsche statt auf Latzhosen.

Mit lila Latzhosen ist auch der Feminismus aus der Mode gekommen. Aber eine neue Frauenbewegung schafft es, den Kampf für mehr Gleichberechtigung mit Spaß zu verbinden. Ein Besuch auf einer Cake-Party, an der Männer höchstens als Anhängsel teilnehmen dürfen.

An einem frischen Londoner Abend entledigt sich die Frau, die wir nur Svenja nennen sollen, ihres Trenchcoats. Die 26-Jährige trägt ihr blondes Haar lang und sonst nicht mehr als ein schwarzes Hemdchen, einen Slip, halb durchsichtige Strümpfe und Schuhe mit Absätzen, die einen Männerfuß mit sanftem Druck aufspießen könnten. Wie im Vorraum des "L’Equipe Anglaise", einer Diskothek im Westend der Stadt, muss es auf dem Filmset von "Moulin Rouge" ausgesehen haben: Schlanke Frauen in barocken Dessous zwicken sich in die Hüften, verschwinden dann kichernd auf den Toiletten. Doch sie sind weder Schauspielerinnen noch Tänzerinnen. Sie wollen einfach nur ihren Spaß. Endlich einmal.

Vor einer Truhe mit falschen Federboas stehe ich neben Ben, der mit Svenja bei einem Fernsehsender arbeitet. Er wusste bis vor einer halben Stunde nicht, auf was er sich eingelassen hat. Jetzt fingert er ein Netzhemd aus der Kiste und streift es nach einem kurzen Zögern über sein TShirt. Ich hingegen bin vorbereitet. Seit Wochen stehe ich auf einem E-Mail-Verteiler, der mich unter anderem mit Informationen über meinen Fruchtbarkeitszyklus versorgt. Und mit einer Einladung zu der heutigen Veranstaltung. Ich wusste also, dass es sich bei »La Dolce Vita« um eine Unterhosenparty handeln würde.

An der Treppe in den Clubraum steht ein Mann in griechischer Pose, er ist am ganzen Körper glatt rasiert. Ich beschließe, meine Überhose fürs Erste anzubehalten. Als Svenja mit ihren Freundinnen das Begrüßungsgetränk entgegennimmt, löst sich der Kerl aus seiner Starre, wirft einen Kuss in die Luft und klopft den Mädchen kräftig auf den Hintern. Auf seine ausladende Brust hat jemand mit Körperfarben »Cake« geschrieben.

Cake ist ein Slangwort für das weibliche Geschlechtsorgan. Und der Name einer frauenbewegten Partyfront. »Sexuelle Gleichberechtigung ist der neue Feminismus«, schreibt Melinda Gallagher, Sexualwissenschaftlerin und Gründerin von »Cake« in einem Brief an die Besucher der Website. Hier tauschen sich über tausend angemeldete Cakegirls über schicke Vibratoren, Masturbationstechniken und sexuelle Fantasien aus. Sexspielzeuge werden vorgestellt, die wirklich funktionieren. Und in regelmäßigen Newslettern erörtert Gallagher Gender-Fragen, die weltweit mehr als 30 000 weibliche und männliche Abonnentinnen interessieren.

Gleichberechtigung in Beruf und Familie, für die ihre Mütter auf die Straße gegangen sind, betrachten sie als Selbstverständlichkeit - auch wenn die Realität immer noch anders aussieht. Und mit der Sexualfeindlichkeit, die sie bei einem Teil der Frauenrechtlerinnen der 70er- und 80er- Jahre wittern, will diese Speerspitze eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins in keinem Fall etwas zu tun haben. An die Stelle des Kampfes gegen sexuelle Belästigung ist der Kampf für sexuelle Befriedigung getreten.

