HOME

Valentinstag: Reine Herzenssache

Nur die Liebe zählt? Von wegen: Der Valentinstag ist vor allem ein Festtag für Konsum und Kitsch. Vergessen oder ignorieren sollten Sie ihn trotzdem nicht - es könnte schlimme Folgen haben.

Da haben Sie aber wirklich Schwein gehabt. Denn wenn Sie ein Mann sind und ehrlich, dann müssen Sie jetzt zugeben, dass Sie die ganze Angelegenheit beinahe wieder mal verpennt hätten. Und wir wissen, dass Sie dann eine Menge Ärger bekommen hätten. Insofern leistet der stern hier einen unschätzbaren Dienst am Leser, indem er ihn deutlich und gerade noch rechtzeitig warnt: Achtung, Freunde und glückliche Zufallsleser: Am 14. Februar ist Valentinstag!

Und es ist ja bekannt, was das bedeutet. Diesen Artikel können Sie zwar noch zu Ende lesen, aber dann sollten Sie auf der Stelle in die nächste erreichbare Innenstadt rennen und irgendwas in Herzform oder mit Blumen drauf kaufen. Wenn Sie keine eigenen Ideen haben, macht das auch nichts. Klauen Sie einfach eine von uns und behaupten Sie, Sie seien von ganz alleine drauf gekommen, und zwar schon vor geraumer Zeit, da Sie sich schon seit Monaten auf den Valentinstag freuen und die damit verbundene Gelegenheit, Ihre Zuneigung zu beweisen.

Ach, das finden Sie albern? Statt zu meckern, sollten Sie sich zunächst einmal freuen, dass Sie nicht in den Vereinigten Staaten zu Hause sind. Dort ist am 14. Februar die Hölle los, das Land versinkt in Polyester-Tangas mit Herzchen im Schritt, und man gewinnt aus der Ferne tatsächlich den Eindruck, dass heiratswillige Frauen dort mittlerweile per se beleidigt sind, wenn man ihnen den Antrag nicht am 14. Februar auf dem Dach des Empire State Building macht. In England und Frankreich wird der Valentinstag schon seit dem 14. Jahrhundert gefeiert, 600 Jahre müssen diese armen Menschen sich schon was Nettes einfallen lassen, während Deutschland erst seit 1950 dabei ist.

Ein Jahr vorher gab's nämlich das erste große Valentinsgeschenk: Das eingeschlossene Berlin wurde zu dieser Zeit über eine Luftbrücke versorgt. Am 14. Februar 1949 ließen die Flugzeuge Tausende kleiner, roter Herzen auf die Stadt regnen. Na, wenn das nicht anrührend ist.

Sie sind noch nicht überzeugt?

Sie denken nicht daran, sich einem gesellschaftlich verordneten Liebesbeweisritual unterzuordnen? Bezeugen Ihre Liebe lieber dann, wenn Ihnen danach ist, und nicht dann, wenn es alle konventionellen Trottel gleichzeitig tun? Glückwunsch an den beinharten Individualisten, aber so funktioniert es nun mal nicht. Entwe der alle oder keiner. So läuft das.

Denn es ist kein Spaß, wenn du dir als Frau eines Individualisten in deiner Power-Yoga-Gruppe am 15. Februar anhören musst, was die anderen zum Tag der Liebe bekommen haben. "Jippiiie, eine Fototorte mit unserem Hochzeitsbild!" "Hui, ein Briefbeschwerer mit eingelegten Feingoldblüten", "Boah, ein Rosengesteck in Herzform!"

Das sind phobische Erlebnisse.

Vergleichbar mit der strapaziösen Situation, wenn man als Mutter diverser Kinder am Muttertag leer ausgeht. Oder wenn man als Kleinstadt-Teenager, wo alte Bräuche noch in Gebrauch sind, am 1. Mai voller Erwartung vor die Tür tritt und dann sieht, dass alle Mädchen aus der Straße von ihren Verehrern doll geschmückte Maibäume bekommen haben. Fast alle.

Solchen entwürdigenden Erlebnissen kann man als Frau sehr schön in Saudi-Arabien entgehen. Dort nämlich ist das Schenken zum Valentinstag verboten. Es gilt als ketzerisch, wer schenkt, macht sich strafbar. Keine enttäuschten Hoffnungen, keine beschämenden Vergleiche, keine langen Schlangen vor Parfümerien und Blumengeschäften und keine nervigen Diskussionen mit Drückebergern, die behaupten, der Valentinstag sei die Erfindung eines gierigen und höchstwahrscheinlich in den USA beheimateten Floristen gewesen. Das stimmt nämlich gar nicht.

Der Valentinstag ist, wie der Name vermuten lässt, der Namenstag des heiligen Valentin. Von denen gab es allerdings einige, die in grauer Vorzeit ziemlich viel Gutes getan haben und deren selbstloser Taten am 14. Februar gedacht wird. Einer soll ein blindes Mädchen geheilt haben. Ein anderer schenkte den Liebenden, die an seinem Klostergarten vorbeispazierten, Blumen. Aber der beste und heroischste Valentin von allen war ein Erzbischhof, der im Jahr 269, gegen das ausdrückliche Verbot des Kaisers Claudius, Liebespaare nach christlichem Zeremoniell traute. Im Circus Maximus wurde der freundliche Bischhof gesteinigt und enthauptet.

Na ja, und seither steigen Mitte Februar die Preise für rote Rosen drastisch an, und Menschen mit so zwielichtigen Berufen wie "Profi-Liebesbrief-Autoren" haben gut zu tun. Der Einzelhandel jubelt, der Umsatz steigt, besonders bei Schokolade, Blumen, Schmuck und Parfüms.

Eine Frage, die übrigens auch historisch nicht hinreichend geklärt ist, ist die, wer eigentlich wem am Valentinstag etwas schenken muss. Zu einem Liebespaar gehören ja idealerweise zwei Leute. Die Japaner, gerne mal etwas übereifrig, wenn Sie mich fragen, beschenken am 14. Februar sogar ihre Vorgesetzten. Wenn Sie sich jetzt also auf den Weg in die Stadt machen, können Sie ja noch etwas für den Chef mitbringen. Da am Valentinstag auch niemand weiß, ob er was geschenkt bekommt oder nicht, ist es immer besser, etwas Geblümtes parat zu haben. So erspart man liebsten Menschen seelische Schäden. Und sich selbst viel Ärger. Worauf warten Sie noch?

Von Ildikó von Kürthy
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity