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Bildung: "Ich habe fertig mit Goethe"

Viele Jugendliche haben mit Top-Managern eines gemeinsam: Sie können kein richtiges Deutsch. Einer der Gründe für die Misere liegt nach Ansicht von Fachleuten in der Bildung.

Viele Jugendliche haben mit Top-Managern eines gemeinsam: Sie können kein richtiges Deutsch. Zu diesem Schluss kamen Bildungsexperten bei einer Podiumsdiskussion der Wirtschaftsjunioren in Frankfurt zum Thema "Ich habe fertig mit Goethe - Ist unsere Sprachausbildung noch zeitgemäß?". Während sich der Nachwuchs mit Konstrukten wie dem "voll krassen Oberhammer" artikuliere, verunglimpften die Führungskräfte die deutsche Sprache mit Worten wie den "zentralen Eckpfeilern" oder dem "interdependenzialen Beziehungsgeflecht".

Generell stellten die Teilnehmer dem Deutschen und seinen Sprechern in der heutigen Zeit ein schlechtes Zeugnis aus. Sie beklagten die Bläh-, Beamten-, oder Jugendsprache, falsche Grammatik, Anglizismen oder fehlenden Wortschatz. "In den heutigen Familien wird nicht mehr gesprochen, sondern lediglich noch kommuniziert", sagte der Sprecher der Gesellschaft für deutsche Sprache ("Unwort des Jahres"), Prof. Horst Dieter Schlosser.

Steht es wirklich so schlimm um die deutsche Sprache?

"Die Kluft wird immer größer"

Immer weniger junge Deutsche beherrschten ihre Muttersprache umfassend. "Ich habe es an der Universität mit angehenden Deutschlehrern zu tun, die reihenweise Rechtschreibfehler machen und beispielsweise noch nie etwas von der Vorvergangenheit (Plusquamperfekt) gehört haben", meinte Schlosser, der auch Dozent an der Goethe-Universität in Frankfurt ist. Zu seinen seit längerem geplanten Projekten gehört ein Buch mit dem Titel "Deutsch für Deutschlehrer".

Einer der Gründe für die Misere liegt nach Ansicht der Fachleute in der Bildung. "Das deutsche Schulsystem ist strukturell so angelegt, dass es schon früh verschiedene Klassen bildet", sagte der Juniorprofessor für Medienkommunikation an der Universität Hannover, Jannis Androutsopoulos. "Die Kluft zwischen Schülern mit hohem Sprachniveau und denjenigen mit sehr geringen Kenntnissen wird immer größer", bestätigte der Rektor einer Sprachheilschule, Bernhard Jäger.

"Wenn die Worte fehlen, wird zugeschlagen"

Bei der Bahn sei es schon etwas Besonderes, wenn eine fehlerfreie Bewerbung ankomme, sagte der Trainer für Personalmanagement der Deutschen Bahn, Carsten Mann. Im Gespräch fehlten den Ausbildungsanwärtern oft die Worte. Mann verwies auf ein Rollenspiel, in dem der Auszubildende als Zugbegleiter auf einen genervten Fahrgast trifft. "Es ist überraschend, wie schnell viele Jugendliche die Fassung verlieren und den Fahrgast beschimpfen", berichtete Mann. Die Sprachlosigkeit kann nach Ansicht von Schulleiter Jäger auch Grund für eine steigende Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen sein. "Wenn die Worte fehlen, wird zugeschlagen", meinte er.

Die Ursachen für die schwindende Sprachkompetenz sind nach Ansicht der Experten vielfältig. "Die Deutschen haben einfach ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Sprache", diagnostizierte der Romanist Roland Kaehlbrandt von der Hertie-Stiftung. In keiner anderen Sprache würden so viele Worte komplett durch Englisch ersetzt und sammle sich so viel "Sprachmüll" an. Kaum einer könne sich heute noch präzise und deutlich ausdrücken.

Dieser negativen Einschätzung wollte jedoch nicht alle bei der Diskussion folgen. Ein Zuhörer gab zu bedenken, ob nicht die Fähigkeit, eine Handy-Kurzmitteilung zu verfassen oder sich im Internet-Chatroom verständlich zu machen, auch Sprachkompetenz sei.

Miriam Bandar, dpa

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