Angefangen hat es damit, dass die dreizehnjährige Melinda Gallagher von ihrer Mutter einen Vibrator bekam - mit der Aufforderung, es sich damit gut gehen zu lassen. So hatte sie zwar eine Menge Orgasmen, aber nie ohne das Gerät. Zehn Jahre später gründete sie mit ihrem Freund und dessen Schwester in New York einen Debattierclub, der mit einer Gesprächsrunde über sexuelle Höhepunkte eröffnet wurde. Der Anklang war enorm, es folgten Präsentationen von Sextoys und Aufklärungsveranstaltungen über weibliche Ejakulation, bei der sich die Teilnehmerinnen gemeinsam auf die Suche nach dem mythischen G-Punkt begaben.

Die Kernfrage von Cake lautet bis heute: Wie würde unsere sexuelle Kultur aussehen, wenn Frauen wirklich die gleichen Rechte hätten? Um darauf eine Antwort zu finden, mussten Taten folgen. Seitdem veranstalten die Frauen Partys, auf denen sie sich endlich einmal so verhalten können, wie sie es immer wollen. Unterwäsche, Porno, Rock’n’Roll, es waren Mottoveranstaltungen, die die Gäste zu sexy Auftritten einluden. Als sich ein Paar in einem abgelegenen Raum beim Geschlechtsverkehr filmen ließ, war Cake im moralisch gesäuberten New York kurzfristig ein kleiner Skandal. Was die Party jedoch vor allem von gewöhnlichen Abenden unterscheidet, ist die eiserne Regel, dass Männer nur als Begleitung eines Cake-Girls eingelassen werden.

Zurück in die Disko: Das wilde Geschehen Stimmen mit viel Timbre hauchen aus den Boxen, ein weiblicher DJ legt Soul und alte Diskonummern auf. An der Bar lehnt die betörende Emma Jeynes. »Die Mainstream- Perspektive auf weibliche Sexualität zu ändern, das ist unser Anliegen«, sagt sie. Vor einem Jahr hat sie Cake nach London importiert. Seitdem wartet Anne, 29-jährige Journalistin aus München, regelmäßig auf die Post mit den Einladungen. Sie war auch auf der Eyes-Wide-Shut-Party, mit der Cake in London startete. Von der enthemmenden Wirkung der Masken erzählt sie gerne. Heute trägt sie ein altrosa Mieder, das sich passgenau an ihren trainierten Körper schmiegt. Ohne sie wäre ich an der Tür gnadenlos gescheitert.

Auf die Schultern der Gäste haben die Veranstalterinnen Sticker mit Fragen geklebt. Ob sie schon mal einen Dreier hatte, steht auf Annes gut ausgeprägtem Deltamuskel. »Klar.« Sie verdreht die Augen, als hätte man sie gefragt, ob sie in der Lage wäre, ein Spiegelei zu braten. »Wenn ich in einen normalen Club gehe und mich sexy benehme, werde ich nur von Idioten angegraben«, sagt sie. »Hier gibt es allein durch den Einlassmodus eine gewisse Vorauswahl. Man nimmt einfach nur Männer mit, von denen man weiß, dass sie etwas cooler mit Sex umgehen.«

Seit dem späten Nachmittag hat sie mit ihrer Freundin, die Liv heißen soll, einer 32-jährigen Managerin einer Firma für Solarenergie, an ihrem Outfit herumgenestelt. Liv besitzt ein Haus in Brixton, fährt einen schwarzen MG Cabrio mit Lederlenkrad und sagt, dass sie ihr Leben liebt. Sie sagt auch, dass sie zu wenig Geschlechtsverkehr hat. Auf ihrem Aufkleber wird nach ihren dunkelsten Fantasien gefragt. »Sex mit Frauen.« Sie kichert. »Für Männer sind One-Night-Stands noch immer etwas, auf das sie stolz sind. Frauen, die offen mit ihrer Sexualität umgehen, gelten als Schlampen.« Liv nippt an ihrem Wodka Tonic. »Vielleicht werde ich mir heute aber auch einfach einen dieser knackigen Jungs mit nach Hause nehmen.

