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Bildung: Triumph für Struwwelpeter-Schulen

Konsequenz aus dem gesamtdeutschen Pisa-Debakel: Deutlich weniger statt mehr gemeinsamen Unterricht von Lernschwachen und Leistungsstarken. Gerade aber solche Maßnahmen sind bei den erfolgreichen Reformschulen in Wiesbaden und Bielefeld verpönt.

Für Schulreformer gelten sie als Mekka der deutschen Pädagogik. Für die Kultusminister dagegen sind sie die ungeliebten Struwwelpeter-Schulen und Relikte der Gesamtschul-Pädagogik der 70er Jahre. Die beiden wohl profiliertesten deutschen Reformschulen, die Laborschule in Bielefeld und die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden warten beim Schulleistungstest PISA überraschend mit Traumnoten auf. Die Kultusbürokratie ist irritiert.

Spitzenleistung passen nicht in den Kurs

Denn die von den Schulen stolz präsentierten Spitzenleistungen passen nicht in den offiziellen Kurs, den die Kultusminister bisher unisono als Konsequenz aus dem gesamtdeutschen PISA-Debakel eingeschlagen haben: Mehr Pauken und Kontrollen, verschärften Leistungsdruck und Abkehr vom Gesamtschulprinzip - also deutlich weniger statt mehr gemeinsamen Unterricht von Lernschwachen und Leistungsstarken. Gerade aber solche Maßnahmen sind bei den erfolgreichen Reformschulen in Wiesbaden und Bielefeld verpönt und gelten als »Griff in die pädagogischen Mottenkiste«.

In der 1974 von dem Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig gegründeten Laborschule gibt es bis zur neunten Klasse keine Noten und kein Sitzenbleiben - ähnlich wie in den PISA-Spitzenländern Finnland und Schweden. Eingeschult werden die Kinder schon mit fünf Jahren. Lernschwache werden nicht zur Sonderschule überwiesen. Die Schule ist eine riesige Halle ohne geschlossene Klassenräume. Ihre 660 Schüler lernen auf nur locker voneinander abgetrennten »Inseln« in altersgemischten Lerngruppen. Fast unfassbar für Besucher ist dabei die Ruhe. Es gibt keine unerwünschten Graffiti, keinen Vandalismus.

Als einzige Versuchsschule in Deutschland ist sie der benachbarten Universität Bielefeld direkt zugeordnet. Den Vorhalt, die Laborschule sei schließlich besser als andere Ganztagsschulen mit Lehrern und Sachmitteln ausgestattet, begegnet Schulleiterin Susanne Thurn mit dem Hinweis auf das Forschungsengagement vieler Lehrer, für das es Stundenermäßigung beim Unterricht gibt. Wie ihre Wiesbadener Kollegin Enja Riegel darf sich Thurn jeden neuen Lehrer für das Kollegium nach eigenen Kriterien selbst auswählen. Riegel sagt dazu: »Ich will an meiner Schule nur die Wagemutigen. Viele Lehrer sind lebende Klagemauern.«

Für einen Schauspiellehrer putzen Schüler ihre Schule

Die Wiesbadener Schule, ein ehemaliges Gymnasium, das sich 1986 freiwillig in eine integrierte Gesamtschule umwandelte, arbeitet ohne Uni-Anbindung eher unter Normalbedingungen. Dabei fielen dort die PISA-Ergebnisse sogar noch überzeugender als in Bielefeld aus. Auch hier gibt es kein Sitzenbleiben und in den ersten Klassen keine Noten. Dass ihre Schüler beim PISA-Haupttestfeld Lese- und Textverständnis mit 579 Punkten sogar besser waren als PISA-Sieger Finnland (546), wundert Riegel nicht. Theaterspielen ist ein Schwerpunkt der Schule. Dazu wurde eigens ein Schauspieler angeheuert. Das Honorar erarbeiten sich die Schüler selbst, in dem sie ihre Schule putzen.

In Naturwissenschaft schlugen die Wiesbadener Gesamtschüler das PISA-Siegerland Korea. In Bielefeld sind die Lehrer, die sich freiwillig zum PISA-Nachtest entschlossen, besonders stolz darauf, dass man in Lesen und Naturwissenschaften den deutschen PISA-Sieger Bayern auf Platz zwei verwies. Dabei schielen doch auch SPD-Kultusminister jetzt gern auf bayerische Pädagogik und ignorieren dabei ihre Ideale von einst.

Das gute Abschneiden der beiden Reformschulen erinnert zugleich an die ungelöste Schul-Strukturfrage. Denn die deutschen Schulen brauchen nicht nur eine Qualitätsoffensive im Unterricht. Der jüngste OECD-Bildungsbericht hat erneut belegt, dass die Bundesrepublik mit ihren im internationalem Vergleich dürftigen Abiturientenzahlen einem dramatischen Fachkräftemangel entgegensteuert. Für eine höhere Bildungsbeteiligung müssten aber wie in anderen Industrienationen »Begabungsreserven« bisher bildungsferner Schichten durch mehr soziale Förderung erschlossen werden. Doch darauf haben die Kultusminister bei ihren vielen PISA-Maßnahmenkatalogen bisher kaum eine Antwort gefunden.

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