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Bei Anruf Liebe: Wie junge Kambodschaner der arrangierten Ehe entgehen

Arrangierte Ehen sind in Kambodscha an der Tagesordnung. Um ihr Liebesglück selbst in die Hand zu nehmen, greifen immer mehr junge Leute auf ihr Handy zurück - und wählen eine zufällige Telefonnummer.

Bei ihnen hat es geklappt: Sakphea und ihr Mann Ros Chanpisey bei ihrer Hochzeit

Bei ihnen hat es geklappt: Sakphea und ihr Mann Ros Chanpisey bei ihrer Hochzeit

Es fängt an mit einem geheimnisvollen Anruf. Vor ein paar Jahren geht Sakphea in Kambodscha an ihr Telefon, ohne die Nummer zu kennen. Am anderen Ende der Leitung ist ein Mann, den sie noch nie getroffen hat. Als die Studentin der Royal University of Phnom Penh ihn fragt, wer er denn sei, nennt der Unbekannte nur seinen Namen. "Ich möchte dein Freund sein", sagt er.

Die junge Frau legt auf, aber der Mann ruft von einer anderen Nummer erneut an. Immer und immer wieder, bis Sakphea schließlich nachgibt und beide anfangen, sich zu unterhalten. "Er hat begonnen, mich jeden Tag anzurufen - und er hat nach meiner Familie gefragt, nach meinem Studium, meinen Verwandten", erzählt die 25-Jährige heute.

Sakphea war, ohne es zu wissen, an einen der vielen Kambodschaner geraten, die mit Hilfe des Telefons einen Partner finden wollen. Männer und Frauen rufen zufällig ausgewählte Nummern an, bis sie jemanden vom anderen Geschlecht an der Strippe haben. Das Ziel: Mit etwas Glück jemanden kennen- und lieben zu lernen.

Speed Dating am Telefon

Der mysteriöse Anrufer von Sakphea, Ros Chanpisey, landete einen Volltreffer: Beide heiraten am Ende. Der 31-Jährige kommt aus einer wohlhabenden, aber traditionellen Familie. Seine Schwester ging eine arrangierte Ehe ein, wie sie in dem südostasiatischen Land noch üblich ist. Junge Leute hätten es normalerweise nicht in der Hand, wie sie ihren zukünftigen Partner kennenlernen. "Das hängt von den Eltern ab, oder vom Großvater", sagt Chanpisey.

Speed Dating am Telefon ist ein neuer Weg. Nach Einschätzung der Historikerin Trude Jacobsen begann dieser Trend mit den Zufallsanrufen, als in den 2000er Jahren mehr Menschen ein Handy hatten. Plötzlich sei es möglich gewesen, Leute zu kontaktieren, die nicht aus der Familie oder dem Bekanntenkreis kamen.

Manche lassen sich die Nummern auch von Wahrsagern vorhersagen, wie Jacobsen erklärt. Die Professorin der Northern Illinois University in den USA erforscht Gender-Fragen und Sexualität in Kambodscha. Nicht nur Anrufe, auch SMS gehen an Fremde. "Studenten haben mir erzählt, dass sie einfach anfangen, zufällige Nummern anzuschreiben, um zu sagen: 'Hey, ich bin der und der, willst du mich treffen?'"

Schattenseiten der Liebessuche

Heiratsvermittler Hash Veasna sieht Beziehungen, die am Telefon oder online beginnen, skeptisch. Das halte für gewöhnlich nicht lange, sagt er. Paare, die sich so kennenlernten, seien "zu jung und nicht verliebt". Es sei auch einfacher, im Internet oder bei einem Telefongespräch etwas Falsches über sich zu erzählen.

Wie gefährlich ein Treffen mit einem Unbekannten werden kann, zeigt ein Fall aus dem November. Eine Gruppe Männer vergewaltigte eine 20-Jährige, die sich am Telefon verabredet hatte, wie die Zeitung "Cambodia Daily" berichtete.

Meist steckten hinter den Anbandelungsversuchen aber ehrliche Absichten, sagt Forscherin Jacobsen. "Die Leute suchen eine aufrichtige Beziehung." Vor allem junge Frauen antworteten in dem Glauben, der andere sei auf der Suche nach Liebe.

Aber selbst wenn der Funke überspringt, sind Ehen längst nicht immer möglich. Viele versuchten, ihr eigenes Glück zu schaffen, sie schrieben bei Facebook die Freunde von Freunden an. "Aber am Ende zählt immer noch, ob die Eltern die Beziehung gutheißen", sagt Jacobsen. Wenn sie nicht zustimmen, ist eine Hochzeit meist unmöglich.

Erin Hale/DPA / DPA
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