Auf der Tanzfläche reiben die Frauen ihre Unterwäsche an professionellen Tänzern, deren Ärsche aussehen, als wären sie aus Stein gemeißelt. Dazwischen wedeln ein paar Jungs mit den Armen. Sie haben sich wie betrunkene Fußballfans die Shirts in die Hose gesteckt. Gegen Mitternacht zerreißt Svenja mein Trägerhemd. Als ich sichtlich verunsichert einen tiefen Schluck von meinem Drink nehme, klaut sie mir den Eiswürfel aus dem Mund und reicht ihn auf der Tanzfläche an Liv weiter. Anne hat sich schon über eine Stunde nicht mehr von dem Podest hinunterbewegt, auf dem sie zu Hip-Hop-Klassikern mit einem Mädchen in weißen Unterhosen und einem Angorahemd Zungenküsse austauscht. Als ein junger Beau mit freiem Oberkörper zu ihr hinaufsteigen will, tritt eine forsche Praktikantin von Cake New York heran und zerrt ihn weg. "Jetzt bin ich dran", sagt sie. Und greift nach Anne.

»Wenn wir Worte wie Emanzipation, Geschlechterkampf und Feminismus laut aussprechen, dann kommen wir uns vor, als ob wir einen dicken Döner mit ordentlich Tsatsiki gegessen hätten. Es müffelt übel, abgestanden, unappetitlich, peinlich«, schreibt die Autorin Katja Kullmann in ihrem Bestseller »Generation Ally«. Das Buch ist eine Analyse der Befindlichkeit von Frauen um die dreißig, die Latzhosenträgerinnen genauso verachten wie all die selbst ernannten Luder, die sich plump und unreflektiert in eine sexuelle Warenwelt einfügen. Auf der Suche nach etwas, was die inhaltliche Leerstelle füllen könnte, die sich im Leben erfolgreicher Karrieristinnen auftut, kommt sie auf den Slogan: »Feminismus müsste wieder sexy sein.«

Im popkulturellen Untergrund kann man sich den Konjunktiv sparen: Auf der Bühne des Berliner Velodroms schält sich eine zierliche Frau aus ihrem Kleidchen, hält das Mikrofon zwischen die Beine und schüttelt es wie einen dicken Pimmel zu den Elektrobeats ihres Stückes »Shake yer dix«. Doch der 37-jährigen kanadischen Sängerin Peaches, die mit Marilyn Manson tourt, geht es um mehr als offensiv zur Schau gestellte Sexualität. »Are the motherfuckers ready for the fatherfuckers?«, fragt sie auf ihrem neuen Album - und stellt damit auf radikalere Weise Geschlechterzuschreibungen in Frage als der in der Öffentlichkeit präsente, politische Teil der letzten Frauenbewegung. Der Reflex auf die Zudringlichkeit männlicher Sexualität ist nicht mehr Abwehr, sondern Angriff.

Manche Themen stellen sich nach einer neofeministischen Behandlung, dem »Re-Balancing«, wie es Emma Jeynes von Cake nennt, völlig anders dar: Pornografie etwa, von klassischen Feministinnen als Objektivierung der Frau verurteilt, wird auf seine stimulierenden Wirkungen abgeklopft. Wenn die Abbildung kopulierender Paare früher des Teufels war, geht es bei Cake eher darum, dass es zu wenig Pornos gibt, die Frauen in aktiven, zufriedenen Rollen auftreten lassen. Was für ihre Mutter das linke Kampfblatt »Emma« war, ist für die Töchter der Revolution die Zeitschrift »Bust«, die es tatsächlich schafft, Frauenbefreiung und Schminktipps glaubwürdig zwischen zwei Zeitschriftendeckeln unterzubringen.

Jasmin, 21-jährige Studentin der Innenarchitektur, erzählt, dass sie einen Freund hat, der aber gerade in Amerika ist. Was sie dann hier will? »Eine Liebhaberin finden.« Und der Freund? »Er würde uns sicher gerne dabei zusehen.« Auch Anne hat mir die Faszination der Cakepartys so beschrieben: »Hetero- und Homosexualität sind nicht klar getrennt, es ist eine gemischte Zone, in der man sich erlaubt, außerhalb immer noch bestehender Normen zu agieren.« Mittlerweile liegt sie allerdings in einer Ecke, unter dem Hübschen, der vorhin nicht aufs Podest durfte, und presst ihre Hüften gegen seinen Unterleib.

Die anderen Frauen amüsieren sich miteinander oder knutschen mit den Kerlen, die es verstanden haben, sich auf den experimentellen Modus dieses Abends einzulassen. Tatsächlich wirkt sich der Bruch mit den üblichen Mustern, nach denen sich die Begegnung zwischen den Geschlechtern im Nachtleben meistens abspielt, auch auf Männer befreiend aus. Die Angst, das Klischee vom dumpfen Macho zu bestätigen, lähmt sie schließlich genauso wie viele Frauen die Furcht vor dem Ruf einer Dorfmatratze. »Sobald sie einmal mitkriegen, dass auch wir auf sexuelle Abenteuer aus sind, setzt sich endlich was in Bewegung«, erklärt Emma. Es ist die berechtigte Hoffnung der Mütter von Cake, dass sich die allgemeine Verkrampfung lockert, wenn Frauen offener mit ihrer Sexualität umgehen.

Auf einer Bank sitzt ein Mädchen, das den Kopf auf Penishöhe eines Mannes rhythmisch nach vorne und hinten bewegt. Zwei Tänzerinnen schälen sich aus ihren Büstenhaltern und wetzen ihre Hintern aneinander. Dass Frauen sich heute abend dazu bekennen, als Subjekte sexueller Natur aufzutreten, ändert tatsächlich das Grundgefühl. Langsam vergesse ich die Probleme, die mich beschäftigen, seitdem man mir auf der Tanzfläche meine Jeans von den Hüften gezerrt hat: Wie lächerlich sehe ich eigentlich aus? Wie verstaut man ein Notizbuch in der Unterhose? Wie kann ich verhindern, dass ein Foto von mir auf dem Titel einer englischen Boulevardzeitung erscheint?

An der Bar sammeln sich die Männer, die sich vom Verlauf des Abends irgendwie betrogen fühlen. Erst hatten sie Angst vor der versammelten Nacktheit. Dann war plötzlich spürbar Sex in der Luft. Doch nach den ersten Annäherungen wollten die Frauen nicht mit ihnen nach Hause gehen, um die Sache ordnungsgemäß zu Ende zu bringen - sondern weiterfeiern. Als auch mich ein gewisses Unverständnis zu einem weiteren Kaltgetränk zwingt, packt mich Anne am Arm. Ihre Freundin Liv ist etwas blass im Gesicht.

Wir steigen in ein Taxi, Svenja und Ben kommen auch mit. »Mit Frauen ist es genau das Gleiche«, sagt Svenja. »Wenn du mit einer geknutscht hast, wirst du sie den ganzen Abend nicht mehr los.« Ob sie es schlimm findet, heute allein nach Hause zu fahren? Liv lacht müde. »Ich nicht. Ich habe mit acht Leuten rumgemacht. Das reicht.« Sie schläft im Bett von Anne, ein bisschen kuscheln. Svenja bekommt von Ben eine Fußmassage. Ich mache noch ein paar Notizen.

Am nächsten Morgen steht ein Freund des Hauses vor der Tür. Er hat in der Nähe geschlafen, bei der Frau im Angorahemdchen, mit der sowohl Anne als auch Liv und Svenja im Lauf des Abends zu Gange waren. »Ein Bombenarsch «, schwärmt er. Er ist sich mit Anne einig, dass die Angorafrau fantastisch küsst. »Du hattest auf der Party sicher die dicksten Eier, die je ein Mann hatte«, sagt sie. »Darauf kannst du wetten. Und den ganzen Abend eine Erektion«, sagt er. »Ich auch«, sagt Anne.

Dieser Artikel wurde von NEON zur Verfügung gestellt.

Autor: Oliver Stolle

Wissenscommunity